SZ: Hat Geld bei Ihrer Berufswahl eine Rolle gespielt?
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Eppler: Nein. Ich hab ja Englisch, Deutsch, Geschichte studiert. Ich hätte an der Universität bleiben können, hab das aber dann nicht gemacht, weil ich in die Politik gesprungen bin.
SZ: Wie schwer empfinden Sie die jetzige Wirtschaftskrise?
Eppler: Seit Gründung der Bundesrepublik ist dies jetzt die ernsthafteste Krise. Wenn ich jetzt sehe, wie mit Hunderten von Milliarden jongliert wird, dann wird mir schwummrig. Ich finde überhaupt, dass die Relationen total durcheinandergeraten sind. Als ich Minister war, war es einigermaßen klar, ein Minister verdient das Fünffache eines Arbeiters. Und ein Vorstandsvorsitzender verdient wiederum das Fünffache eines Bundesministers, also das 25-Fache eines Arbeiters. Das war unter Adenauer so, das war unter Brandt so.
SZ: Wann fing es Ihrer Meinung nach an, ungerecht zu werden?
Eppler: Ich unterscheide nicht zwischen gerecht und ungerecht.
SZ: Sondern?
Eppler: Zwischen einer hinnehmbaren Ungerechtigkeit und einer nicht mehr hinnehmbaren. Dass der Junggeselle einen Porsche fährt und der Vater von fünf Kindern einen Golf, das ist zwar vielleicht ungerecht, aber es ist hinnehmbar. Und dann gibt es eine Ungerechtigkeit, die politisch relevant wird, weil die Menschen sagen: In so einer Gesellschaft wollen wir nicht leben. Zum Beispiel, wenn ein Bankchef das 200-Fache seiner Angestellten verdient. Und dann 2000 Menschen entlässt.
SZ: Sie meinen Josef Ackermann, den Chef der Deutschen Bank.
Eppler: Ja.
SZ: Seit wann empfinden Sie diese nicht hinnehmbare Ungerechtigkeit?
Eppler: Das ist mit der marktradikalen Welle gekommen, die in den angelsächsischen Ländern schon in den achtziger Jahren begonnen hat.
SZ: Mit Margaret Thatcher und Ronald Reagan.
Eppler: Ja, und die dann nach der Implosion des Kommunismus über Europa hinwegschwappte.
SZ: Fühlen Sie sich heute bestätigt, als einer, der schon immer für einen starken Staat eingetreten ist?
Eppler: Ich bin seit etwa zehn Jahren zu der Überzeugung gekommen, dass die große Gefahr des 20. Jahrhunderts die überbordende Macht des Staates war; und dass die große Gefahr des 21. Jahrhunderts der handlungsunfähige, hilflose, erpressbare Staat ist. Heute bin ich da noch sicherer.
SZ: Verspüren Sie Genugtuung, weil Banker beim Staat um Geld betteln?
Eppler: Ich neige nicht zur Schadenfreude. Außerdem haben die vielleicht Hintergedanken.
SZ: Welche denn?
Eppler: Na, sie holen sich den Staat als Sanitäter, der soll ihre Wunden verbinden, und dann machen sie genauso weiter wie vorher. Soweit ich noch etwas tun kann, will ich genau dies verhindern. Der Staat muss der Arzt sein, der dem Patienten Ratschläge gibt.
SZ: Wie?
Eppler: Ja nun, die Vorstellung, dass der Markt immer klüger ist als die Politik, das müssen wir uns abschminken. Jetzt muss die Politik das ausbügeln, was deregulierte Märkte angerichtet haben.
SZ: Die Deregulierung war Plan der Politik.
Eppler: Die Politik wurde verführt, oft erpresst, von Medien getrieben.
SZ: Und hat nichts dagegen getan.
Eppler: Nicht nichts, aber nicht genug. Wir können froh sein, dass wir jetzt den Staat noch haben.
