Nichtregierungsorganisationen wollen am Boom der Nachhaltigkeitsfonds teilhaben - und setzen damit ihre eigene Glaubwürdigkeit aufs Spiel.
Die einen finden Kindersklaven, die in Kellerlöchern Kleidung für die Industrienationen nähen. Die anderen untersuchen Ölförderanlagen auf Umweltverträglichkeit. Nichtregierungsorganisationen (NGOs) machen immer wieder auf soziale, ethische oder ökologische Missstände aufmerksam. Die Mitarbeiter dieser Organisationen decken unhaltbare Verhältnisse in Unternehmen vor Ort auf, beispielsweise Arbeitsplätze in einsturzgefährdeten Fabriken. Sie besichtigen Fertigungsanlagen, führen Interviews mit Mitarbeitern oder nehmen Boden- und Wasserproben, um Schadstoffe nachzuweisen. Diese Informationen veröffentlichen sie. Die oft ehrenamtlich engagierten Menschenrechtler und Umweltschützer verlassen sich nicht auf die bunten Prospekte der Unternehmen, sondern recherchieren selbst.
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NGOs wollen profitieren und künftig an den Gewinnen beteiligt werden. (© Foto: dpa)
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Mittlerweile haben sie einen festen Platz im internationalen Wirtschaftssystem gefunden. Politik und Industrie nehmen die Arbeit dieser Organisationen ernst. Immer stärker nutzt auch die Finanzwelt deren Wissen. Viele Ratingagenturen bedienen sich dieser Informationen, wenn sie Unternehmen für Nachhaltigkeitsfonds bewerten. In einem Ethikfonds werden dann die Firmen mit den unsicheren Arbeitsplätzen ausgeschlossen. Bislang erhalten die NGOs für ihren rastlosen Einsatz allerdings kein Geld.
Verständliche Forderung
Einige Organisationen wollen jetzt aber von dem rasant wachsenden Markt für nachhaltige Finanzprodukte profitieren, in denen viele Milliarden Euro stecken. Sie fordern ihren Anteil an den Gewinnen der Fonds, um noch effektiver arbeiten zu können. Doch die Branche reagiert überwiegend zurückhaltend.
Angesichts der Zahlen für 2007 ist die Forderung der NGOs verständlich. Nach Angaben des Sustainable Business Institute der European Business School in Oestrich-Winkel hat der Markt für nachhaltige Publikumsfonds im vergangenen Jahr im deutschsprachigen Raum deutlich zugelegt. "Das Volumen ist um circa 90 Prozent gestiegen, die Anzahl der Fonds um rund 30 Prozent", sagt Institutsleiter Paschen von Flotow. Zum Jahresende waren 181 Fonds zum Vertrieb zugelassen, mit einem Volumen von 34 Milliarden Euro.
Die Investmenthäuser verdienen gut daran. Schließlich zahlen die Anleger bei nachhaltigen Aktienfonds in der Regel weit mehr als ein Prozent an jährlichen Gebühren. Davon fließt ein Teil an die Ratingagenturen. Diese bewerten Unternehmen nach ethischen, sozialen und ökologischen Kriterien. Dabei nutzen sie auch Informationen von NGOs. Denn die sind im Gegensatz zu den Agenturen mit Mitarbeitern vor Ort und spüren Missstände auf. Allerdings fehlt ihnen oft das Geld für ihre Arbeit. "Wenn ein Teil des Geldes, das in Nachhaltigkeitsfonds fließt, den NGOs zugutekäme, könnten diese mehr und bessere Daten liefern", sagt Antje Schneeweiß, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Südwind-Institut.
Reich werden, gut bleiben
Sie nennt ein Beispiel: In Indonesien hat sich in den vergangenen Jahren der französische Einzelhandelskonzern Carrefour breitgemacht. Er drängte mit seiner Expansion lokale Geschäftsleute aus dem Markt. "Darüber hinaus hat er inländischen Produzenten mit Knebelverträgen geschadet", berichtet Schneeweiß. Aufgedeckt hat das eine indonesische Arbeitsgruppe. Das Südwind-Institut hat das Projekt finanziert. Kostenpunkt: 1500 Euro. Es geht also nicht um viel Geld, aber auch kleine Beträge sind schwer aufzutreiben. Schneeweiß gibt zu: "Die kleinen Ratingagenturen können das vom Budget her nicht leisten." Die großen Fondsgesellschaften schon.
Doch die winken ab. Zwar sagt Kim-My Schefer, Sprecherin der Schweizer SAM-Group, die sowohl Nachhaltigkeitsfonds verwaltet als auch passende Indizes aufgelegt hat: "Wir arbeiten mit NGOs gezielt zusammen." Dabei gehe es allerdings um werbewirksame Kooperationen mit bekannten, großen Organisationen wie dem WWF. Zudem handele es sich um einzelne, zeitlich begrenzte Projekte für bestimmte Studien und nicht um ständige Kooperationen, erklärt Schefer: "Derzeit haben wir nichts Konkretes in dieser Art."
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