Paul Krugman "Wir müssten schon einen neuen Planeten finden"

Brillant, scharfzüngig, konfliktfreudig: Amerikas linker Vordenker Paul Krugman malt ein düsteres Bild der Zukunft.

Von Moritz Koch

Bescheidenheit ist nicht die Sache des Nobelpreisträgers. Gefragt, wie er sich denn fühle, nun da er ein Superstar sei, zögert er keinen Moment: Eigentlich habe sich nicht viel verändert, er habe weiterhin zu viel zu tun und müsse immer noch zehn Kilo ablegen.

Paul Krugman

Die Krise ist Krugmans Thema - und gleichzeitig macht die Krise Krugman zum Thema

(Foto: Foto: Reuters)

Den Heldenstatus in Zweifel zu ziehen, den ihm der Fragensteller zusprach, kam Paul Krugman nicht in den Sinn.

Ein bisschen eingebildet ist er eben, der berühmte Princeton-Ökonom und Vordenker der amerikanischen Linken. Zweifellos ist er brillant, scharfzüngig sowieso und alles andere als konfliktscheu.

Allenfalls Zeit gekauft

Jahrelang geißelte Krugman in seinen New-York-Times-Kolumnen George W. Bush und die Republikaner. Und jetzt, da die rechten Ideologen erledigt sind, knöpft er sich Präsident Barack Obama und Finanzminister Timothy Geithner vor.

Sein Vorwurf: Zögerlichkeit. Das 789-Milliarden-Dollar-Konjunkturprogram reiche nicht, bemängelt Krugman. Das Einzige, was man sich damit kaufen könnte sei "etwas Zeit". Auch der sogenannte Geithner-Plan, mit dem die Regierung an der Wall Street faule Wertpapiere einkaufen will, würde scheitern.

Die Krise ist Krugmans Thema - und gleichzeitig macht die Krise Krugman zum Thema. Je tiefer es abwärts geht, desto größer ist das Interesse an seiner liberalen Angriffslust. Erst kürzlich prangte Krugmans ernste Miene auf dem Titel der Newsweek. Neben ihm stand die Schlagzeile: "Obama irrt."

Auch an diesem Montag, als sich Krugman den Fragen der Auslandspresse in New York stellt, spart der Professor nicht mit Kritik, und er warnt angesichts der jüngsten Börsenrally vor Euphorie.

"Die Aktienmärkte haben nach meiner Zählung sechs Erholungen vorweggenommen - eine kam", witzelt er. Zwar gebe es Anzeichen dafür, dass sich der Abschwung verlangsame. Aber Anzeichen für einen Aufschwung gebe es nicht. Nirgends.

"Woher soll denn der Nachfrageschub kommen, den wir brauchen", fragt Krugman. "Exporte werden uns nicht retten, weil die gesamte Welt am Boden liegt. Es sei denn, wir finden einen neuen Planeten, der uns unsere Waren abkauft."

Eher unwahrscheinlich. Und so rechnet Krugman damit, dass die Arbeitslosigkeit in Amerika weiter steigen wird, nicht nur in diesem, sondern auch im kommenden Jahr.

Beispielloser Niedergang

Für den Ökonomen ist das Tempo der Krise ohne Beispiel. "Wir haben noch nie einen so rasanten Absturz erlebt", sagt er, "nicht einmal zu Zeiten der Großen Depression."

Stärker noch als die USA würde Europa von den weltwirtschaftlichen Verwerfungen getroffen, glaubt Krugman. Der Aufstieg des Euro sei um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, zurückgeworfen worden. Die Krise habe die Schwächen der alten Welt schonungslos offengelegt.

Zwar sei die Eurozone gemessen an ihrer wirtschaftlichen Leistungskraft den USA ebenbürtig. Doch es gebe trotz Einheitswährung keinen einheitlichen Anleihenmarkt. "Eine Euro-Anleihe ist keine Euro-Anleihe, weil Investoren weit höhere Risikoaufschläge für griechische Staatsanleihen verlangten als für spanische, französische oder deutsche", sagt Krugman. Diese Fragmentierung bedeute, dass der Euro auf absehbare Zeit auf dem Devisenmarkt nicht zum Dollar aufschließen werde.

Besonders besorgt blickt der Ökonom nach Osten. Was dort geschehe, hält er für die genaue Wiederholung der Asienkrise. Der Crash verlaufe nach einem altbekannten Muster: Weil Investoren den Mut verlieren und ihr Geld abziehen, können Länder ihre festen Wechselkurse nicht verteidigen. Im gleichen Maß, in dem ihre Währung absackt, steigt ihre Schuldenlast im Ausland - und schließlich die Gefahr eines Staatsbankrotts.

Doch nicht nur die einst umjubelten Tigerstaaten im Osten sieht Krugman in Gefahr. Das Beispiel Island habe gezeigt, dass auch hochentwickelte Volkswirtschaften pleitegehen können. Der nächste Kandidat sei Irland. Und gleich danach: Österreich. Die Banken der Alpenrepublik seien jahrelang viel zu spendabel mit Krediten für Osteuropa gewesen.

Trotz seiner düsteren Lagebeschreibung will er seiner Heimat eine europäische Kur verschreiben.

"Amerika braucht einen Sozialstaat nach dem Vorbild Europas und ein stark reguliertes Finanzsystem", sagt er. "Bankgeschäfte müssen dringend wieder langweilig werden." Nur dann gäben die Finanzmärkte Ruhe und die Wirtschaft könnte wieder wachsen. Ganz gemächlich.