Prävention Kurz mal unachtsam

Vor kleinen Kindern ist nichts wirklich sicher. Man sollte sie im Auge behalten.

(Foto: BAG Mehr Sicherheit für Kinder)

Die meisten Unfälle passieren im Haushalt. Viele ließen sich vermeiden: Schon kleine Dinge helfen, vor allem Senioren und Kinder besser zu schützen.

Von Felicitas Witte

An jenem Sonntagnachmittag hätte keiner gedacht, dass sich das Leben des Mädchens schlagartig ändern würde. Freunde der Eltern waren mit ihren Kindern gekommen, man hatte fröhlich Kaffee getrunken und Kuchen gegessen. Natürlich tobten die Kinder irgendwann durch das Haus - das Gerede der Erwachsenen war einfach zu langweilig. Die Vierjährige versuchte mit ihren älteren Geschwistern mitzuhalten, flitzte um die Ecke, und dann war es passiert. Die Erwachsenen hörten einen dumpfen Schlag, klirrendes Glas, und nach einem kurzen Moment ein kreischendes Gebrüll. Das Mädchen war gegen die Glasscheibe gerannt, die Wohn- und Essbereich trennte. "Als die Kleine eingeliefert wurde, dachte ich, das werden wir nie hinbekommen", erinnert sich Stefan Holland-Cunz, Chef-Kinderchirurg an der Uniklinik in Basel. Stundenlang flickte er das Gesicht des Mädchens zusammen, und noch heute sind die Narben zu sehen.

"Manchmal fragt man sich, ob die Leute nicht nachdenken."

"Die meisten Unfälle zu Hause kann man mit relativ einfachen Maßnahmen vermeiden - man muss nur daran denken", sagt Michael Nerlich, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie. Offenbar vergessen das aber viele Leute. Laut Robert-Koch-Institut und Bundesamt für Statistik passieren pro Jahr 2,8 Millionen Unfälle im Haushalt. Nerlich hat schon Hunderte Patienten nach einem häuslichen Unfall versorgt. "Am meisten passiert es in der Küche, gefolgt von Bad, Flur und Treppenhaus", erzählt er. So wie bei der älteren Dame neulich: Sie stand nachts auf, um zur Toilette zu gehen, stolperte über ihre Hausschuhe vor dem Bett, stürzte und brach sich den Oberschenkel. Ähnlich ging es der 58-jährigen Frau, die Gardinen aufhängen wollte: Statt eine Leiter zu verwenden, kletterte sie auf ihren Schreibtisch-Drehstuhl und verlor das Gleichgewicht. "Manchmal fragt man sich, ob die Leute nicht nachdenken", sagt Nerlich. So versorgte er kürzlich eine 35-Jährige, die sich einen Smoothie gemixt hatte und offensichtlich so ungeduldig auf ihre Kreation war, dass sie probierte, obwohl das Messer im Pürierstab noch nicht stillgestanden hatte. "Die Frau hatte sich die Zunge ganz übel zerschnitten, sie konnte wochenlang nicht richtig essen", erzählt Nerlich. Es gibt kaum einen Unfall, der zu Hause nicht passieren kann. Von Schnittverletzungen an der Hand beim Schnippeln oder durch zerbrochene Gläser beim Abwaschen, abgetrennten Fingerkuppen durch die Brotschneidemaschine, über Prellungen, Verstauchungen oder Zerrungen bis hin zu Brüchen.

"Mehr als 90 Prozent der Unfälle entstehen durch Unachtsamkeit", sagt Michael Christ, Chef-Notfallmediziner an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität am Klinikum Nürnberg. "Der Rest sind unglückliche Zufälle." Bei der 83-jährigen Dame in seinem letzten Dienst war es ein Unglück, das sie fast das Leben kostete. Sie wachte frühmorgens durstig auf, war aber so verwirrt, dass sie statt der Wasserflasche die Parfumflasche austrank. Erst Stunden später wurde sie bewusstlos von ihrer Tochter gefunden. "In den Parfums ist Isopropyl-Alkohol, das knockt einen genauso aus wie hochprozentiger Alkohol", erklärt Christ. "Das Problem dabei ist aber, dass man den Alkohol im Gegensatz zu Schnaps nicht riecht. Dann kommt auch der Notarzt nicht sofort auf die Diagnose."

