Timothy F. Geithner, Chef der Federal Reserve Bank of New York, über die globalen Ungleichgewichte und die Regulierung von Hedge-Fonds.
Beim Gipfel der G-8-Staaten in Heiligendamm werden die Staats- und Regierungschefs im Juni auch über die Regulierung von hochspekulativen Hedge-Fonds beraten. Schon jetzt ist klar, wie die Front verlaufen wird: Die meisten Kontinentaleuropäer fühlen sich von der 1,6-Billionen-Dollar-Branche bedroht und fordern schärfere Gesetze; Briten und Amerikaner halten dagegen, weil sie vor allem den Nutzen der Fonds sehen. Diese Position erläutert Timothy F. Geithner, der Präsident und Vorstandsvorsitzende der Federal Reserve Bank of New York, im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.
(© Foto: AP)
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Niemand kann die Federal Reserve Bank von New York betreten, ohne das immense Selbstbewusstsein dieser Institution zu spüren. Die Hauptverwaltung, nur wenige Schritte von der Wall Street entfernt, ist einem florentinischen Palazzo nachempfunden. Im Inneren breite Flure und riesige Büros - eine Großzügigkeit, die im Financial District besonders auffällt, wo sich auch Leute in Großraumbüros zwängen, die mehrere Millionen Dollar im Jahr verdienen.
Herausragende Position
Eigentlich ist die New Yorker Federal Reserve Bank nur eine von zwölf Landeszentralbanken, die zusammen das Notenbanksystem, die "Fed", tragen. Aber sie hat eine herausgehobene Position: Die New Yorker sind zuständig für Offenmarktgeschäfte, für Fragen der Regulierung und die Überwachung von Banken; der Präsident ist qua Amt Stellvertreter des Notenbankpräsidenten. Sein Wort hat daher Gewicht an der Wall Street und in Washington.
Timothy Geithner steht seit 2003 an der Spitze der Bank. Seither befasst er sich vor allem mit der Welle von Innovationen, die in kurzer Zeit die Finanzmärkte radikal verändert haben. Allein der Markt für Kreditderivate, das sind vereinfacht ausgedrückt Wetten auf die Bonität von Schuldnern, hat 26 Billionen Dollar erreicht, das ist doppelt so viel wie die Wirtschaftsleistung der USA.
Angesprochen auf die europäischen Wünsche nach einer strengeren Regulierung von Hedge-Fonds, antwortet Geithner mit Gegenfragen: Was soll die Regulierung bewirken? Will man Anleger schützen? Das kann man leicht dadurch erreichen, "dass man den Zugang zu Hedge-Fonds auf reiche und wohlinformierte Investoren begrenzt", ist seine Antwort.
Geht es um Marktintegrität? Hedge-Fonds sollten nach denselben Regeln spielen wie alle anderen. "Die Regeln und Standards zur Integrität der Märkte erfordern keine Ausnahmen für Hedge-Fonds." Oder will man gar Manager vor aggressiven Aktionären schützen? Auch hier ist die Lösung einfach: "In den meisten Ländern müssen Investoren ihre Beteiligung offenlegen, wenn diese eine bestimmte Höhe überschritten hat." Irgendeine Sondervorschrift für Hedge-Fonds ist demnach schlicht überflüssig.
Es bleibt das Risiko einer "systemischen Krise", bei der ein Fonds das gesamte Finanzsystem in den Abgrund ziehen könnte. Auch hier sieht Geithner die Antwort nicht in mehr Regulierung: "Am besten ist es, die Banken so stark zu machen, dass sie einen Zusammenbruch wie seinerzeit den von LTCM aushalten können." Der Kollaps des Fonds Long Term Capital Management (LTCM) hatte 1998 fast zu einer Systemkrise geführt, nachdem dessen Manager fälschlicherweise auf sinkende Zinsen in Russland spekuliert und mehrere Milliarden Dollar verloren hatten. Es war Geithners Vorgänger, William McDonough, der seinerzeit eine Kettenreaktion in den Finanzmärkten verhinderte. McDonough rief die Chefs der 14 wichtigsten Banken in seinem Büro zusammen und verabredete eine kollektive Rettungsaktion.
Timothy Geithner könnte leicht unterschätzt werden. Er ist erst 45 Jahre alt und wirkt noch deutlich jünger. Zudem tritt er sanft und fast schüchtern auf. "Er hat keine Ellbogen, das ist schon bemerkenswert," zitierte die New York Times den früheren US-Finanzminister Robert Rubin, einen von Geithners Mentoren. Tatsächlich jedoch, so sagen Analysten in New York, verfügt er über erhebliche Durchsetzungskraft dank seiner Fähigkeit, die komplexe Welt der Finanzinnovationen intellektuell zu meistern.
