Nachbarschaftsstreite Feind hinterm Gartenzaun

Der Blick über den Zaun: Gerade im Sommer geraten viele Nachbarn über Lärm und Qualm in Streit.

(Foto: dpa-tmn)

Ob herüberwachsende Äste, falsche verbaute Zäune oder nachts laufende Waschmaschinen: Streit unter Nachbarn birgt viel Potenzial für Absurdes - und Geldverschwendung.

Von Jan Willmroth

Manchmal kann Bodo Winter selbst kaum glauben, was er erlebt. Es ist nicht lange her, da fuhr der Streitschlichter aus dem hessischen Büdingen zu einem Haus in der Altstadt. Dort hatte vor langer Zeit ein älterer Herr eine Wohnung gekauft, und weil die kein Bad hatte, gehörte zu dem Kauf auch das Nutzungsrecht für das Badezimmer der Nachbarwohnung. Das war seit Generationen üblich und stand sogar im Grundbuch.

Nachdem der Nachbar verstorben und dessen Kinder eingezogen waren, wollten sie nichts mehr davon wissen und verwehrten dem Käufer seine Körperhygiene - der Ausgangspunkt für einen handfesten Krach. Wie so oft kam Bodo Winter reichlich spät: Fast zwei Jahre hatten sich die Hausnachbarn gezankt, bis sie sich mit seiner Hilfe einigten. "Wenn der Streit erst einmal gereift ist, fallen den Leuten keine einfachen Lösungen mehr ein", sagt Winter.

40 Fälle pro Jahr - in einer 20.000-Seelen-Gemeinde

Damit weniger Konflikte die deutschen Gerichte blockieren, heuern die Kommunen ehrenamtliche Helfer als sogenannte Schiedsmänner an. Leute wie den 62-jährigen Winter, der schon Hunderten Nachbarn zu Lösungen verholfen hat. Mit rund 40 Fällen von Zaun-Zwisten und Sturköpfen bekommt er es Jahr für Jahr zu tun. Und das nur in der 20 000-Seelen-Gemeinde Büdingen nordöstlich von Frankfurt.

Wie alltäglich Auseinandersetzungen unter Nachbarn sind, verrät die Frequenz, mit der Zeitungen über Gerichtsprozesse berichten. Kaum ein Alltagskonflikt liefert so viel Stoff für absurde Geschichten, genügend für ganze Fernsehserien. Tag für Tag streiten Nachbarn über herübergewachsene Äste, falsch verbaute Zäune oder nachts laufende Waschmaschinen. Nicht selten gehen sie aufeinander los, wie Mitte Mai in Bielefeld, wo ein 74-Jähriger nach jahrelangen Querelen ein benachbartes älteres Ehepaar und dann sich selbst erschossen hat. Über 8000 Nachbarschaftskonflikte haben deutsche Amtsgerichte 2012 in Zivilprozessen geurteilt; das waren nur jene, die Schiedsstellen mit Leuten wie Winter nicht lösen konnten. Hinzu kommen noch all die schwereren Fälle, um die sich die Strafkammern kümmern müssen.

Mit der deutschen Streitkultur liegt etwas im Argen

Warum eskalieren gerade Nachbarschaftskonflikte derart? Weshalb nehmen Menschen aus Rechthaberei teure Gerichtsprozesse in Kauf? Anscheinend liegt mit der deutschen Streitkultur etwas im Argen. Das sieht auch Bodo Winter so, der wie viele seiner Kollegen seit Jahren immer mehr zu tun hat.

"Wir haben den alltäglichen Umgang mit unseren Nachbarn verlernt", sagt der Sozialpädagoge Rainer Köpnick, der in München als Mediator arbeitet. Am Anfang steht oftmals eine Lappalie, etwa ein Strauch, der durch den Zaun wächst, oder ein Grill, den die Nachbarn zu häufig befeuern. Die ersten Störungen werden oft noch ignoriert. Wenn man nicht früh genug miteinander rede, staue sich der Ärger langsam an, sagt Köpnick. Bis sich die Streithähne vor Gericht wiedersehen und es nur noch ums Prinzip geht: recht haben um jeden Preis. "Da wird viel Geld vernichtet", findet Köpnick.