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Reden wir über Geld: Alfred Dorfer "Ein Motorrad-Führerschein ist viel peinlicher als eine neue Frau"

Der Wiener Kabarettist Alfred Dorfer nimmt gerne Männer in der Midlife-Crisis aufs Korn. Dabei steckte er selbst lange in einer: Er trank, zog zeitweise nach Rom und schrieb eine Doktorarbeit. Ein Gespräch über seine Kindheit in einer Sozialsiedlung, versoffene Fußballtrainer und die abendliche Gage.
Alexander Hagelüken und Hannah Wilhelm

Alfred Dorfer, 49, wartet am Nachmittag in München-Schwabing auf seinen Auftritt. Kabarettisten sind an solchen Nachmittagen manchmal nervös, manchmal unausstehlich. Dorfer nicht. Der Österreicher, der sonst spielt, schreibt und moderiert, redet entspannt über seine Midlife-Crisis, bornierte Kulturmenschen, versoffene Fußballtrainer und seine abendliche Gage.

Dorfer (rechts) auf der Bühne, zusammen mit seinem Kollegen Josef Hader in Wien.

(Foto: REUTERS)

SZ: Herr Dorfer, reden wir über Geld. Ihr Programm beginnt mit dem Überlebenskampf in einer Sozialsiedlung. Einwohner beklauen sich, Dreijährige werden eine Woche lang nicht vermisst. Wird das Leben der Ärmeren härter?

Dorfer: Für uns Österreicher war der Umrechnungskurs zum Euro schwieriger als in Deutschland. Daher haben wir sehr lang in Schilling gerechnet.

SZ: Wirklich?

Dorfer: Klar. Dadurch kapierten viele Österreicher erst vor drei Jahren, wie teuer alles geworden ist. Vor allem das Wohnen. Armut entsteht durch Ausgaben fürs Wohnen, dafür, dass man nicht friert. Fidel Castro hat sich nur so lange gehalten, weil in Kuba eh niemand friert.

SZ: Sind Sie selber in so einer Siedlung aufgewachsen?

Dorfer: Ja. Wir wohnten erst im Wienerwald, aber mit fünf Jahren ging es in die Stadt. Vom Wald in den Sozialbau. Die Wohnungen in diesen Siedlungen waren damals gratis. Meine Mutter zog uns beide allein groß. Als Kindergärtnerin verdiente sie wenig.

SZ: Woran haben Sie das gemerkt?

Dorfer: Eben kaum. Wir hatten nicht das Gefühl, dass was fehlt, obwohl wenig da war. Das war die große Leistung meiner Mutter. Heute wäre das unmöglich, weil es den Zwang gibt, Markenklamotten zu tragen.

SZ: Waren die Jugendlichen damals so gemein wie in Ihrem Programm?

Dorfer: Es gab eine brutale Hierarchie. Mein Vorteil war, dass ich ein guter Fußballer war. Das hat es ausgeglichen, dass ich körperlich nicht so stark war.

SZ: Und die anderen?

Dorfer: Die hatten es schwerer. Die Härte war uns nicht so bewusst. Kinder finden immer das normal, was sie haben.

SZ: Anders als, auch ein Thema von Ihnen, Männer in der Midlife-Crisis. Die wollen plötzlich alles anders.

Dorfer: Männer spüren das erste Mal mit Mitte 40, dass es irgendwann zu Ende ist. Sie fühlen den Zwang, neu zu beginnen. Oft glauben sie, das geht durch eine neue Frau.

SZ: Ist das eine Illusion?

Dorfer: Ich glaube schon, dass es neue Partner geben kann, mit denen man besser durchs Leben kommt. Aber ich glaube nicht, dass man die eigene Sinnkrise durch eine zweite Person beheben kann. Wobei, eine neue Frau ist noch die am wenigsten peinliche Lösung. Viel peinlicher ist ein Motorrad-Führerschein oder die Mitgliedschaft im Fitnessclub.

SZ: Wie war es bei Ihnen?

Dorfer: Bei mir gab's eine Krise, ich habe sie aber nicht über eine Frau bewältigt.

