SZ: Die Menschen sind freilich bald wiedergekommen und haben allerorts skandiert: "Kommt die D-Mark nicht zu mir, dann gehe ich zu ihr!" Hat der Geldmann Most gewusst, was mit dem Einzug der Westmark auf die Leute zukommen würde?

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Most: Alle Konsequenzen waren mir nicht klar. Aber ich habe schon die Gefahren gesehen, die mit dem Einzug der D-Mark, oder sagen wir gleich des Kapitals, auf uns zukommen würden. Darum habe ich auch unsere bis dato geheime Staatsbank-Bilanz im April 1990 mit zu Helmut Kohl genommen.

SZ: Was stand da drin?

Most: Die Höhe unserer Schulden, die realen Werte der DDR-Wirtschaft, das vom Staat festgelegte Preis- und Wertgefüge. Mir war klar: Kommt die Währungsunion so schnell wie geplant und zu den vorgesehenen Umtauschsätzen, dann ist die Masse der Betriebe pleite, mit allen Folgen für die Arbeitsplätze. Herr Kohl, habe ich den Kanzler gewarnt, Sie haben einen Wechsel unterschrieben, ohne die Summe zu kennen.

SZ: Und Kohl darauf?

Most: Ich bin Politiker und muss politisch entscheiden, hat er mir geantwortet. Ihr Wirtschaftler werdet die Probleme schon lösen. So hat Mittag auch immer geredet, wenn die Partei fernab der ökonomischen Realitäten ihre Beschlüsse gefasst hat: Lasst euch mal was einfallen.

SZ: Erst Staats-, dann Deutschbanker - sind Sie damit nicht zum "Steigbügelhalter des Kapitals" geworden, wie Karl Marx gesagt hätte?

Most: Ich habe diesen Begriff aus den Parteischulungen auch noch drauf. Aber mein Bild über die Deutsche Bank, über Abs und Co., die für uns Inbegriff des inhumanen und zügellosen Kapitals waren, ist in der Nachwendezeit völlig zerrissen worden. Ich habe unter Kopper, Breuer und Ackermann gearbeitet - die Leute haben mich ernst genommen und immer ehrenhaft behandelt.

SZ: Keine Frage, das gehört zum Stil eines Bankers. Aber waren Sie, nüchtern betrachtet, für die Chefs der Deutschen Bank wirklich mehr als nur der "nützliche Idiot", der dem Institut den Weg in das Geschäftsfeld Ost geebnet hat?

Most: Keine Frage, ich war für sie ein Pfadfinder in den Osten. Aber die Leute waren auch willig, von mir zu lernen. Auf meine Initiative hin hat sich die Deutsche Bank dort neue Strukturen und Geschäftsfelder geschaffen, die es bislang bei ihr so nicht gab.

SZ: Zum Beispiel?

Most: Der gesamte Bereich Landwirtschafts- und Kommunalfinanzierung wurde neu geschaffen. Andere Privatbanken haben sich aus dem Osten teilweise wieder zurückgezogen, als die Unternehmen mehr und mehr ausfielen. Wir sind geblieben und haben Arbeitsplätze erhalten.

SZ: Auch Ihren?

Most: Auch meinen, Gott sei dank. Mein Herz schlägt für den Osten. Ich konnte für meine Leute dort nur etwas tun, weil ich die Deutsche Bank und deren Kapital im Rücken hatte. Ich habe Gysi mal gesagt: Mit dem Kapital, das du verfluchst, habe ich in Ostdeutschland Arbeitsplätze erhalten. Wenn du es verfluchst und keine andere Lösung hast, dann geht dort noch mehr Beschäftigung verloren. Du musst das Kapital einbinden. Als Ossi und Banker habe ich gelernt, mit dem Kapital zu tanzen.

SZ: Erst mit dem Teufel, jetzt mit dem Kapital?

Most: Meinetwegen, ich kann die Welt nicht verändern, im Detail aber ein bisschen besser machen. Bis heute sehe ich in erster Linie die gesellschaftliche Aufgabe des Geldes, erst danach kommt für mich das Interesse der Bank, Geld zu verdienen. Das Verdienen kommt eh von selbst.

SZ: Das heißt?

Most: Man darf nicht erst die Hand aufhalten, sondern muss zunächst etwas leisten. Ich weiß, dass gegen mein Prinzip in der Finanzwelt ständig verstoßen wird. Das Kapital wird mehr und mehr Selbstzweck und ist nicht mehr Mittel zum Zweck. Die gesamte soziale Symmetrie gerät damit aus den Fugen.

SZ: Das Kapital schert sich nicht darum, Geld ist schon von der Sache her sozial unempfindlich.

Most: Das treibt mich um. Es kann nicht sein, dass der erreichte Reichtum in immer weniger Hände fließt und der große Rest fast nichts bekommt.

SZ: Das sagt ein ostdeutscher Gewinner, der mit der Einheit zu den Vermögenden aufgestiegen ist.

Most: Natürlich bin ich ein Gewinner der Einheit. Übrigens der Einzige in der Familie, meine beiden Brüder und meine Schwester sind nach der Wende arbeitslos geworden. Und die meisten meiner Schulfreunde auch.

SZ: Haben Sie die Freunde noch?

Most: Na klar, ich habe alle die Freunde noch. Auch die Familie hält zusammen. Ich würde trübselig werden, wenn das mit ihnen kaputtgehen würde in dieser verrückten Welt, in der sich nach der Wende für uns alles auf den Kopf gestellt hat.

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(SZ vom 18.4.2008/jkf/mel)