Ratingagenturen Warnschuss für Amerika

Obwohl die Rolle der Ratingagenturen an den Finanzmärkten umstritten ist, hat die europäische Schuldenkrise gezeigt: Warnungen und Herabstufungen der Kreditwürdigkeit können schwere Folgen haben.

Von M. Koch u. M. Zydra

Erst Europa, nun Amerika: Die weltweit führenden Ratingagenturen Moody's und Standard & Poor's (S&P) haben die USA vor einer Herabstufung ihrer Kreditwürdigkeit gewarnt. Bisher sind die Schuldtitel Washingtons mit der Spitzennote AAA bewertet. Damit gilt als sicher, dass Investoren, die den USA Kredite geben, ihr Geld zurückbekommen. Doch die Zweifel am finanzpolitischen Kurs Amerikas nehmen zu. "Wir können nicht ausschließen, dass wir unsere Prognosen ändern müssen", sagte S&P-Expertin Carol Sirou auf einer Konferenz in Paris. Eine Herabstufung wäre für die USA eine schwere Schmach und ein deutliches Zeichen für den Verfall ihrer Wirtschaftsmacht.

Erst vergangene Woche hatte US-Finanzminister Timothy Geithner vor einem Staatsbankrott der USA gewarnt. Mit seiner dramatischen Wortwahl wollte er Druck auf die neue republikanische Mehrheit im Abgeordnetenhaus ausüben, die in den kommenden Monaten einer Erhöhung der Obergrenze für die Kreditaufnahme zustimmen muss, damit die Regierung Schulden bedienen und Beamte bezahlen kann. Den Ratingagenturen bereitet das politische Theater um die Schuldengrenze jedoch keine Sorge. Kurzfristig wollen sie die Bonitätsnote AAA nicht zurücknehmen. Sie beunruhigt vielmehr die langfristige Perspektive für den US-Staatsetat. Das Budgetdefizit beträgt schon heute zehn Prozent der Wirtschaftsleistung. Doch dem Land steht eine Pensionierungswelle bevor, die schleichend in den Ruin führen wird, sollte Washington nicht gegensteuern.

Den unabhängigen Experten des Congressional Budget Office zufolge werden die Sozialprogramme Social Security, Medicare, Medicaid und andere staatliche Gesundheitsausgaben von 2035 an fast die gesamten Steuereinnahmen verschlingen. Schon in weniger als zehn Jahren wird die Zinslast der USA nach Moody's-Schätzungen von heute 8,6 auf 17,6 Prozent der Einnahmen gestiegen sein. Diese Werte seien "ziemlich hoch für ein AAA-bewertetes Land", urteilt Moody's.

Obwohl die Rolle der Ratingagenturen an den Finanzmärkten umstritten ist und sich ihre Einschätzungen in der Vergangenheit oft als wertlos erwiesen haben, hat die europäische Schuldenkrise gezeigt, dass Warnungen und Herabstufungen der Kreditwürdigkeit schwere Folgen haben können.

Washington hat keinen Cent zu verschenken

An den Finanzmärkten schlugen sich die Warnungen von Moody's und S&P zunächst nicht nieder. Auf eine zehnjährige Staatsanleihe mussten die Amerikaner am Donnerstag unverändert etwa 3,4 Prozent Zinsen zahlen. Bisher hilft die europäische Schuldenkrise, die Aufmerksamkeit von der Staatsverschuldung der USA abzulenken. Doch Harm Bandholz, Chefvolkswirt bei der Bank Unicredit in New York, ist sich sicher: "Von nun an wird es nur noch steigende Zinsen geben." Bandholz rechnet mit einem Prozentpunkt mehr bis Jahresende. "Bei einer Schuldenlast wie der Amerikas ist schon ein geringer Anstieg schmerzhaft. Washington hat keinen Cent zu verschenken." Die Amerikaner hätten das Ausmaß ihrer Budgetkrise nicht begriffen.

Auch Moody's macht eine "unzureichende politische Rückendeckung" für nötige Sparmaßnahmen aus. Je stärker die Zinsen steigen, desto drastischer wird später der Konsolidierungsbedarf.

Sollten die USA ihr AAA-Rating verlieren, befürchtet Dirk Chlench, Analyst der Landesbank Baden-Württemberg, "globale Konsequenzen": "Die USA wären zwar weiterhin der Ankerpunkt für die Weltfinanzmärkte - aber es sei zu befürchten, dass ausländische Investoren ihre US-Engagements reduzieren werden. Dies wiederum dürfte zu kräftig steigenden US-Renditen - sowie zu einer Abwertung des US-Dollars führen.