Morgan Stanley Ansichten eines Praktikanten

Gesehen und aufgeschrieben: Ein 15-Jähriger seziert in einfachen Worten die Medienbranche - und schlägt alle Analysten.

Von Andreas Oldag

Ganz neu sind die Erkenntnisse des jungen Bankpraktikanten Matthew Robson für Medien-Branchenkenner sicherlich nicht.

Doch was der 15-Jährige während seiner Arbeit in der New Yorker Analyseabteilung der Großbank Morgan Stanley aufschrieb, sorgte bei seinen Chefs für Furore. Manchmal kommt es vielleicht auch darauf an, aus einer anderen Perspektive ein Problem zu beleuchten, das scheinbar allen bekannt ist.

So sollte sich Robson Gedanken über die Zukunft der Medienszene machen und in einem Bericht zusammenfassen. Herausgekommen seien "einige der klarsten und aufrüttelndsten Erkenntnisse, die wir je gesehen haben", erklärte der Leiter des europäischen Medienanalystenteams bei der US-Bank, Edward Hill-Wood, der britischen Wirtschaftszeitung Financial Times.

Zu viel der Mühe

Robsons Schlussfolgerung: Print-Medien sind ebenso auf dem absteigenden Ast wie Radio und Fernsehen. Er kenne niemanden aus seinem Freundeskreis, der noch regelmäßig Zeitung lese, brachte der Londoner Schüler zu Protokoll. Es mache einfach zu viel Mühe, die Seiten durchzuackern.

Stattdessen lese man allenfalls Zusammenfassungen in den Online-Ausgaben der Zeitungen. Beim Fernsehen sieht der Nachwuchsanalyst ebenso schwarz. Ohnehin würden Teenager genervt auf die "witzlose" Werbung reagieren - auch im Online-Bereich. Sie würden sich deshalb beispielsweise gezielt reklamefreie Internet-Musikanbieter suchen.

Überraschend auch das harsche Urteil Robsons über den Mikro-Blog- und Textnachrichten-Dienst "Twitter". Dieser werde von seinen Alterskameraden nicht genutzt. Die Handy-Gebühren seien zu teuer. Das Taschengeld würde stattdessen lieber für Kinobesuche, Pop-Konzerte und Spielkonsolen ausgegeben.

Wie es bei Morgan Stanley heißt, ist die Analyse des Praktikanten ein durchschlagender Erfolg. Täglich kommen Telefonanrufe und E-Mails herein. Es sind Banker, Investoren, aber auch Konzernchefs von Medienunternehmen. Alle würden sich für den Bericht Robsons interessieren. Die Resonanz sei fünf- bis sechsmal so hoch gewesen wie ansonsten bei Analysen üblich, heißt es bei Morgan Stanley.

Vielleicht hat der Autor auch deshalb einen solch großen Erfolg, weil er in seinem Report auf komplizierte Statistiken ebenso verzichtet hat wie auf Fachchinesisch. Ohnehin gibt es zunehmende Kritik an Analysen, die von hochbezahlten Wirtschaftsexperten in den Banken ausgearbeitet werden, aber häufig inhaltlich wenig wesentlich Neues zu bieten haben.