Moderne Bausünden Vom König lernen

Bürgermeister und Manager versagen als Bauherren zusehends. Die Entgleisungen, die sich in zeitgenössicher Architektur ereignen, fallen mittlerweile immer fataler aus.

Von Gerhard Matzig

Wie im Straßenverkehr, so ereignen sich auch auf den Baustellen der Architektur täglich Unfälle. Dabei geht es nur selten um Tote und Verletzte.

Aber dafür sind die ästhetischen Schäden, die in unseren Wohnungen und Büros oder auf den Straßen und Plätzen angerichtet werden, massenwirksam. Architektur, die "öffentlichste aller Künste" (Woods) geht, wie Adolf Loos sagte, alle an: "Man kommt ihr nicht aus." Ein Buch kann man weglegen, einen Film muss man sich nicht anschauen.

Aber von Häusern und Städten ist man auf Dauer umgeben. In unserem urbanen Millennium, in dem sich die Verstädterung zum unumkehrbaren Prozess verdichtet hat, wird es in absehbarer Zeit keinen Menschen geben, der nicht der Architektur ausgeliefert wäre. Auf dem Terrain der Baukultur werden unsere räumlichen Lebensgrundlagen verhandelt.

Wobei die Bedingungen, unter denen Architektur als sichtbarster Teil der Baukultur entsteht (oder als ihr Gegenteil: als hässliche, dysfunktionale Zumutung), vor allem von zwei Akteuren zu definieren sind - von Architekten und Bauherren. Es ist die Qualität ihres Dialogs, die über die Qualität unserer Räume entscheidet. Idealerweise befinden sich Bauherr und Architekt im Gleichgewicht. Zuletzt war allerdings viel mehr Negatives über die eine Seite zu erfahren als über die andere.

Die Krise der Architekten ist offenkundig. Man weiß, dass diese Berufsgruppe in Deutschland im Allgemeinen schlecht bezahlt wird und - unter Akademikern - überproportional von Arbeitslosigkeit bedroht ist. Es gibt ein regelrechtes Architektensterben. Die Gründe dafür sind vielfältig. Bisweilen liegen sie auch auf Seiten der Architekten selbst, die sich nicht so recht entscheiden können, ob sie sich als kreative Baukünstler oder als technisch und ökonomisch versierte, dienstleistende Baumanager positionieren sollen.

Immer fatalere Unfälle

In Wahrheit müssen sie, wie seit Vitruvs Zeiten vor 2000 Jahren, beides sein: Künstler und Ingenieure. Zwischen beiden Bereichen gehen manche Architekten unter. Die Architektenschaft hat, auch infolge der rasant ausschreitenden und immer komplexer werdenden Bautechnologie und des osmotischen Ineinandergreifens von Architektur, Design und Urbanismus, ihr über die Jahrhunderte gewachsenes berufliches Selbstverständnis verloren - und muss sich nun eine neue Identität erst noch schaffen. Aber das ist bekannt.

Weniger prominent ist dagegen die Krise im Reich der Bauherren, wobei die Unfälle, die sich auf dieser Seite der Baukultur-Produktion ereignen, mittlerweile immer fataler ausfallen.

Etwa in Berlin, wo aus dem stilistischen Richtungsstreit um den Umbau der Lindenoper eine Posse geworden ist. Zur Erinnerung: Die Rokoko-Oper befindet sich seit Jahren in baufälligem Zustand. Im Zuge der Sanierung sollten zwei Schwachpunkte der Oper beseitigt werden: die schlechte Akustik und die mangelhaften Sichtverhältnisse. Man schrieb einen Wettbewerb aus und kürte einen Sieger: Klaus Roth. Dessen Entwurf geriet aber zwischen die üblichen Fronten aus Modernisten und Traditionalisten. Das Ergebnis dieser Debatte: Der Wettbewerb wurde für nichtig erklärt.

Architektouren 2008

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