Mehr Geld für Ärzte Diagnose: Realitätsverlust

Die Ärzte erhalten demnächst knapp drei Milliarden Euro mehr Geld, doch das reicht vielen nicht. Das hat auch mit einem falschen Selbstbild zu tun.

Ein Kommentar von Guido Bohsem

Wahrscheinlich würde jede andere Berufsgruppe in Deutschland jubeln. Die Verkäuferin hinter der Ladentheke zum Beispiel oder der Arbeiter am Hochofen. Eine Gehaltssteigerung von zehn Prozent, das wäre für jeden Beschäftigten eine reine Freude. Nicht für die Ärzte.

Die Ärzte bekommen deutlich mehr Geld, doch die Verbitterung bei den Medizinern überwiegt.

(Foto: Foto: dpa)

Aus den ersten Reaktionen einzelner Verbände spricht Enttäuschung. Da ist vom Tropfen auf dem heißen Stein die Rede, davon, dass die niedergelassenen Mediziner und Psychotherapeuten auch weiterhin ausgehungert werden sollen. Es überwiegt Verbitterung, obwohl jeder von ihnen im kommenden Jahr rein rechnerisch 18.000 Euro mehr bekommen wird. Da kann der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Köhler, noch so oft von der größten Honorarsteigerung in der Geschichte der Selbstverwaltung sprechen. Dann können die Kassen den Medizinern noch so oft vorrechnen, dass ihr Honorarplus jeden gesetzlich versicherten Durchschnittsverdiener 50 Euro im Jahr kostet. Es nützt nichts. Die Ärzte fühlen sich unterbezahlt, sehen ihre Arbeit unter Wert verkauft. Es gibt ein Wort für diese Haltung: Es heißt Realitätsverlust.

Gute Ärzte besonders frustriert

Es stimmt ja, die Ärzteschaft wurde in den vergangenen zehn Jahren arg gebeutelt. Viele Mediziner mussten reale Einkommensverluste hinnehmen. Weil die Honorare gedeckelt sind, erhalten sie kein zusätzliches Geld, wenn die Zahl ihrer Patienten über ein bestimmtes Maß hinauswächst. Deshalb werden rund ein Drittel der Kassenversicherten praktisch kostenlos behandelt. Besonders frustriert das die guten Ärzte. Denn sie ziehen viele Patienten an und werden so für ihre hervorragende Leistung bestraft.

Nur, diesen Frust teilen die Mediziner mit dem Rest der Bevölkerung. Viele Beschäftigte mussten in den vergangenen Jahren ebenfalls reale Einbußen bei Lohn und Gehalt hinnehmen. Auch erhalten viele besonders gute Arbeitnehmer das gleiche Geld wie ihr mittelmäßiger oder fauler Kollege.

Dass die Ärzte ihre Situation als besonders schlimm empfinden, hat viel mit ihrem Selbstbild zu tun. Sie verstehen sich als Freiberufler und nicht als Angestellte - und das obwohl ihnen das Kassensystem ein nahezu garantiertes Einkommen sichert und damit ihr unternehmerisches Risiko senkt. Sie verstehen zudem nicht, dass sich ihr enormes gesellschaftliches Ansehen nicht entsprechend auszahlt. Schließlich haben viele von ihnen immer noch die goldenen Jahre vor Augen, in denen ein Medizinstudium die Eintrittskarte zu einem Leben in Wohlstand versprach. Doch diese Zeit ist vorbei. Das Diktat der leeren Sozialkassen hat die Ärzteschaft schon lange fest im Griff und daran wird sich auch nichts ändern. So geht es den Rentnern, so geht es allen.

Die Politik saß mit am Tisch

Dass es ihnen trotzdem gelungen ist, ein Plus von rund 2,7 Milliarden Euro herauszuschlagen, ist vor allem zwei Faktoren geschuldet. Es ging in der Reform nicht nur um eine Gehaltsrunde, sondern auch darum, das System umzustellen. Mediziner in den unterversorgten Gebieten im Osten des Landes sollen deutlich mehr Geld bekommen. Zum einen, weil sie mehr Patienten behandeln als ihre Kollegen im Westen. Zum anderen, um dem dort drohenden Medizinermangel abzuhelfen. Dass das nicht auf Kosten der Ärzte in Bayern oder Baden-Württemberg gehen kann, leuchtet ein.

Gestärkt wurde die Verhandlungsposition der Ärzte durch die Politik. Obwohl sie nicht dabei war, saß sie mit am Verhandlungstisch, als unsichtbarer Dritter sozusagen. Die CSU machte Druck, um die bayerische Ärzteschaft vor den Landtagswahlen zu beruhigen. Die Bundesregierung erhofft sich nach dem üppigen Gehaltssprung eine höhere Akzeptanz der Gesundheitsreform. Das verschlechterte die Verhandlungsposition der Kassen und machte den Abschluss teurer. Es ist zu befürchten, dass dies wieder geschehen wird. Denn die nächste Verhandlungsrunde im Sommer 2009 findet kurz vor der Bundestagswahl statt.