SZ: Wo sparen Sie?

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Passadakis: An der Kleidung.

SZ: Ihr Hemd heute...

Passadakis: ... kostet fünf oder sieben Euro im Second-Hand-Shop. Ich hab auch manchmal was von meinen Brüdern mitgenommen.

SZ: Die mussten früher die abgelegten Klamotten des älteren Bruders auftragen und jetzt ist es umgekehrt?

Passadakis: Die protestieren teilweise.

SZ: Weil Sie nicht die ausrangierten Sachen nehmen, sondern die schönen Stücke?

Passadakis: Neulich habe ich einen langärmeligen Pullover anprobiert. Der stand mir gut, da habe ich ihn mitgehen lassen. Ich habe dann nachher angerufen und gefragt, ob ich ihn behalten kann.

SZ: Das erinnert uns an den "proletarischen Volkseinkauf", wo Autonome im Supermarkt Waren geklaut haben.

Passadakis: Das gibt es ja teilweise heute noch. Ich würde mich nicht als besonders radikal sehen. In Berlin gibt es eine Szene, da gehen die Leute containern.

SZ: Containern?

Passadakis: Die gehen zu den Müllcontainern der Supermärkte und holen sich da raus, was sie brauchen.

SZ: Würden Sie das auch machen?

Passadakis: Nein. Dafür bin ich wohl zu bequem. Es widerspricht auch meinem Bild von einem würdigen Leben.

SZ: Bei dem Container-Essen wäre es auch schwer, vegetarisch zu bleiben.

Passadakis: Ehrlich gesagt gibt es in dieser Szene ziemlich viele Vegetarier.

SZ: Wie erklären Sie, dass die Deutschen in der schlimmsten Finanzkrise seit 1929 eine liberal-konservative Regierung gewählt haben?

Passadakis: Ich bin noch ziemlich gelähmt.

SZ: Halten Sie die Deutschen für zu blöd, um das zu wählen, was aus Ihrer Sicht gut für sie wäre?

Passadakis: Nein. Eine Wahlentscheidung hängt von vielen Dingen ab. Meine Tante zum Beispiel ist bei der Frauen-Union, und das hat nichts mit ihrer politischen Position zu tun, sondern damit, dass da ihre Freundinnen sind. Sie ist eben in dem Milieu aufgewachsen und fühlt sich da wohl. Nur eine Minderheit wählt nach Wahlprogramm.

SZ: Es fällt auf, dass Attac und der Globalisierungskritik Anfang des Jahrzehnts großer Zulauf prophezeit wurde. Jetzt halten sich die Mitgliederzahlen in Grenzen, trotz Finanzkrise.

Passadakis: Der Neoliberalismus war in den 90er Jahren sehr erfolgreich, er hat einen Asozialismus als Individualismus verkauft. Gleichzeitig ist es sehr schwierig, in unserer Gesellschaft Milieus zu finden, die gegen das marktwirtschaftliche Modell Widerstand leisten.

SZ: Falls Sie noch Bundeskanzler werden, was würden Sie in einem solchen Fall alles ändern?

Passadakis: Ach, ganz viel. Wir brauchen mehr Umverteilung. Zum Beispiel durch eine gerechtere Einkommensteuer und eine Abgabe von fünf bis 20 Prozent auf große Vermögen.

SZ: Finden Sie es nicht befremdlich, Menschen viel von dem Geld wegzunehmen, das sie verdient haben?

Passadakis: Es ist doch meist ein Mythos, dass jemand Geld hat, weil er viel geleistet hat. Das hängt von gesellschaftlicher Macht und historischen Zufällen ab. In Jülich, wo ich herkomme, gibt es eine Familie, die nach dem Zweiten Weltkrieg für einen Appel und ein Ei zerbombte Innenstadtgrundstücke aufkaufte. Mein Großvater, ein Grieche, wurde zur gleichen Zeit aus der Zwangsarbeit entlassen. Er hatte keine müde Mark. Er kochte dann bei den US-Streitkräften.

SZ: Das Leben ist ungerecht?

Passadakis: Meine Familie ist vor 200 Jahren von Kreta in die Nähe von Istanbul gezogen. Sie züchteten dort Seidenraupen. 1922 wurden die Griechen vertrieben. Sie haben ein Teil ihres Goldes im Garten vergraben, in der Hoffnung, dass sie wieder zurückkommen. Nach dem vergrabenen Gold hat ein Onkel meines Großvaters später noch mal gesucht, aber das Dorf war so zerstört, dass er es nicht wieder gefunden hat. Das zeigt doch ganz eindeutig, dass die Verteilung von Reichtum historisch bedingt ist.

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  1. "Eine FDP-Frau? Kommt nicht in Frage!"
  2. "Ich gehe zur Oper, wie ich an dem Tag eben gerade angezogen bin."
  3. Sie lesen jetzt Nur eine Minderheit wählt nach Wahlprogramm.
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(SZ vom 06.11.2009/tob)