sueddeutsche.de: Wie fragil ist der Euro insgesamt?

Proteste in Griechenland, dpa

Randale in Griechenland: Die Bevölkerung wehrt sich mit Protesten gegen das radikale Sparpaket. Am Mittwoch eskalierte die Gewalt - drei Menschen kamen ums Leben. (© Foto: dpa)

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Flassbeck: Der Euro müsste überhaupt nicht fragil sein. Der Euro könnte trotz dieser Krise eine sehr stabile und gute Währung sein, wenn unsere Politiker bereit wären, das Notwendige und Offensichtliche zur Kenntnis zu nehmen.

sueddeutsche.de: Ein verkappter Vorwurf, weil auch im Jahr 2010 jedes Land in der Eurozone nur an die eigenen Interessen denkt und munter den Protektionismus forciert?

Flassbeck: Das ist Merkantilismus. Wir retten uns aus allen Situationen mit einem Exportüberschuss - ohne daran zu denken, dass irgendwo auf der Welt jemand dann ein Exportdefizit haben muss.

sueddeutsche.de: Hätten die Banken an den Griechenland-Rettungskosten beteiligt werden müssen?

Flassbeck: Nein, von Bankenbeteiligungen halte ich nichts. Man kann nicht den Bock zum Gärtner machen, sprich: Man kann nicht die, die gegen Griechenland spekuliert haben, beteiligen. Das ist immer dieses Wischiwaschi in Deutschland: Wir machen jetzt mal freiwillige Lösungen der Wirtschaft. Man muss hier eine klarere Rollenverteilung haben. Das ist jetzt eindeutig eine europa-staatliche Aufgabe.

sueddeutsche.de: Die US-Investmentbank Lehman Brothers kollabierte, weil eine Ratingagentur den Daumen gesenkt hatte. Im Fall Griechenland war es nun das gleiche Schauspiel. Wie lässt sich das Monopol der Agenturen knacken?

Flassbeck: Das ist einfach. Ratingagenturen können vielleicht für Unternehmen eine Rolle spielen, aber bei Staaten haben die nichts zu suchen. Drei Hanseln, die in Harvard einen Abschluss gemacht haben, können kein Urteil über Griechenland fällen. Es ist lächerlich, dass wir solche Agenturen über Länder urteilen lassen. Das muss man sofort beenden. Jenseits dessen finde ich: Ratingagenturen gehören abgeschafft. Jeder, der ein Papier kauft, soll sich gefälligst selbst Gedanken darüber machen, wie riskant das ist und nicht auf den Stempel irgendeiner Agentur vertrauen - die ja wahrscheinlich bezahlt ist von dem, der das Papier emittiert hat.

sueddeutsche.de: Der Gedanke, Ratingagenturen abzuschaffen, ist vielleicht schick. Aber ist er auch realistisch?

Flassbeck: Was heißt realistisch? Man muss nur eine Regulierung zusammenbringen, die dafür sorgt, dass derjenige, der ein Papier in sein Portfolio nimmt, sich - das kostet natürlich - gefälligst Gedanken macht, was in diesem Papier drinsteckt. Dann würde es nicht passieren, dass Bankvorstände einfach den Kauf von Giftpapieren akzeptieren, weil dort AAA von irgendeiner Ratingagentur draufsteht. Das darf einfach nicht mehr passieren.

sueddeutsche.de: Momentan ist es doch so, dass Banken die Verantwortung auf die Ratingagenturen abwälzen - und die im Extremfall nicht haften müssen ...

Flassbeck: ... weil es so schön bequem ist. Die Ratingagentur gibt nur eine Meinungsäußerung ab - und damit sind alle fein raus. Der Staat ist am Ende der Dumme und muss geradestehen. Das Rating kann auch der Staat übernehmen. Wir lassen kein Medikament auf den Markt, ohne dass es eine staatliche Institution getestet hat. Man kann eine staatliche Institution schaffen, die zertifiziert. Das würden die Banken nicht mögen, aber es ist eine Möglichkeit.

sueddeutsche.de: Reicht eine deutsche Zertifizierungsstelle und ist nicht vielmehr ein internationaler Verbund nötig?

Flassbeck: Jedes Land könnte es für sich machen oder die Eurozone könnte es machen, das ist ziemlich egal.

sueddeutsche.de: Was muss Griechenland leisten, um wieder auf den grünen Zweig zu kommen?

Flassbeck: Mit dem Staat-Spar-Programm alleine geht es nicht, das ist nicht ausreichend. Nötig ist eine europäische Wachstumspolitik, man braucht eine Umkehr der Wettbewerbsverhältnisse und auch noch sehr lange Überbrückungshilfen. Nach ein, zwei Jahren wird man das Defizitziel zurücknehmen müssen - weil man sieht, dass Griechenland die unterstellte wirtschaftliche Entwicklung gar nicht erreichen kann. Und wenn die wirtschaftliche Entwicklung schlechter ist, kann man von einem Land nicht verlangen, noch mehr einzusparen.

sueddeutsche.de: Was bleibt all jenen übrig, die nicht so risikofreudig sind wie Heiner Flassbeck? Sollten sie statt in griechische Staatspapiere lieber in Olivenöl und Feta investieren?

Flassbeck: Das ist auch gut. Oder einfach mal Urlaub in Griechenland machen - es ist alles erwünscht, was dem Land hilft, sich weniger im Ausland zu verschulden.

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(sueddeutsche.de/jja)