Portugiesische Großbank Espírito Santo Unheilige Familienbande

Verblendung, Gier und Niedergang: Der Clan hinter der portugiesischen Großbank Espírito Santo hat das Geldhaus an den Rand des Ruins geführt. Jetzt wollen die Aufsichtsbehörden in dem Firmengeflecht endlich aufräumen.

Von Thomas Urban, Madrid

Der Name klingt nach Erleuchtung, Weisheit, Erlösung - doch was die Banco Espírito Santo, zu Deutsch: Heilig-Geist-Bank, derzeit bietet, ist ein Bild von Verblendung, Gier und Niedergang. Ohnehin hat der klangvolle Name des portugiesischen Kreditinstituts nichts mit Dreifaltigkeit und Katholizismus zu tun. Die Banco Espírito Santo (BES) trägt den Namen ihrer Gründerfamilie. Und die beherrscht bis heute die Geschicke der mit einer Bilanzsumme von 80 Milliarden Euro zweitgrößten Bank Portugals.

Die Verwicklungen um den Clan hatten am Donnerstag für ein Börsen-Beben gesorgt, das in ganz Europa zu spüren war und damit Ängste vor einem erneuten Aufflammen der Banken- und Staatsschuldenkrise geweckt hatte. Die Rede ist von Bilanztricks und Zahlungsschwierigkeiten bei der gleichnamigen in Luxemburg registrierten Holding, in deren Sog das fast 150 Jahre alte Familienimperium untergehen könnte - und dabei die Finanzen des ganzen Landes mitzureißen droht, fürchten Investoren.

Heiliger Name - weltliche Geschäfte

Im Jahr 1869 erhielt José María do Espírito Santo Silva trotz seines heiligen Namens die Lizenz für recht weltliche Geschäfte: die Veranstaltung von Lotterien und die Gründung einer Sparkasse in Lissabon. Daraus wuchs im Lauf der Zeit ein Unternehmensgeflecht, das nicht nur im Geldgeschäft, sondern auch in der Versicherungs- und Touristikbranche aktiv ist. Die Konzernmutter Espírito Santo International (ESI) bündelt den Familienbesitz, ihr Flaggschiff ist die BES. Der Clan arrangierte sich dabei mit fast jeder Regierung, auch der von 1933 bis 1970 währenden Diktatur des António de Oliveira Salazar. Dem aus streng katholischem Hause stammenden Despoten gefiel, so wurde gespottet, der klingende Name.

Einzig nach der Nelkenrevolution von 1974 verlor der Espírito-Santo-Clan zeitweise die Kontrolle. Die Bank wurde von den sozialistischen Reformern in der jungen Demokratie verstaatlicht und führende Familienmitglieder verließen das Land - allerdings nicht für lange. Schon nach anderthalb Jahrzehnten wurden sie im Rahmen eines großen Privatisierungsprogramms wieder voll in ihre alten Rechte eingesetzt.

Der Konzern wuchs weiter und gründete Filialen und Tochterfirmen, vor allem in Brasilien und Spanien sowie dem erdölreichen, ebenfalls portugiesischsprachigen Angola. Heute betreibt Espírito Santo unter anderem auch Privatkliniken und ist in Portugal fast allgegenwärtig. Für die BES wirbt sogar Fußball-Idol Cristiano Ronaldo mit seinem Gesicht.

Buchführungstricks führen zu Turbulenzen

Die Bank schien zunächst sogar weitgehend unbeschadet durch die große Finanzkrise gekommen zu sein, die Portugal vor drei Jahren an den Rand des Staatsbankrotts gebracht hatte. Allerdings berichtete das Wall Street Journal bereits im vergangenen Dezember, dass die Muttergesellschaft ESI ihre Bilanzen gesäubert habe, indem sie Schulden und offenbar faule Kredite von insgesamt sechs Milliarden Euro an Tochterfirmen übertrug. Dieser Buchführungstrick erhöhte nach Ansicht des Blattes die Risiken für die Investoren aber deutlich. Im Mai erschien dann ein Bericht, wonach ESI in Turbulenzen geraten sei und die Buchprüfung "große Unregelmäßigkeiten" aufweise.

Hinzu kommt ein zum Teil offen ausgetragener Machtkampf innerhalb der inzwischen in fünf Zweige zerfallenen Sippe. Sie hält noch immer ein Viertel der Anteile an der Dachgesellschaft ESI. Dort startete der Chef eines der Espírito-Santo-Häuser, José Maria Ricciardi, im vergangenen Herbst einen Angriff auf den seit mehr als zwei Jahrzehnten amtierenden Konzernchef Ricardo Salgado, einen Vetter. Ricciardi ließ durchstechen, dass drei der fünf Familienvertreter für die Ablösung Salgados seien - und sich selbst als künftigen starken Mann im Konzern feiern.

Doch der als schweigsam bekannte Salgado konterte geschickt. Der mitteilungsfreudige Ricciardo musste erfahren, dass sein Vetter auf einmal vier der fünf Familien hinter sich geschart hatte. Kleinlaut erklärte er daraufhin, man habe Frieden geschlossen. Salgado ließ nur in wenigen Worten mitteilen, dass es nie einen Streit gegeben habe, vielmehr zögen alle Familienzweige an einem Strang.

Doch das reicht offenbar nicht mehr. Zuletzt musste Salgado bekannt geben, dass er doch in Kürze als Vorstandschef der BES abtreten wird, seinen Posten im ESI-Aufsichtsrat hatte er bereits im Mai geräumt. Das bedeutet aber keinen Sieg für seinen Widersacher Ricciardi. Dieser teilte viel mehr überraschend mit, er habe seine BES-Anteile verkauft und werde bei ESI ebenfalls ausscheiden.

Zudem wurde in Lissabon bekannt gegeben, dass der neue Mann von außen kommen wird - auf Druck der portugiesischen Nationalbank als Aufsichtsbehörde. Chef-Notenbanker Carlos Costa sagte dazu in seltener Freimütigkeit: "Wir wollen hier keinen Salgado und keinen Ricciardi sehen." Über die neuen Chefs soll bis Ende des Monats entschieden werden. Die Familie gibt sich indes trotzig: "Ich habe schon acht Präsidenten der Nationalbank kommen und gehen sehen. Ich werde auch den neunten überleben", sagte Salgado.