Vor 33 Jahren habe ich meinem Bruder Geld geliehen - 50 Pfenning, um genau zu sein. Ich sah das Geld nie wieder. Warum ich ihm aber die Schuld gerne erlasse und heute lieber auf einen Finanz-Guru setze...
Während des letzten Umzugs fand ich in einer Kiste dieses linierte Vokabelheft. Schon das Äußere aus blassblauer körniger Pappe verriet, dass es dem Büroutensilienmarkt der siebziger Jahren entstammt.
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Darin steht auf einer Seite in wackeliger Handschrift, dass ich meinem drei Jahre jüngeren Bruder Roland damals 50 Pfennig geliehen habe, die er mir spätestens zwei Wochen später zurückzahlen sollte - zu 70 Pfennig.
Dieser glasklare Fall von Wucherzins würde mich beruflich im Nachhinein für die ganz dunklen Ecken des Grauen Kapitalmarkts prädestinieren - vor allem, da mein Bruder damals noch nicht lesen konnte, mithin sein Unterschriftskringel juristisch wertlos war.
Als damals Neunjähriger machte ich so mein erstes großes Geldgeschäft, das allerdings bis heute ausstehend ist, da ich alsbald die Existenz dieses Vertrags vergessen hatte. In dem Alter waren zwei Wochen noch eine Ewigkeit.
In Gelddingen gab es für mich in der Folge noch viele erste Male mit unterschiedlichsten Erfahrungen. Die kindliche Verschlagenheit bei der Zinssetzung wurde peu à peu verdrängt durch eine ausgeprägte Vorsicht - aber immer gepaart mit dem Willen, maximale Rendite zu erzielen. Die Finanzwissenschaft identifiziert hier - hohe Rendite bei wenig Risiko - sofort einen schwer lösbaren Zielkonflikt.
Der Finanz-Guru
Doch auch Unvereinbarkeiten sind vereinbar, wenn man daran denkt, dass einige Frauen tatsächlich einen "verlässlichen Abenteurer" als Mann finden. Ich rede gerne mit Frauen, auch über Geld. So begab es sich Anfang 2005 - Investoren leckten noch die Wunden der Baisse -, dass ich auf einer Fete meines mittlerweile erwachsenen Bruders mit einem Mann sprach, der als unabhängiger Vermögensverwalter arbeitet.
Schnell kamen wir zur Sache und redeten über Geld. Unvermittelt empfahl er eine Aktie, von der ich noch nie etwas gehört hatte, garniert mit guten Argumenten: Häfen werden boomen, die Firma plant eine lukrative Akquisition. Ich tat, wovon jeder Investmentexperte abrät und erwarb Aktien, die ich nicht kannte, zum Stückpreis von 10 Euro.
Danach beherzigte ich aber eine goldene Finanzregel. Ich zügelte meine Gier und stieg bei 32 Euro aus. Gut, das Papier stieg noch auf 100 Euro, aber wer weiß das schon im voraus? Dann traf ich ein Jahr später den guten Tippgeber wieder, er lächelte und fragte neugierig, wie viel Geld ich denn investiert hatte. Ich sagte wahrheitsgemäß: 300 Euro, worauf er sagte: "Jetzt bin ich doch ein wenig enttäuscht."
Neulich telefonierten wir nach längerer Zeit erneut. Er nannte wieder eine Aktie, die keiner kennt. Ich hab sie gekauft, wieder volles Risiko mit überschaubarem Einsatz. Ich kann nicht aus meiner Haut. Wenn er wieder Recht hat, dann bringe ich ihn ganz groß raus als Guru und zehre als Entdecker von seinem Ruhm. Verliere ich, dann ist die Welt wieder in Ordnung, denn ich weiß: So ein Guru-Leben währt nicht ewig.
Richtig reich werde ich wohl nur, wenn ich die alten Schulden von 1975 bei meinem Bruder eintreibe, mit Zins und Zinseszins. Aber dafür mag ich ihn zu sehr.
- Mein erstes Mal Jahrmarkt der Eitelkeit 02.01.2008
(SZ vom 15.01.2008/sho)
Christopher Lee zum 90.