Geithner glaubt, dass die modernen Finanzderivate im Prinzip eine gute Sache sind. Sie haben bewirkt - das ist jedenfalls ihr ökonomischer Kern -, dass sich Wertpapiere von ihren Risiken trennen lassen und Letztere handelbar werden. Dadurch sind Risiken heute viel breiter gestreut als früher. Die Wahrscheinlichkeit einer Krise ist geringer geworden. Nur: Wenn doch etwas passieren sollte, ist der Schaden größer, weil es um viel größere Summen geht.
Was folgt daraus für Geithner? "Wir sollten uns auf den Kern des Finanzsystems konzentrieren - dies muss gesund bleiben und Stress aushalten können, wo auch immer der herkommen mag." In anderem Zusammenhang hat Geithner die Banken einmal als "Stoßdämpfer" des Finanzsystems bezeichnet. Und wenn man das so sieht, hat das ganz praktische Konsequenzen: "Es ist ja nicht so, dass wir Leute, die in Hedge-Fonds investiert haben, davor schützen sollten, Geld zu verlieren.
Dilemma im Haushalt
Das ist unvermeidbar und wahrscheinlich auch wünschenswert. Es kommt darauf an, die Verluste der Banken und die Schäden an den Märkten zu begrenzen, um die Stabilität des Systems nicht zu gefährden." Natürlich gebe es Risiken, sagt Geithner. "Es wäre unvernünftig, ein System ohne Risiken anstreben zu wollen. Aber die großen Finanzinstitutionen sind heute stärker, als sie es noch vor fünf oder sechs Jahren waren."
Die Finanzmärkte sind heute so leistungsfähig, dass sie gigantische globale Ungleichgewichte mit Leichtigkeit tragen: das Leistungsbilanzdefizit der Vereinigten Staaten und die damit korrespondierenden Handelsüberschüsse in Asien. Aber kann das immer so weitergehen? "Nein, sicher nicht," sagt Geithner. "Wir können diese Ungleichgewichte zwar nicht kurzfristig durch politische Maßnahmen in Amerika, Europa, Japan und China abbauen. Aber wir können die damit verbundenen Risiken minimieren und die Voraussetzungen für den Abbau der Defizite verbessern." Konkret: "Wenn die Vereinigten Staaten ihr Haushaltsdefizit abbauen, werden wir weniger krisenanfällig sein. Amerika muss für ausländisches Kapital attraktiv bleiben, Asien und die erdölexportierenden Staaten sollten ein flexibleres Wechselkurssystem haben."
Besorgt äußert sich Geithner hinsichtlich der Probleme, die mittelfristig auf Amerika zukommen. Schon im Januar hatte Ben Bernanke, der Präsident der Fed, vor einer Finanzkrise für den Fall gewarnt, dass Amerika seine öffentlichen Haushalte nicht in Ordnung bringen sollte. Geithner schließt sich dieser Warnung an: "Unsere nationalen Haushalte sind nicht nachhaltig wegen der Kosten des Gesundheitswesens und des Sozialetats. Das Dilemma liegt darin, dass die Gefahr aus der Sicht der Politiker noch zu weit in der Zukunft liegt. Es besteht immer noch kein Handlungsdruck. Und weil die langfristigen Zinsen niedrig sind, macht man sich auch an den Kapitalmärkten kaum Sorgen über das Thema."
Anders gewendet: Die Vereinigten Staaten, derzeit die größte Schuldnernation der Welt, müssen mehr sparen: "Wir brauchen irgendwann eine positive Sparquote, um das Geld zurückzahlen zu können, das wir uns geborgt haben." Geithner macht den Politikern dazu keine Vorschläge, aber er sagt immerhin, was man seiner Meinung nach unterlassen sollte: "Das Schlimmste, was wir tun könnten, wäre es, unser Land weniger attraktiv für ausländisches Kapital zu machen, zum Beispiel durch Handels- oder Investitionsrestriktionen oder Regulierungen, die das künftige Produktivitätswachstum hemmen." Und weil amerikanische Politiker in schwierigen Zeiten gerne zum Mittel des Protektionismus greifen, hat es diese Aussage durchaus in sich.
(SZ vom 10.4.2007)