Gesehen und aufgeschrieben: Ein 15-Jähriger seziert in einfachen Worten die Medienbranche - und schlägt alle Analysten.
Ganz neu sind die Erkenntnisse des jungen Bankpraktikanten Matthew Robson für Medien-Branchenkenner sicherlich nicht.
Bekanntes Problem - neue Perspektive: Ein Praktikant schreibt auf, was er denkt. (© Foto: AP)
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Doch was der 15-Jährige während seiner Arbeit in der New Yorker Analyseabteilung der Großbank Morgan Stanley aufschrieb, sorgte bei seinen Chefs für Furore. Manchmal kommt es vielleicht auch darauf an, aus einer anderen Perspektive ein Problem zu beleuchten, das scheinbar allen bekannt ist.
So sollte sich Robson Gedanken über die Zukunft der Medienszene machen und in einem Bericht zusammenfassen. Herausgekommen seien "einige der klarsten und aufrüttelndsten Erkenntnisse, die wir je gesehen haben", erklärte der Leiter des europäischen Medienanalystenteams bei der US-Bank, Edward Hill-Wood, der britischen Wirtschaftszeitung Financial Times.
Zu viel der Mühe
Robsons Schlussfolgerung: Print-Medien sind ebenso auf dem absteigenden Ast wie Radio und Fernsehen. Er kenne niemanden aus seinem Freundeskreis, der noch regelmäßig Zeitung lese, brachte der Londoner Schüler zu Protokoll. Es mache einfach zu viel Mühe, die Seiten durchzuackern.
Stattdessen lese man allenfalls Zusammenfassungen in den Online-Ausgaben der Zeitungen. Beim Fernsehen sieht der Nachwuchsanalyst ebenso schwarz. Ohnehin würden Teenager genervt auf die "witzlose" Werbung reagieren - auch im Online-Bereich. Sie würden sich deshalb beispielsweise gezielt reklamefreie Internet-Musikanbieter suchen.
Überraschend auch das harsche Urteil Robsons über den Mikro-Blog- und Textnachrichten-Dienst "Twitter". Dieser werde von seinen Alterskameraden nicht genutzt. Die Handy-Gebühren seien zu teuer. Das Taschengeld würde stattdessen lieber für Kinobesuche, Pop-Konzerte und Spielkonsolen ausgegeben.
Wie es bei Morgan Stanley heißt, ist die Analyse des Praktikanten ein durchschlagender Erfolg. Täglich kommen Telefonanrufe und E-Mails herein. Es sind Banker, Investoren, aber auch Konzernchefs von Medienunternehmen. Alle würden sich für den Bericht Robsons interessieren. Die Resonanz sei fünf- bis sechsmal so hoch gewesen wie ansonsten bei Analysen üblich, heißt es bei Morgan Stanley.
Vielleicht hat der Autor auch deshalb einen solch großen Erfolg, weil er in seinem Report auf komplizierte Statistiken ebenso verzichtet hat wie auf Fachchinesisch. Ohnehin gibt es zunehmende Kritik an Analysen, die von hochbezahlten Wirtschaftsexperten in den Banken ausgearbeitet werden, aber häufig inhaltlich wenig wesentlich Neues zu bieten haben.
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(SZ vom 14.07.2009/hgn)
Konsequenz der Loveparade-Katastrophe
als ich noch 15 war, habe auch ich selten Zeitung gelesen.
Allerdings hätte ich daraus niemals einen Trend abgeleitet...
Wer verteilt hier eigentlich grosszügig Minuspunkte an diejenigen, die mit einiger Berechtigung die Fachkompetenz dieses Praktikanten und die Robustheit seiner "Analyse" bezweifeln? Liebe Leute, es ging mir keineswegs darum, den Berufsstand der Profis in diesem Feld aufgrund ihrer Methodologie als über alle Zweifel erhaben darzustellen. Selbstverständlich kann man auch irren, wenn man sich wissenschaftlich anerkannter quantitativer Methoden bedient, und ganz besonders, wenn man nur eine bereits gefasste Meinung durch geschickte Modell- und Datenauswahl bestätigen möchte, wie elliot27 ganz richtig anführt. Aber jetzt so zu tun, als bräuchte man sich überhaupt nicht mehr um Empirie scheren und könnte dieselbe Arbeit auch von minderjährigen Amateuren erledigen lassen, kann wohl kaum ein Verbesserungsvorschlag sein. Das wäre nur eine weitere Abkehr von jedem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und Objektivität.
Nichts neues im Staate Dänemark, Paper down, Digital up, Twitter sucks.
Dieser Quatsch klingt für mich ganz verdächtig nach der "neuen Authentizität", die wir schon seit längerem in der Werbung bewundern dürfen: Wenn uns z.B. die Oma von nebenan mit KarstadtQuelle Versicherungen in die Nachrichten schickt oder Autokonzerne ihre Werbespots von eigenen Mitarbeitern spielen lassen.
Genauso schaut's hier aus: Wir nehmen uns einen 15-jährigen Praktikanten mit seinem naiven und zugleich wahnsinnig unverstellten Blick auf "die Medienbranche", lassen ihn ein paar banale Erkenntnisse formulieren - und erzeugen so einen ziemlich fetten Buzz....
Na ja, scheint zumindest funktioniert zu haben.
Grundsätzlich haben Sie natürlich Recht, dass die Aussagen in diesem Artikel alleine noch nichts bedeuten, schon gar nicht einen Hinweis auf seriöse Empirie.
Da ich aber zufällig seit 20 Jahren in diesem Bereich arbeite und entsprechende Studien selbst durchführe, kann ich Ihnen versichern, dass der 15jährige durchaus repräsentativ für seine Altersgruppe (bzw. bis mind. 29) ist, und dass Vertreter der Medien- und Werbebranche sowie allgemein des Marketings angeblich "jugendaffiner" Produkte sich gerne schwer in die Tasche lügen, wenn es um "junge Zielgruppen" geht.
Außerdem ist meine Erfahrung mit den Analysen gewisser Beratern ebenfalls fast durchgehend negativ, was die empirische und analytische Qualität ihrer Arbeiten angeht - man hat öfters den Eindruck, als spräche dort jemand, der seine eigene Wirklichkeitskonstruktion für real und allgemeingültig hält...
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