Öl: Petrobras Ein Schatz in 7000 Metern Tiefe

Präsident Lula spricht von einem Wunder: Der brasilianische Konzern Petrobras startet die größte Kapitalerhöhung aller Zeiten. Mit den Milliarden will Petrobras im Atlantik nach Öl bohren.

Von Peter Burghardt, Sao Paulo

Zum Abschied noch ein Coup: Am Freitag wird Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva an der Börse von Sao Paulo der gewaltigen Kapitalerhöhung des halbstaatlichen Ölkonzerns Petrobras beiwohnen. 134 Milliarden Reáis sammelt das bedeutendste Unternehmen der Republik mit der Neuemissionen ein, fast 79 Milliarden Dollar, damit sollen Tiefseebohrungen finanziert werden. Es ist die größte Kapitalerhöhung aller Zeiten.

Petrobras will neue Bohrinseln bauen.

(Foto: AP)

"Nicht Bill Gates wird das tun oder George Soros", verkündete Wahlkämpfer Lula kürzlich. "Nicht der Präsident der USA, Frankreichs oder Deutschlands und auch nicht die britische Königin, sondern ein Metallarbeiter aus Sao Bernardo do Campos." Damit meint der frühere Dreher und Gewerkschaftsführer natürlich sich selbst. Und das eine Woche, bevor seine Kandidatin Dilma Rousseff zur brasilianischen Präsidentin gewählt werden soll.

Lula darf nach zwei Amtszeiten bei den Wahlen am 3. Oktober nicht mehr antreten, ersatzweise geht seine vormalige Kabinettschefin Rousseff ins Rennen. Nach Umfragen bekommt sie die Mehrheit. Termingerecht füllt sich nun vorher die Kasse von Petrobras.

Der Konzern braucht ein Vermögen, um seinen Schatz ausbeuten zu können: Vor der Küste von Rio de Janeiro und Sao Paulo wurden riesige Ölfelder entdeckt. Mehr als 30 Milliarden Fässer Öl sollen dort liegen - die Förderung von Petrobras könnte von derzeit zwei Millionen Tonnen auf täglich mehr als vier Millionen Tonnen wachsen und damit Venezuela übertreffen. Allerdings lagert der Fund bis zu 7000 Meter unter dem Meeresspiegel und unter einer mächtigen Salzschicht, daher der Name Pré-sal. 224 Milliarden Dollar will Petrobras in fünf Jahren ausgeben, um die zähe Flüssigkeit aus dem Boden zu pumpen und Brasilien in die Weltelite befördern.

Dafür werben Petrobras und Politik seit Monaten, mit Erfolg. Es fanden sich so viele Interessenten, dass das Angebot auf 2,17 Millionen neue Aktien und 1,59 Millionen Vorzugsaktien aufgestockt wurde. Die meisten Papiere sind bisherigen Aktionären vorbehalten, vor allem staatliche Pensionsfonds und institutionelle Anleger griffen zu. Auch Kleinkunden meldeten sich in Massen. Zu den ausländischen Investoren gehören offenbar asiatische Großinvestoren, 2009 hatte bereits das ressourcenfreudige China Petrobras zehn Milliarden Dollar geborgt. Auch Russland verhandelt über eine Zusammenarbeit. Am Freitag wird die Offerte an der Börse Bovespa in Sao Paulo vorgestellt, ab Montag werden die Titel gehandelt.

Das Volumen der bisher weltgrößten Kapitalerhöhung der japanischen Telekommunikationsfirma NTT von 1987 werden die Brasilianer mit ihrer Initiative mehr als verdoppeln. Am Finanzmarkt zählt Petróleo Brasileiro S.A., so der volle Name, dann nach Marktführer ExxonMobile zur internationalen Spitzengruppe.

Zuletzt war der Kurs zwar eingebrochen, und manche Analysten mahnen zur Vorsicht. Es wird kompliziert, teuer und riskant, zu dem Öl vorzudringen, die Ergebnisse sind ungewiss. Das Image von Offshore-Abenteuern hat durch das Desaster von BP im Golf von Mexiko gelitten, Umweltschützer sind entsetzt. Kritiker fürchten, da werde das Fell verteilt, noch ehe der Bär erlegt wurde. Andererseits ist Petrobras bei der Technologie führend und baut seine Bohrinseln selbst.

Präsident Lula: "Ich werde euch ein Wunder erzählen"

Lula begeistert die zähe Flüssigkeit inzwischen mehr als der Alkohol aus Zuckerrohr, der Automotoren antreibt. Bei seinen Touren um den Globus warb er immer für Ethanol aus den Plantagen und Raffinerien, Brasilien ist der wichtigste Produzent von Biosprit. Mittlerweile zeigt sich Lula noch lieber im orange leuchtenden Overall von Petrobras, mit dunkel verschmierten Gummihandschuhen. Das Öl nannte er "Brasiliens zweite Unabhängigkeit". Die Nation könnte dann endgültig zum Selbstversorger von Treibstoff werden, noch muss sie leichtes Öl importieren. Und Südamerikas Schwergewicht wäre ein Großlieferant, der Milliarden von Petrodollar ins Land spült und Brasilien zur fünftgrößten Wirtschaftsmacht des Planeten macht.

Entsprechend patriotisch und politisch ist das Manöver. Petrobras darf die Mission im Ozean leiten, dafür sicherte sich die Regierung mit einem Tauschgeschäft die verstärkte Kontrolle: Brasilia überlässt Petrobras den Zugang zu fünf Milliarden Barrel Öl im Atlantik, bekommt dafür Aktien und steigert seine Dominanz an diesem Symbol des Aufschwungs. "Petrobras ist das Unternehmen aller Brasilianer und will immer mehr Ihr Petrobras sein", heißt es in Zeitungsanzeigen. Lula verspricht, die möglichen Einkünfte aus dem Pré-sal würden für die Bekämpfung der Armut, für Erziehung, Kultur, Wissenschaft und Technik ausgegeben.

Unter früheren Präsidenten hatte es Versuche gegeben, die Privatisierung des Goldesels Petrobras voranzutreiben. "Vor uns sind sie an die Börse gegangen, um Staatsfirmen zu verkaufen", sagt Lula. Jetzt werde er an der Börse das "geliebte Petrobras" kapitalisieren. Und: "Ich werde nicht den Namen des Heiligen sagen, aber ich werde euch ein Wunder erzählen. Am 24. diesen Monats wird etwas geschehen, was Ihr euch nie hättet vorstellen können. Dieses Land wird die größte Kapitalisierung in der Historie der Menschheit durchführen. " Unter Mirakeln und Rekorden macht es Lula nicht mehr.