Recyclinghaus Aus alt mach neu

In Hannover entsteht ein Gebäude zum großen Teil aus gebrauchten Materialien. Diese werden oft beim Abriss von Häusern gesichert, wodurch zusätzliche Kosten entstehen - ein normaler Neubau wäre billiger.

Von Joachim Göres

In Hannover entsteht derzeit ein besonderes Haus - nach Angaben der Erbauer das erste Recyclinghaus, das den Anforderungen der Energieeinsparverordnung (Enev) entspricht. "Wir kennen kein vergleichbares Projekt", sagt Corinna Stubendorff, Projektleiterin beim Wohnungsunternehmen Gundlach in der niedersächsischen Landeshauptstadt. In diesem Jahr sollen Mieter das rund 150 Quadratmeter große Einfamilienhaus im Stadtteil Kronsberg beziehen können, das zum Großteil aus gebrauchtem beziehungsweise wiederverwendbarem Material besteht. Die Haustechnik mit Heizung, Sanitäranlagen und Elektrik ist neu, um allen gültigen Standards zu entsprechen. "100 Prozent Recycling, wie wir uns dies gewünscht hätten, lässt sich bei allem Ehrgeiz derzeit nicht erreichen", sagt die Architektin.

Für die Bodenplatte wird ein sogenannter R-Beton verwendet, der zu rund 60 Prozent Recycling-Gestein besteht. Stahlträger und Treppengeländer stammen aus einem ehemaligen Freizeitheim, mineralische Dämmung und Eternitfassade aus einem einstigen Haus der Jugend, alles aus Hannover. "Es gibt Händler für alte Baustoffe, die aber keine großen Fassaden anbieten können. Man muss also beim Abriss von Gebäuden diese Materialien sichern. Dadurch entstehen zusätzliche Kosten, denn der Ausbau ist viel teurer als der einfache Abriss. Zudem kommen Kosten für die vorübergehende Lagerung der Materialien hinzu", erklärt Stubendorff. Pro Quadratmeter rechnet sie mit einem Preis von rund 5300 Euro, ein vergleichbarer Neubau würde rund 4500 Euro kosten.

Hier dürfen nur dreifachverglaste Fenster eingebaut werden. Die gibt es aber nicht gebraucht

Bei den angesprochenen Handwerkern aus der Region beobachtet sie eine gewisse Offenheit und Interesse an dem Thema, aber auch viel Skepsis wegen fehlender Erfahrungen - die Betriebe wollen sich absichern und kein Risiko eingehen, falls etwas nicht so läuft wie geplant. Dadurch entstehen höhere Kosten wie auch durch Verzögerungen bei der Planung - vom Beginn bis zum ersten Spatenstich sind fast drei Jahre vergangen. "Es hat länger gedauert als gedacht. Es ist nicht einfach gewesen, wiederverwendbare Materialien aufzutreiben und Fachbetriebe zu finden, die sie einbauen", so Stubendorff. So können für die Dämmung des Daches Schaumglasplatten eingesetzt werden, die aus Altglas hergestellt werden. Dieses Material ist auf dem Markt, aber zunächst hat keine Firma ein Angebot abgegeben. Mittlerweile gibt es zwei Anbieter.

Sie benennt ein weiteres Problem: Um die Vorgaben am Standort Kronsberg zu erfüllen - ein zur Expo 2000 entstandener neuer Stadtteil mit hohem Energiestandard - dürfen nur dreifachverglaste Fenster eingebaut werden. Solche gibt es derzeit aber nicht gebraucht. Es muss also aus den gebrauchten Fenstern die Doppelverglasung ausgebaut werden, um danach drei neue Scheiben in den alten Rahmen einzusetzen - selbst wenn unter dem Strich die Verwendung der alten Doppelfenster sinnvoller gewesen wäre. "Die Enev berücksichtigt nicht die Energie, die bei der Herstellung der Materialien nötig ist. Das ist der größte Grundkonflikt, der in unserem Projekt aufgetreten ist", betont Stubendorff und folgert: "Die Enev steht dem Recyclinggedanken entgegen."

Schließlich kann auch die städtische Bauaufsicht einen Strich durch die Rechnung machen, da erst wenige gebrauchte Baumaterialien zur Wiederverwendung zugelassen sind. "Es ist in dem Projekt bisher für kein Material eine Zulassung im Einzelfall und keine explizite Zustimmung nötig, aber die Aufsicht könnte so ein Projekt verhindern. Wir freuen uns über das wohlwollende Interesse der Bauaufsicht", sagt Stubendorff. Vor der Wiederverwendung alter Materialien muss zudem unter anderem eine mögliche Schadstoffbelastung ausgeschlossen werden.

Für Gundlach, mit knapp 4000 Mietwohnungen eines der größten privaten Wohnungsunternehmen in Hannover, ist das Projekt nicht der Startschuss für den Bau von Recyclinghäusern im großen Stil. Stubendorff: "Nach dem Abschluss werden wir Bilanz ziehen. Dabei wäre es für uns schon positiv, wenn durch die gewonnenen Erfahrungen bei künftigen Neubauprojekten der Recyclinganteil erhöht werden könnte, zum Beispiel durch die Wiederverwendung von Mineralwolle oder den Einsatz von R-Beton. Ein 100 Prozent Recyclinghaus wird auch künftig im realen Leben nicht verwirklicht werden können."