Reden wir über Geld: Daniel Cohn-Bendit "Große Mephistos"

SZ: Veränderten Sie sich, als Sie mit 23 in die Geschichte eingingen?

Cohn-Bendit: Ich wurde ein anderer Mensch. Plötzlich war mein Gesicht auf der Titelseite der Medien. Die Frauen schauten mich ganz anders an. Ich verlor die Bodenhaftung, wusste nicht mehr, wer und wo ich bin, habe irgendwelche Sätze gesprudelt. Mein Glück war, dass ich aus Frankreich ausgewiesen wurde.

SZ: Sonst wären Sie übergeschnappt?

Cohn-Bendit: Definitiv. In den WGs in Deutschland habe ich eine neue Heimat gefunden. Und ich habe mich verliebt. Dadurch konnte ich besser überwinden, dass ich aus meinem Land rausflog.

SZ: Wie sahen Sie den Sozialismus?

Cohn-Bendit: Ich hab ich immer gesagt: Sozialismus heißt Austern für alle.

SZ: Ihre langjährige Antipodin im EU-Parlament, Sahra Wagenknecht, isst lieber Hummer, und das alleine. Sie will nicht, dass es in der Zeitung steht.

Cohn-Bendit: Das ist das Verkniffene an der Wagenknecht: Heimlich Hummer essen. Die wird nie gut ankommen.

SZ: Sie haben es wahrscheinlich als einziger Europäer geschafft, je zweimal die deutschen und die französischen Grünen ins EU-Parlament zu führen. Was macht Ihren Erfolg aus?

Cohn-Bendit: Hm. Ich bin anders als viele Politiker. Lockerer, direkter, freier. Auch den eigenen Leuten gegenüber kritisch.

SZ: Ihrem alten Freund Fischer warfen Sie mal "Altersstarrsinn" vor.

Cohn-Bendit: Andere Grüne haben mich dafür furchtbar kritisiert: "Das kannst Du doch zu Joschka nicht sagen." Joschka hat sich gar nicht gemeldet. Der verstand, warum ich das sagte (lacht).

SZ: Sie werden bis heute ständig mit der Zeit als roter Dany 1968 auf den Pariser Barrikaden in Verbindung gebracht. Nervt das manchmal?

Cohn-Bendit: Ich finde es faszinierend, wie sich diese Zeit bei den Menschen eingeprägt hat. Aber: Vergesst 68, das ist vorbei. 68 war die Antwort auf die Fragen von damals, die autoritäre Gesellschaft zum Beispiel.

SZ: Vergesst 68, sagt eine Ikone der Bewegung. Welche Fragen stellen Sie denn heute?

Cohn-Bendit: Na schauen Sie doch auf die Finanzkrise. Das war der Zusammenbruch einer Weltreligion, die da hieß: Der Markt kann alles, richtet alles und bringt uns Glück. Plötzlich haben alle gemerkt, dass der Markt nicht alles kann. Und dass seine Logik zum Zusammenbruch führt.

SZ: Haben Sie das kommen sehen?

Cohn-Bendit: In meinem ganzen antikapitalistischen Denken hätte ich nie geglaubt, dass es die Banken so weit treiben. Es ist nach der Krise zu schnell vergessen worden, wie verrückt die Banker gehandelt haben. Die waren große Mephistos, die nichts mehr im Griff hatten.

SZ: Sie sagen, die Religion brach zusammen, aber was haben wir jetzt?

Cohn-Bendit: Immerhin: Vor der Krise war das Wort der Stunde Deregulierung, jetzt ist es Regulierung. Das ist schon ein Unterschied. Da können die Banker sagen, was sie wollen. Sie haben ja schon bewiesen, dass sie verrückt waren.

SZ: Gibt es etwas, das Sie in Ihrem Leben gerne anders gemacht hätten?

Cohn-Bendit: Nein, nichts. Doch, Moment! Ich wäre lieber früher Vater geworden. Das ist die Lebenserfahrung, die mich am meisten geprägt hat. Zu erleben, wie sich mein Sohn Bela entwickelt, das ist phantastisch. Ich war schon 40, als er geboren wurde, habe lang gezögert. Ich fühlte mich nicht reif und dachte, das kriege ich nicht hin. Ich wollte unbedingt ein guter Vater sein.

SZ: Und, sind Sie es?

Cohn-Bendit: Meine Frau sagt immer, ich sei die geborene jüdische Mamme. Ich hab eine sehr enge Bindung zu meinem Sohn. Loslassen ist nicht so meins.

SZ: Ist Ihr Sohn Ihnen ähnlich?

Cohn-Bendit: In manchem ja, in anderem gar nicht. Er ist sehr leistungsorientiert. Stellen Sie sich vor, er will Banker werden und viel Geld verdienen.

SZ: Ach was! Und was sagen Sie dazu?

Cohn-Bendit: Was soll ich schon sagen?