Von Gerhard Matzig

Die Wissensgesellschaft träumt von leeren Zimmern mit Highspeed-Anschluss - für "Billy" und Konsorten könnte dies das Aus bedeuten.

"Die Regale, in denen die Bücher standen, dufteten nach frisch geschlagenem Holz. Sie reichten bis hinauf zu einer himmelblauen Decke, von der winzige Lampen wie angebundene Sterne hingen. Schmale Holztreppen, versehen mit Rollen, standen vor den Regalen, bereit, jeden begierigen Leser hinauf zu den oberen Borden zu tragen." Die Bibliothek, die hier beschrieben ist, breitet sich über ein ganzes Haus aus. Die Zimmer darin scheinen nicht aus Wänden, sondern aus reich bestückten Buchregalen zu bestehen.

Die Bibliotheca Electoralis des sächsischen Kurfürsten Friedrich III. und seiner Nachfolger (© Foto: ddp)

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Aber all das ist lediglich ein Ort der Fantasie. Ein literarisches Utopia, niedergeschrieben in einem Buch, das sich bevorzugt an Jugendliche wendet. Das Buchregal wird in Cornelia Funkes Romanerfolg "Tintenherz" zum Katalysator kindlichen Staunens: "Meggie hatte immer geglaubt, dass Mo viele Bücher besaß. Nachdem sie Elinors Haus betreten hatte, glaubte sie das nie wieder."

Bei Harry Potter sind es norwegische Stachelbuckel, ein Muggelabwehrzauber, fahlgraue, drei Meter große Trolle und andere Exotismen, die als Transportmittel der Fantasie dienen. In "Tintenherz" ist es ein Buchregal. Der Verdacht bietet sich an, dass ein Möbelstück, das so simpel ist wie Ikeas "Billy", bereits in der Lage sein könnte, als durch und durch fremd zu erscheinen. Als Ort der Rätsel und der Geheimnisse.

Von Billy zu Benny

Natürlich gibt es sie, wie Elinor, immer noch, die besessenen Liebhaber von Büchern, deren Leidenschaft nur eine bedeutende Architektur kennt: das Buchregal. Aber wer aufmerksam die Möbelmessen besucht, wer die jüngeren Design- und Wohntrends studiert und sich durch hochglänzende Zeitschriften der Wohnkultur blättert, der kommt kaum umhin, dem Buchregal einen Nachruf zu widmen.

Erst sind die Bücher aus den Wohnungen verschwunden, dann wurden die leeren Buchregale umfunktioniert: Nun boten sie auch den buchrückenartigen, im Format den Büchern ähnlichen, dabei schon wieder ausgestorbenen VHS-Kassetten Platz, links und rechts neben einem TV-Möbel postiert. Sie wurden mit Nippes bestückt - und sogar Billy, das millionenfach verkaufte Globalmöbel, wird inzwischen mit Glastüren oder in der Kombination mit einem DVD-Turm angeboten. Aus Billy, dem Regal, wurde Benno, der Turm. Die Wände, die oft nur danach bemessen wurden, wie viele Buchregalmeter sie aufzunehmen in der Lage wären, lösen sich auf.

Das Buchregal stirbt aus - noch bevor die E-Books in unserem Leben eine massentaugliche Rolle spielen, die keine Regale mehr benötigen, sondern nur den großen Speicher des Internet. Das in aller Regel hölzerne Medium "Buchregal" verflüchtigt sich - lange bevor sein Daseinszweck, das bislang papierene (also auch hölzerne) Medium "Buch" aufhört zu sein. (Welch ungeheure Regeneration dies für die Wälder bedeuten kann, die nicht mehr Kultur sein müssen, sondern wieder Natur sein dürfen, ist gar nicht vorstellbar.)

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