Ölreserven Bergab mit aller Energie
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Ewiges Wachstum als Lebenslüge: Die Ölvorräte sind endlich, alles andere ist Wunschdenken.
Die Meldungen klingen wie gute Nachrichten. Jetzt also ist es Brasilien, das die Welt vor dem Ende des Ölzeitalters retten will. Anfang März kam das Heil noch vom Nordpol. Wenn die Erderwärmung die Polarregion in 40 Jahren vom Eise befreit haben sollte, so die Prognosen, ließen sich nach Ansicht amerikanischer Experten dort neue Ölreserven nutzen.
Dann versprach eine Meldung aus Indonesien neue Ölhoffnungen. In der indonesischen Tsunami-Region Aceh war man einige hundert Meter unter dem Meer auf einen "gigantischen Ölfund" gestoßen, das behauptete jedenfalls die staatliche indonesische Technologieagentur.
Nachrichten dieser Art gibt es mittlerweile praktisch im Wochenrhythmus: Allerdings konnte keine dieser vermeintlichen Segensbotschaften das Steigen des Ölpreises aufhalten. Die angeblichen Vorkommen sind entweder noch vage oder sehr klein. Die neu entdeckten brasilianischen Reserven vergrößern die Ölreserven der Welt bestenfalls um etwa drei Prozent.
Schlechte Nachrichten aus Russland
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Stattdessen trieb eine andere Nachricht den Ölpreis am Dienstag gleich um mehr als ein Prozent nach oben. Leonid Fedun, der Chef des russischen Ölkonzerns Lukoil, hatte öffentlich erklärt, die Ölproduktion in Russland habe im vergangenen Jahr einen Spitzenwert erreicht. Sie sei nicht mehr zu steigern, wenigstens nicht "so lange er lebe".
Das ist keine gute Nachricht. Russland ist zweitgrößter Öllieferant der Welt hinter Saudi-Arabien. Deutschland bezieht von dort ein Drittel seines Öls.
Vor allem sind solche Worte selten. In der Industrie der Welt geht einhellig die Meinung um, Ölknappheit sei nur ein Thema für Panikmacher. Wenn die Barrel-Preise stiegen, würde die Ausbeutung neuer Quellen rentabel - kein Grund zur Sorge also. Doch Feduns warnende Worte stören diese Gemütlichkeit und erschüttern eine internationale Lebenslüge.
Dass ein Ölmanager oder der Staatschef eines Öllandes zugibt, dass die Rohöl-Reserven zur Neige gehen, kommt selten vor. Manager fürchten, ihre Aktionäre könnten davonlaufen, wenn sie erführen, dass die genannten Ölreserven geringer sind als behauptet.
Politiker aus Ölländern fürchten um ihren internationalen Einfluss, wenn sie einräumten, ihre Bodenschätze seien kleiner als erwartet. Über nichts wird in den Industrieländern so gestritten wie über die Reichweite des Erdöls, des Lebenssaftes der globalen Wirtschaft. Wer das nahe Ende des Ölzeitalters beschwört, gilt als Spielverderber.
Pessimistische Geologen
Der Ölkonzern Esso schätzte noch im Jahr 2000: "Die weltweiten Ölressourcen reichen noch für Jahrhunderte. " Die saudische Ölgesellschaft Aramco teilte 2006 mit, bis heute seien erst 18 Prozent der Ölreserven der Welt verbraucht. Doch Geologen sehen die Dinge nüchterner.
Sie sagen, dass die Ölmengen im Boden kleiner sind als die Ölindustrie behauptet. Vor allem behaupten sie, dass die Ölreserven in der Erde weitgehend bekannt sind, dass keine nennenswerten neuen Funde mehr gemacht werden könnten und die weltweite Produktion, die schon seit Jahren bei etwas über 80 Millionen Barrel pro Tag liegt, kaum noch gesteigert werden kann.
Hauptvertreter dieser Theorie ist der britische Geologe Colin Campbell, der einst für Shell und BP arbeitete und seine früheren Arbeitgeber heute durch Schreckensmeldungen über die wahre Reichweite der Ölvorkommen ärgert. Für Campbell hat die Menschheit bis 2004 bereits die Hälfte aller je vorhandenen Ölreserven verbraucht. Jetzt läge noch einmal etwa dieselbe Menge unter der Erde, etwa eine Billion Barrel.
Dass diese Menge durch Neufunde signifikant gesteigert werden könnte, ist nach Meinung dieses Experten unwahrscheinlich. Neue Vorkommen seien zuletzt nur noch wenige gefunden worden. Selbst die Internationale Energieagentur (IEA), die lange die drohende Knappheit beim Rohöl bestritt, sieht die Dinge inzwischen vorsichtiger.Die Ölförderung könne zurückgehen, die Preise könnten steigen. Innerhalb von fünf bis zehn Jahren werde die Produktion der Nicht-Opec-Länder den Gipfel erreichen, sagen die IEA-Fachleute. Es müsste erheblich mehr investiert werden, um das Absinken der Fördermenge zu verlangsamen.
Besonders Wachstumsländer wie China oder Indien treiben mit ihrem Energiehunger die Preise für den Treibstoff der globalen Wirtschaft. Sie sorgen auch dafür, dass Sparmaßnahmen in entwickelten Ländern, wo der Ölkonsum nicht mehr mit dem Wirtschaftswachstum zunimmt, verpuffen.
Chinas Volkswirtschaft, die noch an vierter Stelle in der Welt steht, wächst jedes Jahr um mindestens zehn Prozent. Inoffizielle Schätzungen sprechen sogar von höherem Wachstum. Schon in zwei Jahren wird nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur das 1,3-Milliarden-Volk die USA als größter Energieverbraucher ablösen. Bis 2030 wird sich der Energieverbrauch Chinas verdoppeln. Nicht zuletzt wird der Ölverbrauch auch deshalb steigen, weil sich die Zahl der Autos in China bis dahin versiebenfacht haben wird.
Das erklärt, warum die Ölpreise so stark steigen. Anfang des Jahres erreichte die Notiz die Marke von 100 Dollar pro Barrel. Inzwischen liegt er bei 112 Dollar. Auch der Wissenschaftler Matthew Simmons, der die US-Regierung berät und ebenfalls das absehbare Ende des Ölzeitalters vorhersagt, erwartet drastisch steigende Ölpreise: "200 Dollar je Barrel bis 2010 halte ich für realistisch."