Von Hans-Jürgen Jakobs

Angesichts der Dramatik und Wucht dieser Finanzkrise kann es nur eine Strategie geben: ganz oder gar nicht. Jetzt machen die USA alles falsch.

Es war ein blutiges Wochenende an der Wall Street. Mit Lehman Brothers geht eines der angesehensten Bankinstitute Amerikas in die Insolvenz. Und die nicht minder renommierte Investmentbank Merrill Lynch kann sich, schwer angeschlagen, nur noch unter das Dach der vergleichsweise leistungsstarken Bank of America retten. Erstmals seit Wochen weigerte sich der amerikanische Staat diesmal, selbst aktiv bei der Lösung des Finanzmarkt-Desasters einzugreifen.

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Das ist das Erstaunliche - und das Gefährliche - an den Ereignissen des Wochenendes. US-Finanzminister Henry Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke wollten nach all ihren gut begründeten, interventionistischen Schritten der Vergangenheit nun ein ganz anderes Zeichen setzen: Dass Wall Street selbst die eigenen Probleme angehen muss und der Staat in der Rolle des Samariters ausfällt. Dass man sich nicht darauf verlassen kann, mit Milliarden des amerikanischen Steuerzahlers das Chaos von gierigen, versagenden Bankiers beseitigen zu können.

Wider die Todesspirale

Das mag auf den ersten Blick ehrenwert klingen - doch auf was soll man sich eigentlich verlassen? Bisher hatten Bushs Zahlenspezialist Paulson, der ja zuvor die US-Investmentbank Goldman Sachs geleitet hat, sowie der oberste Währungshüter Bernanke ihr direktes Eingreifen in den Krisenmarkt Banken und Finanzen mit der Notwendigkeit begründet, Schlimmeres verhindern zu wollen - also eine Art Todesspirale, bei der ein Bankinstitut nach dem anderen kollabiert und Werte en gros vernichtet werden.

So half die amerikanische Regierung. dass die verlustreiche Bank Bear Sterns vom Finanzriesen JP Morgan Chase übernommen werden konnte, inklusive einer stattlichen staatlichen Hilfe von 30 Milliarden Dollar, ohne die der Deal nicht zustande gekommen wäre. So übernahm der Staat einfach die konkursreifen Hypothekenbanken Fannie Mae und Freddie Mac, die Millionen Amerikanern ihr Häuschen finanziert haben.

Und nun - die Flucht aus der Verantwortung? Was macht Bear Sterns eigentlich wertvoller als Lehman Brothers? Warum kann die Bank of America nicht mit Beigaben rechnen, wenn sie Merrill Lynch akquiriert, anders als es einst bei JP Morgan Chase der Fall war? Was unterscheidet die Fälle? Es sieht ganz so aus, als habe Bear Sterns einfach nur Glück gehabt, so früh am Boden gewesen zu sein. Damit wäre es das groteske Ergebnis, dass ausgerechnet die Bank, die am schlechtesten gewirtschaftet hat, am meisten belohnt wird.

Keine Strategie

Sorry, aber es kann angesichts der Dramatik und Wucht dieser Krise nur eine Strategie geben: Ganz oder gar nicht. Bei völliger Enthaltsamkeit wäre Bear Sterns pleite; Lehman hätte vermutlich früher Konkurs angemeldet. Viele wären in die Pleite gefolgt, und es hätte vermutlich weltweit Überreaktionen gegeben. Es sprach also einiges dafür, die Vorgänge von Seiten des Staates sorgsam zu begleiten und die eigenen Ruinen des Banksystems nicht den Selbstheilungskräften des Marktes zu überlassen, weil dies sofortige Totaldemontage bedeutet hätte.

Was aber gilt jetzt? Wann entscheiden sich die US-Regierung und die Notenbank für Hilfen, und wann unterbleiben sie? Was sind die Kriterien?

Es macht ganz den Eindruck, als hätten die Verantwortlichen keine Strategie. Als ginge es ihnen nur darum, sich irgendwie durchzuwursteln. Ein solches Verhalten der Unsicherheit schafft neue Unsicherheiten. Es verstärkt die Krise. Und es diskriminiert das eine gegenüber dem anderen Unternehmen. Solche diffusen politischen Aktionen verändern die Struktur des Marktes. Man fragt sich unwillkürlich, wer davon wohl am meisten profitiert.

Schon steht die nächste Frage auf der Tagsordnung: Was wird aus dem Versicherungsgiganten American International Group (AIG)? Er braucht dringend 40 Milliarden Dollar und will staatliche Unterstützung. Einschreiten? Oder die nächste Pleite riskieren? Die staatlichen Entscheider Paulson und Bernanke spielen mit dem Feuer - in einem Lager voller Dynamitfässer.

Jahrelang haben sie die Aufsicht über das Finanzsystem schleifen lassen. Es agierte selbständig, losgelöst von realwirtschaftlichen Entwicklungen. Kredite wurden an Leute vergeben, die alles andere als solvent waren. Kreditpapiere wurden verpackt in andere neue Finanz-Wertpapiere; gewettet wurde auf alles, was es an Aktien und Aktienindizes gab. So avancierten die "Derivate" zum Kern einer Branche, die der kranken Wirtschaftsnation Amerika noch einmal Geltung versprach.

Wenn schon die Autos des Landes nicht mehr so richtig verkäuflich waren, so konnten doch die Finanzinstitute eine Zeitlang blendende Geschäfte machen. Nun droht der Schlamassel der Wall Street die Weltwirtschaft nach unten zu ziehen. Derivate seien "Finanzwaffen der Massenzerstörung", urteilte der Investor Warren Buffett, der reichste Mann der Welt, schon vor sechs Jahren. Nun ist es soweit mit der Massenzerstörung.

Gefragt wäre in dieser Lage ein außerordentlicher Krisenrat aus Politik, Beratern und Experten, der einen verlässlichen Rettungsplan mit nachvollziehbaren Kriterien formuliert. Nötig ist eine gestärkte Aufsicht über einen kaputten Markt, in dem sich größenwahnsinnige Bankmanager viel zu lange frei betätigen konnten. Es wird dabei nicht ohne den Staat gehen. Denn auch mögliche hohe Kosten eines großen Zusammenbruchs - mit Kurseinbrüchen und massenhaften Jobverlusten - hätte die Allgemeinheit zu tragen.

Kurzum: Es ist nach dem Blut-Wochenende an der Wall Street Zeit für einen "New Deal". Was nicht weiterhilft, ist eine Symbolpolitik, die mal so eben eine bekannte Bank scheitern lässt, an der immerhin 25.000 Arbeitsplätze hängen. Mit ihrer neuen Enthaltsamkeit haben sich Minister Paulson und Notenbankchef Bernanke nicht eines Problems entledigt, sondern ein neues - viel größeres - geschaffen.

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(sueddeutsche.de/hgn)