SZ: Wohl wahr, aber viele Politiker saßen auch in den Aufsichtsgremien von Landesbanken, haben zugesehen und nichts gemacht. Woher nehmen Sie den Glauben, dass der Staat es richtet, wenn er doch selbst versagt hat?
Eppler: Die Landesbanken sind für mich überhaupt kein Argument.
SZ: Wieso?
Eppler: Ich stelle mir vor, ich wäre im Aufsichtsrat einer Landesbank gewesen. Was hätte ich wohl getan, wenn gestandene Banker mir gesagt hätten: Wir haben dies und das da angelegt, das ist sicher. Und die Ratingagenturen hätten das auch gesagt. Ich hätte doch nicht beweisen können, dass das nicht stimmt.
SZ: Genau deshalb hat der Staat als Regulierer des Finanzmarktes versagt.
Eppler: Das sagen jetzt genau die Leute, die, wenn man reguliert hat, laut aufgeschrien haben. Die gesamte Ideologie war ja: Der Markt macht es schon allein.
Diejenigen, die gesagt haben, der Markt macht es nicht allein, die hat man für verrückt erklärt. Ich habe da Erfahrung.
SZ: Selbst in der SPD.
Eppler: Manchmal selbst in der eigenen Partei.
SZ: Was ist jetzt zu tun?
Eppler: Eines sicher nicht: Wer jetzt Steuersenkungen verlangt für die Zukunft, der programmiert die Inflation.
SZ: Ihre SPD facht genau dieses Wahlkampfthema an.
Eppler: Das stimmt nicht. FDP und CSU haben gewaltige Steuersenkungen versprochen. Die Frage ist: Welche Partei ist am besten geeignet, mit der Krise umzugehen? Die FDP sicher nicht . . .
SZ: ... die gewinnt aber in Umfragen.
Eppler: Das liegt daran, dass die Union und die SPD die FDP schonen, weil sie beide glauben, sie könnten sie mal brauchen.
SZ: Zum Beispiel Ihr Kanzlerkandidat Steinmeier.
Eppler: Ich will darüber jetzt nicht philosophieren. Der kann sich die Welt auch nicht malen.
SZ: Schade.
Eppler: Also, die FDP hat ihre marktradikale Position nicht verändert.
SZ: Aber Steinmeier dient sich doch der FDP an. Wie passt das zusammen?
Eppler: In der Sache tut er es nicht - siehe Reichensteuer.
SZ: Zum Schluss noch eine Klischeefrage: Sind Sie ein typischer Schwabe, was das Geld angeht?
Eppler: Ich fürchte ja. Wie mein Vater auch. Man könnte mir nicht den Vorwurf machen, den Helmut Schmidt mal Willy Brandt gemacht hat, dass er nämlich Millionen und Milliarden nicht auseinanderkennt. Im Falle von Brandt war der Vorwurf übrigens falsch. Und bei mir wäre er völlig absurd: Als Schwabe kenne ich selbst den Unterschied zwischen einem und zwei Euro genau, auch zwischen 20 und 50 Cent.
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(SZ vom 24.04.2009/hgn)
Rekord in Deutschland
die staatliche Aufsicht versagt, wenn man es aus heutiger Sicht betrachtet. Wenn man vom Rathaus kommt, ist man bekanntlich klüger. Allerdings muss ich Herrn Eppler Recht geben wenn er sagt, dass es zu den Hochzeiten des Börsenhypes praktisch unmöglich war, an verantwortlicher Stelle gegen "allen gebündelten Sachverstand" der Bankenlobby eine vernünftige Regulierung der Märkte durchzusetzen. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich milde belächelt wurde, als ich mich weder für T-Mobile noch für Infinion Aktien interessiert habe. Heute klagen die Aktienbesitzer gegen T- Mobile. Als Herr Kohl sagte, dass es in wenigen Jahren blühende Landschaften zum Nulltarif geben werde, haben ja auch fast alle Hosianna geschrien und Oskar Lafontaine in die Wüste geschickt. Also, Politik ist die Kunst des Machbaren und was heute Allgemeingut ist, nämlich die Notwendigkeit zur Regulierung der Finanzmärkte, war vor vier Jahren noch Teufel und Beelzebub in Personalunion. Regierungsverantwortung ist nun mal abhängig von gewonnenen Wahlen.Wenn das Volk also nach "panem et circenses" ruft, aber sich gleichzeitig weigert, dem Kaiser zu geben was des Kaisers ist, dann kommt halt sowas dabei raus. In der ganzen Diskussion ist mir zuviel ," wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass" ,dabei.