SZ: Sondern?

Dorfer: Ich hatte einen anderen Partner: Alkohol. Und die Arbeit. Die strukturierte mich. Bis ich merkte, dass mir die Arbeit nicht mehr so wichtig ist.

SZ: Klingt schwierig.

Dorfer: Es gibt zwei Arten von Midlife-Crisis. Entweder ich hab' etwas versäumt und will's nachholen, oder: Was soll jetzt noch kommen? Bei mir war's Nummer zwei. Das ist schwerer, weil man nicht so viel ändern kann wie bei "Ich hab' etwas versäumt".

SZ: Wie lang dauerte Ihre Krise?

Dorfer: Ungefähr von 44 bis 47. Ich kenne einen, der bis 50 Opernsänger war, durch Zufall nach Chile kam, die Defizite sah und dort eine Musikschule aufbaute. Wir belegen Krise immer negativ. Im Griechischen heißt es "Wendung", ist also positiv. Manchmal verliert man halt die Orientierung, das ist gefährlich.

SZ: Was haben Sie genau gemacht?

Dorfer: Ich fing an, nach Rom zu pendeln.

SZ: Wegen einer Frau?

Dorfer: Nein.

SZ: Jetzt echt.

Dorfer: Nein, wirklich nicht. Hätte ich vielleicht gerne gehabt. Ich wollte dort Italienisch lernen. Und ich genoss, dass ich da niemand kannte. Ich hatte einen großen Wunsch nach Namenlosigkeit, nach all den Auftritten und der Aufmerksamkeit. Das war Teil der Selbst-Therapie: Irgendwo hinfahren, wo ich keinen kenne außer dem Lehrer und dem Hotelportier. Gut, wenn ich eine Frau kennengelernt hätte, hätte ich eine Ausnahme gemacht.

SZ: Hatten Sie denn Angst vor Einsamkeit?

Dorfer: Nein. Was mich eher überrascht hat, weil ich nie eine Struktur im Leben hatte. Ich weiß nie, was in drei Jahren ist. Ich hab' keine festen Zeiten zum Aufstehen und Arbeiten. Meine Dissertation hab' ich jetzt immer von Mitternacht bis drei Uhr morgens geschrieben.

SZ: Ist die e ndlich fertig? Das Ding war die verlängerte Midlife-Crisis, oder?

Dorfer: Ich musste für den Doktor erst die Diplomarbeit fertigmachen, ich fing nach 25 Jahren wieder das Studium an.

SZ: Warum überhaupt die Doktorarbeit?

Dorfer: Ich wollte eine neue Umgebung, was Handfestes, ich hatte die Kreativszene satt. In Österreich fordern jetzt Intellektuelle Schluss mit der Integrationsdebatte. Das ist ein Witz, weil wir die Debatte verschlafen haben. Aber es wird aufgenommen, weil es originell ist. Alles gilt, wenn es originell ist, selbst wenn's a furchtbarer Schmarrn is.

SZ: Das ist interessant. Der normale Feind eines Kabarettisten sind doch nicht die Kulturleute, sondern die bösen Wirtschaftsbosse.

Dorfer: Es gibt überall Nette und Deppen. Und Zwischentöne. Die Wirtschaft hat zum Beispiel die Grenzen zwischen den Staaten niedergerissen, aber kulturell bestehen sie noch. Ich bekam 2009 den Bayerischen Kabarettpreis, als erster Nicht-Deutscher. Das war ein Riesenthema, als käme ich aus dem Senegal. So ein Quatsch. Für mich ist es egal, ob einer aus Berlin, Bern oder Bozen kommt.

SZ: Die Wirtschaft ist moderner als die Kulturwelt?

Dorfer: Ja. Wobei es um Unterschiedliches geht: der Wirtschaft um Profit und den Kulturleuten um Urin.

SZ: Wie bitte?

Dorfer: Die Kulturleute wollen ihr Revier markieren.

SZ: Was haben Sie eigentlich von der Doktorarbeit?

