Von Ingo Petz

Der britische Architekt Norman Foster modernisiert in Moskau das Haus mit der bedeutendsten Kunstsammlung Russlands.

Es war nicht anders zu erwarten, als dass die Grande Dame der russischen Museumskultur sich persönlich dafür stark macht, Norman Foster den Modernisierungsauftrag für "ihr" Puschkin-Museum zu übertragen. "Er ist fähig, einen Dialog mit der Altstadt und mit der alten Architektur zu entwerfen", sagte Irina Antonowna, die das weltberühmte Haus bereits im fünften Jahrzehnt leitet, der russischen Zeitung Kommersant in einem Interview. Doch habe es Skeptiker gegeben, die Foster nicht für eine weitere Moskauer Großbaustelle anheuern wollten. Man kann sich gut vorstellen, dass es die Zweifel nicht allzu lange gegeben haben kann. Schließlich ist die 86-jährige Antonowna für ihr einnehmendes Wesen bekannt. Hierzulande hat sie sich in Sachen "Beutekunst" einen zweifelhaften Namen gemacht - als Hardlinerin.

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Das Puschkin-Museum beherbergt die bedeutendste Kunstsammlung Russlands. (© Foto: dpa)

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Auch wenn sich Antonowna manchmal als Spielball anderer Mächte gibt, ist es nicht abwegig, ihr ein gewisses persönliches Gefallen daran zu unterstellen, dass sie sich zur Krönung ihrer Amtszeit um den bedeutendsten Umbau in der Geschichte des Museums mit der bedeutendsten Kunstsammlung des Landes kümmern darf. Natürlich auch kein Gedanke daran, dass sie sich mit der hochsymbolischen Ehe, die sie mit Foster eingeht, auch ein eigenes Denkmal setzt. Man muss Antonowna jedoch zugutehalten, dass die Frischzellenkur für das Haus unweit des Kremls überfällig war. Die sichere Lagerung der 650000 Sammlungsstücke ist nicht mehr gewährleistet.

Exponate zeigen, die in Geheimarchiven und Kellern lagern

Zudem soll die Ausstellungsfläche durch den über 114 Millionen Euro teuren Umbau in etwa vervierfacht werden. Damit wird das Gros der Exponate, das in den Geheimarchiven und Kellern lagert, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Man darf spekulieren, dass weitere Stücke der Beutekunst, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu einem Großteil im Puschkin-Museum gelagert und bereits in Wechselausstellungen wie der umstrittenen Schau "Rückkehr aus dem Nichts" (2005) gezeigt wurden, künftig in die ständige Ausstellung überführt werden könnten.

Darüber hinaus wird das Puschkin durch den Umbau seinem ewigen Rivalen, der Petersburger Eremitage, ein großes Stück näherkommen. Für Moskau wird das Puschkin, das seine Stellung als Museum von Weltrang untermauern wird, ein weiterer Höhepunkt sein. Fosters Büro hat schon einmal ausgerechnet, dass das Museum nach dem Umbau mit rund fünf Millionen Besuchern im Jahr rechnen kann - ähnlich wie der Louvre in Paris oder das British Museum in London.

Das Puschkin war immer schon ein Haus mit großer Anziehungskraft und großem Symbolcharakter. Der Moskauer Altphilologe und spätere Direktor des Museums Iwan Zwetajew hatte für die Planung des neoklassizistischen Baus, der ab 1898 realisiert wurde, mit vielen berühmten Museen der damaligen Zeit eine intensive Korrespondenz geführt. Unter anderem mit dem Dresdner Albertinum, dessen Räume sich teilweise als architektonische Zwillinge im Moskauer Bau wiederfinden. Zwetajew gelang so ein gesamteuropäisches Haus als architektonische Synthese aus den damals bekanntesten Museumsbauten.

Kulturkomplex mit Konzertsaal und Bücherei

Aufgrund seiner Sammlung westeuropäischer Kunst galt das Puschkin-Museum dann zur Zeit der Sowjetunion als Tor zum Westen. Hier konnten Besucher durch die Bilder französischer Impressionisten zumindest einen symbolischen Blick hinter den für sie verschlossen Eisernen Vorhang erhaschen. Die Modernisierung, die mit der Schließung des Museums 2009 beginnt, umfasst neben der Renovierung und Erweiterung des ursprünglichen Gebäudes auch die Umstrukturierung seiner Umgebung. Mit der Renovierung umliegender Villen, dem Bau von Grünanlagen, Fußgängerzonen und vier neuen Gebäuden, die unter anderem die Verwaltung, eine Bücherei und einen Konzertsaal beherbergen, soll die Institution zu einem ausgewiesenen Kulturkomplex werden. Die Wiedereröffnung ist für das symbolträchtige Jahr 2012 geplant. Dann feiert das Puschkin seinen 100. Geburtstag. Und Irina Antonowna könnte ihr 50. Jahr als Direktorin feiern - und den Beginn ihres wohlverdienten Ruhestandes.

Fosters Büro hat sich in jedem Fall ein weiteres äußerst prestigeträchtiges Projekt in Moskau gesichert. Sein Team arbeitet bereits an dem 612 Meter hohen "Russland-Turm", an "Crystal Island" - einem spektakulären Stadtteil mit rund 30.000 Wohnungen in einem einzigen Gebäude - und an der Bebauung der Fläche, auf der bis 2004 das berühmte Hotel Rossija stand. Wenn die Fosterisierung der Stadt in diesem Tempo weitergeht, wird der Lord wohl noch als Moskauer Schinkel in die Annalen des neuen russischen Reiches eingehen.

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(SZ vom 29.08.2008/jh)