Kinderchirurg Holland-Cunz erinnert sich kaum an einen Dienst, an dem er kein zu Haus verunfalltes Kind behandeln musste. Wenige Monate alte Kinder stürzen oft von der Wickelkommode. "Mutter oder Vater wickeln das Baby, werden vom Geschwisterkind abgelenkt, und das Baby rollt runter." Da der Kopf im Verhältnis zum Körper der schwerste Teil ist, fällt das Baby darauf. Das kann eine leichte Schädelprellung verursachen oder bis zur schwersten Gehirnerschütterung gehen. "Brüllt das Kind wie am Spieß, ist das ein gutes Zeichen", sagt Holland-Cunz. "Reagiert es aber nicht auf Ansprache, bleibt mit geschlossenen Augen liegen oder hat einen starren Blick, muss man so schnell wie möglich in die Klinik. Dann kann es in das Hirn eingeblutet oder sich Wasser angesammelt haben und lebenswichtige Hirnfunktionen werden gestört." Auch bei einem vermeintlich harmlosen Unfall rät er, zum Arzt zu fahren. "Auch wenn man am Anfang noch keine Symptome sieht, kann sich der Zustand später verschlimmern."

Häufig sieht Holland-Cunz bei seinen kleinen Patienten auch Verbrennungen, so wie neulich bei dem drei Monate alten Buben. Die Mutter hatte das Badewasser als angenehm empfunden und ihr Baby ins Wasser gestellt. Für ihren Sohn war das Wasser aber zu heiß, und er hatte sich die Füßchen verbrannt. "Es reicht ein kurzer Kontakt, dann kommt es zu Rötung und Blasenbildung", sagt Holland-Cunz. "Am besten die Füßchen in feucht-kühle Handtücher mit kühlem Wasser einpacken und in die Klinik. " Etwas ältere Kinder verletzten sich oft, wenn sie neugierig ihre Umgebung anschauen. So wie das sieben Monate alte Mädchen, das in der Küche auf dem Boden spielte und dann am Kabel des Wasserkochers zog. "Die Kleine war über und über mit kochend heißem Wasser begossen und lag mit den Verbrennungswunden Monate bei uns", erinnert sich Holland-Cunz. "Solche Unfälle kann man so leicht vermeiden, wenn man das Kabel an der Wand fixiert, sobald Kinder anfangen zu krabbeln."

"Kinder brauchen Freiheiten, die müssen toben dürfen."

Verbieten würde der Kinderchirurg am liebsten die "Gehfrei-Stühlchen", in denen Kleinkinder laufen lernen sollen. "Das sind echte Unfallmaschinen, weil die Kleinen damit ziemlich flott unterwegs sind." Er erinnert sich an das Kleinkind, das mit dem Gehfrei die Kellertreppe runtergestürzt war und sich eine schwere Schädelverletzung zugezogen hatte. "Wir sagen permanent etwas dagegen, aber man kriegt sie nicht vom Markt", erzählt Holland-Cunz. "In einem Geschäft für Kinderausstattung habe ich mal eine kleine Demo veranstaltet und den Eltern gesagt, dass die Geräte wirklich gefährlich sind. Kurze Zeit später hat man mich aus dem Geschäft geschmissen." Furchtbar weh tun die Quetschverletzungen der Finger der meist Zwei- bis Dreijährigen, aber zum Glück sei das nicht so schlimm. Paracetamol geben und ein feuchtes Tuch darauf oder ein kindgerechtes Kühlkissen, rät Holland-Cunz, und wenn der Finger dick wird und das Kind ihn nicht bewegen mag: in die Klinik. Ähnlich wie bei der älteren Dame kann es auch bei Kindern passieren, dass sie gefährliche Flüssigkeiten trinken. Wie im Falle eines siebenjährigen Jungen: Er hatte in der Werkstatt seines Opas Durst gehabt und nach einer Mineralwasserflasche gegriffen - der Opa hatte in diese aber Lauge eingefüllt. "Nur ein bisschen Wasser trinken lassen, auf keinen Fall Erbrechen auslösen und sofort in die Klinik", rät Holland-Cunz. Nicht so schlimm sei es, wenn Kinder Spüli trinken, aber auch hier rät der Kinderchirurg zum Arztbesuch.

Es gibt vermutlich keine Eltern, deren Kinder sich nicht schon mal am Kopf verletzt haben. "Man kann ja nicht alles mit Watte umwickeln. Den Kopf anhauen gehört dazu, wenn man Kind ist. Kinder brauchen Freiheiten, die müssen toben dürfen." Wenn eine Kopfplatzwunde nicht aufhört zu bluten, solle man sofort in die Klinik fahren, auch wenn das Kind schläfrig wird oder gar ohnmächtig.

"Ich mag meinen Job, aber mit etwas mehr Umsicht hätten wir Ärzte sicherlich häufig ruhigere Dienste", sagt Notfallmediziner Christ. "Also Stolperfallen wie Kabel, Spielzeug oder Schuhe wegräumen, rutschfeste Teppichunterlagen verwenden, beim Hantieren mit elektrischen Geräten die Sicherung ausschalten, für gute Beleuchtung sorgen, Putzmittel und sonstige gefährliche Flüssigkeiten wegschließen - damit kann man das meiste verhindern." Und vielleicht sollte man in einem Haushalt mit Kindern auf gefährliche Glasscheiben als Raumteiler verzichten.