Dorfer: Nichts. Aber es war mir eine Freude, wieder Fußnoten zu schreiben. Mein Thema war die Funktion von Satire in Diktaturen - Mussolini, Hitler und die DDR. Überraschendes Ergebnis: Satire nützt dem Machthaber, wenn er Nischen zulässt. Das gilt auch in Demokratien: Als die CSU bei 60 Prozent war, hat sie Satire zugelassen. In Österreich hat die ÖVP versucht, Satire aus dem Fernsehen rauszuhalten. Die CSU war viel liberaler als die ÖVP. Die SED auch.

SZ: Sie treten als Kabarettist auf, drehen Filme, moderierten eine Talkshow im ORF, schreiben Zeitungskolumnen. Was bringt am meisten Geld?

Dorfer: Wenn man vom Stundenlohn der Arbeitszeit ausgeht, ist es die Bühne.

SZ: Wie viel bringt das?

Dorfer: Ins Münchner Lustspielhaus passen 240 Besucher, jeder zahlt 22 Euro, ich krieg 60 Prozent, macht 3000 Euro. Davon zahl' ich pauschal 20 Prozent Steuern und die Musiker, also bleiben 1000 Euro pro Abend. Ich mach' etwa 110 Auftritte im Jahr.

SZ: Und das andere?

Dorfer: Beim Fernsehen ist der Betrag größer, aber es ist mehr Aufwand. Ich könnt' von der Lebensqualität darauf verzichten. Das Drehen von Filmen ist das Ätzendste. Es gibt kein Publikum, keine Reaktionen, die ich aufnehmen kann. Man dreht einzelne Szenen, was seltsam ist, weil es dem Leben widerspricht. Mein Interesse an Filmen ist begrenzt. Es engt die Phantasie ein. Adorno hatte Recht: Wenn es ein adäquates Medium für den Faschismus gibt, dann Film.

SZ: Was machen Sie mit all Ihrem Geld?

Dorfer: Meine Gagen fließen teils in Sozialprojekte für Alleinerziehende, ich spiel' auch für die Caritas. Der Beruf des Satirikers ist nicht komplett, wenn man nur von 20 bis 22 Uhr kritisiert, man muss auch tagsüber was Sinnvolles tun. Sonst ist Satire nur Gekeife.

SZ: Normale Satire ohne Sozialarbeit ist also Gekeife?

Dorfer: Ja. (überlegt) Normale Satire ist Gekeife. ( lacht) Das wird mir neue Freunde machen.

SZ: Warum unterstützen Sie alleinerziehende Mütter - wegen Ihrer Mutter?

Dorfer: Bestimmt.

SZ: Hatten Sie je Existenzangst?

Dorfer: Am Anfang gab es zwei Probleme. Schlechte Presse bereitet dir Unbehagen. Und du nimmst es persönlich, wenn wenig Besucher kommen. Nach einer Weile weißt du, dass beides nicht stimmt.

SZ: War Ihre Mutter besorgt, als Sie Ihr Studium hinwarfen und Kabarett spielten?

Dorfer: Klar. Sie wollte, dass ich Lehrer werde. Sie hat sich erst beruhigt, als ich im Fernsehen auftrat.

SZ: Sie wären fast Fußballer geworden.

Dorfer: Naja, ich hatte ein Probetraining bei Rapid Wien. Mit sechs. Die hätten mich genommen. Aber meiner Mutter war es zu weit weg. Wenn's geklappt hätte, wäre ich jetzt ein alter versoffener Fußballtrainer wie der Ernst Happel.

SZ: Und sonst wollten Sie nie was anderes werden?

Dorfer: Nach dem Abitur wollte ich lange Zeit lieber Chirurg werden als Kabarettist. Weil man sich als Chirurg die Sinnfrage nicht stellen muss. Aber dann habe ich es nicht gemacht, aus eher dummen Gründen. Ich hatte Angst, dass mein Nervenkostüm nicht reicht.

SZ: Vielleicht hätten Sie sich die Midlife-Crisis gespart?

Dorfer: Nein. Dazu gibt es zu viele Ärzte mit Midlife-Crisis.