Mikrokredite Arm und abgezockt

Mikrokredite sollen Menschen zu einem besseren Leben verhelfen. Doch die Gier der Banken gefährdet das Modell. Nobelpreisträger Yunus ist empört.

Von Hans von der Hagen

Lange hatte der Ökonom Muhammad Yunus experimentiert, bis er ein Modell gefunden hatte, was taugte: Einen Weg, wie Armen mit Kleinstkrediten ein besseres Leben ermöglicht werden konnte.

Umgesetzt wurde das Mikrofinanzmodell zunächst über die von ihm gegründete Grameen Bank, und zwar so erfolgreich, dass er dafür im Jahr 2006 den Friedensnobelpreis bekam.

Mittlerweile sind in vielen Ländern Mikrokredite zu haben, auch in Deutschland. Sie werden von Banken und Entwicklungshilfe-Organisationen angeboten.

Doch der Erfolg macht dem Modell schwer zu schaffen: Längst verdienen Banken mit Kleinstdarlehen das große Geld. Der Markt hat schon ein Volumen von 60 Milliarden Dollar erreicht.

Doch die privaten Kreditinstitute fördern meist nicht - ihnen geht es um Rendite. Zinssätze von mehr als 100 Prozent seien durchaus üblich, berichtet die New York Times.

Das sorgt für Verbitterung: "Wir haben Mikrokredite geschaffen, um Kredithaie zu bekämpfen. Wir haben sie nicht geschaffen, um neue heranzuzüchten", wetterte dem Blatt zufolge Yunus unlängst auf einem Treffen mit Finanzfachleuten bei den Vereinten Nationen.

Mikrokredite sollten Menschen aus der Armut helfen, nicht aber eine Möglichkeit bieten, aus der Armut Profit zu schlagen.

Angesichts der wachsenden Kritik an dem Mikrokredit-Modell forderte Yunus im März auf einer Konferenz in seiner Heimat Bangladesch, dass die Zinssätze vereinheitlicht werden sollten. "Oft sagten die Leute nur, dass die Zinssätze hoch seien, sie wissen aber nicht, wo die Sätze tatsächlich liegen", schreibt Yunus auf seiner Webseite.

Sorge vor der nächsten Finanzblase

Die Zinsniveau variiert von Land zu Land stark, doch gerade in Staaten mit hoher Nachfrage und vergleichsweise geringem Angebot - etwa in Nigeria und Mexiko - droht Wildwuchs.

In Mexiko müssten um die 70 Prozent Zinsen gezahlt werden, weltweit seien es im Schnitt hingegen um die 37 Prozent, heiß es in der New York Times .

Eifrig wird nun darüber debattiert, ob Mikrokredite tatsächlich zur Armutsbekämpfung taugen. Es zeigt sich, dass das Modell vor allem in Gegenden erfolgreich ist, in denen die Schuldner Möglichkeit hätten, ein kleines Geschäft aufzubauen. Experten schätzen, dass sich dann rund ein Drittel aller Kreditnehmer über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren aus der Armut herausarbeiten könnten.

Wenn allerdings die Besiedlung so dünn sei, dass sich kein funktionierender Markt bilden könne, seien Mikrokredite nicht hilfreich.

Doch nicht allein die Transformation von einem sozialen zu einem renditeorientierten Geschäftsmodell sorgt für Kritik. Längst wittern manche Ökonomen in dem rasant wachsenden Markt auch eine Gefahr für die Bildung von Finanzblasen. In einigen Ländern sei das Angebot an Mikrokrediten derart groß, dass sich Kreditnehmer hoffnungslos überschuldeteten.

Andere Experten zeigen sich zurückhaltender: Dass angesichts des insgesamt noch vergleichsweise geringen Ausleihvolumens eine Mikrokreditblase auf absehbare Zeit einmal das Ausmaß der jüngsten Subprimekrise erreichen könnte, gilt dann doch als unwahrscheinlich.

Voraussetzung sei allerdings, dass auch hier der Bankbranche Grenzen gesetzt würden.