Von Catherine Hoffmann

Heizen ist so teuer wie nie zuvor. Doch das dürfte sich bald ändern. Experten erwarten, dass die Spekulationsblase platzt - und dass ein Barrell Öl 2009 unter 100 Dollar kostet.

So mancher Hausbesitzer hat in diesem Sommer eine seltsame Wandlung durchgemacht: Er ist zum Ölpreis-Spekulanten geworden. Nicht, dass er an der weltweit größten Warenterminbörse in New York (Nymex) gewagte Wetten eingegangen wäre.

Wird Öl bald billiger? Experten raten, jetzt nur wenig Heizöl zu ordern - im kommenden Jahr werde der Preis deutlich sinken. (© Foto: dpa)

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Nein, sein Öltank wird Woche für Woche leerer, weil er angesichts der hohen Heizölpreise den Kauf hinauszögert.

Heizen ist so teuer wie nie zuvor. Ein Liter Heizöl kostet 94 Cent. Das ist fast doppelt so viel wie zu Beginn des Jahres 2007. Für die Füllung eines 3000 Liter fassenden Tanks, das gilt als gängige Bestellmenge, müssen Hausbesitzer rund 2800 Euro zahlen.

Das trifft natürlich nicht nur Eigentümer, sondern auch Mieter, die mit der Nebenkostenabrechnung die Quittung präsentiert bekommen.

Viele Haushalte haben längst die Konsequenzen gezogen und den Temperaturwähler am Heizkörper zugedreht. Das bekommt auch der Staat zu spüren. Seine Einnahmen aus der Energiesteuer sind im Jahr 2007 geschrumpft. Grund war laut dem Statistischen Bundesamt vor allem die milde Witterung im vergangenen Jahr. Das warme Wetter und die Sparsamkeit der Verbraucher haben demnach zu einem Rückgang der Heizölkäufe um rund 40 Prozent geführt. Viele Haushalte haben angesichts der hohen Preise gezögert, den Öltank aufzufüllen. Jetzt quält sie eine Frage: Sollen sie gleich tanken, weil der Rohstoff bald noch teurer wird, oder abwarten, weil es künftig billiger wird?

Die jüngste Preisentwicklung gibt Anlass zur Hoffnung: Der Preis für Rohöl der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) ist am Dienstag weiter gefallen. Ein Barrel (159 Liter) aus den Fördergebieten des Kartells kostete 135,21 Dollar. Das waren 3,23 Dollar weniger als zum Wochenbeginn und 5,52 Dollar weniger im Vergleich zum Hoch (140,73 Dollar), das am 3. Juli erreicht wurde. Nach Ansicht von Experten hat der Ölpreis damit seine Rekordjagd zwar noch nicht beendet. Doch die abflauende Weltkonjunktur werde dafür sorgen, dass der Preis spätestens zum Jahresende auf Talfahrt gehe.

"Es entsteht eine Blase"

"Ich bin nicht so optimistisch, dass der Preis kurzfristig sinkt", sagt Eugen Weinberg, Rohstoffexperte der Commerzbank. "Erst bei Preisen unter 130 Dollar kann man von einer Trendwende sprechen." Einer Entspannung stünden Nachrichten aus Iran entgegen, das gerade neun Raketen mittlerer Reichweite getestet hat. Darunter sei auch eine Rakete, die Israel sowie US-Stützpunkte in der Golfregion erreichen könnte.

"Es ist zu früh, Entwarnung zu geben", sagt auch Andy Sommer, Analyst der HSH Nordbank. "Wir stehen erst am Beginn der diesjährigen Sturmsaison im Atlantik, und die Rohöl-Lagerbestände in den USA sind im Vergleich zum Vorjahr gering." Das berge Gefahrenpotential. Verbraucher sollten mit neuen Preisspitzen rechnen, bis die Hurrikan-Saison vorbei sei, also bis Ende Oktober.

Spätestens im Herbst erwartet der Experte einen Preisrückgang beim Rohöl. "Es entsteht gerade eine Blase am Ölmarkt", sagt Weinberg. "Die sollte in zwei bis drei Monaten platzen." Denn die USA und Europa seien von einem Konjunkturabschwung betroffen, der bald schon Asien erreichen werde. "In den Vereinigten Staaten und Europa ist die Ölnachfrage zuletzt signifikant gesunken, sie wird im Laufe des Jahres weiter zurückgehen", glaubt Weinberg. Auch die Asiaten, die mit ihrem Energiehunger die Preise so enorm getrieben haben, werden seiner Meinung nach von der Wirtschaftsflaute betroffen sein. Deshalb werde die Ölnachfrage in diesem Jahr nicht so stark zunehmen wie gedacht.

Ein Barrell Öl für unter 100 Dollar?

Zudem erwarten die Rohstoffspezialisten, dass in wenigen Monaten das Ölangebot kräftig wachsen wird. "Ich rechne Ende des Jahres mit tieferen Ölpreisen als heute", sagt Sommer. Zeichnet sich eine Wende am Ölmarkt ab, werden auch die Spekulanten die Lust an ihren Wetten auf immer höhere Preise verlieren.

Der eine oder andere Dollar der horrenden Rohstoffkosten geht auf das Konto von Anlegern, die Rohstoffe als Schutz gegen Dollarverfall, Inflation und schwache Aktienmärkte sehen. Doch das Spiel ist aus, wenn der Ölpreis aus fundamentalen Gründen fällt. Sommer und Weinberg gehen davon aus, dass ein Fass Öl im kommenden Jahr unter 100 Dollar zu haben ist, ein Viertel billiger als heute.

"Hausbesitzer sollten jetzt gerade so viel Öl tanken, wie sie kurzfristig brauchen und auf einen günstigeren Zeitpunkt warten", sagt Weinberg. "Tanken ist derzeit viel zu teuer."

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(SZ vom 10.07.2008/tob)