Ich sehe das genauso wie Expat und neuer.morgen.
Die Weltwirtschaftskrise begann am 24.10.1929 mit dem großen Crash und dauerte im Prinzip bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges 1941. Dass ich jemand dann durchaus an Begebenheiten aus dieser Zeit erinnern kann ist nicht so abwegig wie manch einer hier behaupten möchte. Auch ich kann mich durchaus aus besonders einprägsame Vorfälle aus einer Zeit erinnern, in der ich so um die 4 bis 5 Jahre alt war. Die Tochter meines Lebensgefährten erinnert sich an kleine Vorkommnisse zu einer Zeit als sie 3 Jahre alt war. Sie verblüfft ihre Eltern damit immer wieder.
Mich wundert wieso auf so etwas herumgeritten wird, wenngleich dieser Artikel eine völlig andere Aussage hat. Eine Aussage übrigens, über die es sich durchaus auch lohnen würde einmal nachzudenken, wie ich meine.
Und zwar fernab von irgendwelchen parteipolitischen Sperenzchen.
Auf die Feststellung des Interviewers, dass der Staat als Eigentümer der Landesbanken ja bewiesen habe, dass er als Regulierer nicht taugt, hat Herr Eppler nur ausweichende Antworten.
Leider wurde da nicht nachgehakt, denn aus welchen Gründen auch immer: Der Staat hat hier versagt. Das ist Fakt.
Ich weiss nicht was daran pingelig ist wenn man darauf hinweist dass Eppler sich hier die Wahrheit zurechtbiegt wenn er von seinen angeblich eigenen (nicht die seiner Mutter) Erinnerungen und Erfahrungen von 1929 schwadroniert. Dass das so nicht stimmen kann ist wohl klar. Aber es macht sich halt gut als Einstieg in dieses ziemlich flache Interview aus dem man schliessen muss dass die SPD wohl nie in der BRD an der Macht war.
Und was Staat-Markt betrifft, da ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen, egal was Eppler da verzapft. Wenn eine wenn auch grosse Krise genug waere um hier eine Entscheidung zu treffen dann duerfte es schon lange keinen einzigen Staat mehr auf der Welt geben.
Ich unterstütze Ihren Beitrag an die Adresse derer,die in pingeliger Weise Jahre zählen, um Eppler zu desavouieren.
Ich bin lange nach Eppler geboren und trotzdem sind seine Jugenderfahrungen - via die ständigen Erzählungen meiner Großeltern - auch mir präsent. Wenn Eppler 1926 geboren wurde, kam er 1932 in die Schule und konnte sich, wie er sagte, für 4 Pfennige eine Brezel kaufen.Damit konnte er den Wert der Geldspende seiner Mutter an Bettler wohl beurteilen.Auch ich kann heute noch kein Essen wegwerfen, am wenigsten Brot.Ich hörte immer von meinen Großeltern (vor Eppler geboren), welch unstillbaren Hunger sie gehabt hätten.Bei uns in der Familie hieß es immer, Essen wegwerfen ist eine Sünde, vor allem, wenn man daran denke, daß andere in der Welt sich nicht sattessen könnten. Ich weiß, völlig unzeitgemäß, das zu sagen.Aber daß Eppler von der Zeit um 1929 herum nachhaltig geprägt wurde, daran besteht für mich kein Zweifel, denn die Jahre danach waren ebenfalls sehr, sehr schlimm. Dies zu Epplers Erinnerungen - mal ganz ohne jegliche parteipolitische Tendenz angemerkt.
Paging