SZ: Was sollte die Politik tun?

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Grabka: Zunächst einmal: Wer ist arm? Vor allem Migranten, Langzeitarbeitslose und Alleinerziehende. Mehr Geld für Bildung und Kinderbetreuung würde kurz- wie langfristig vielen helfen. Stattdessen sinkt der Anteil der Bildungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt.

SZ: Die Staatsausgaben sind schon hoch.

Grabka: Aber sie werden zum Teil falsch verwendet. Die Armutspolitik ist in die Vergangenheit gerichtet. Jedes Jahr fließen über 62 Milliarden Euro aus dem Bundesetat in die Rentenversicherung, mit dem Ergebnis, dass wir faktisch keine Altersarmut haben. Dabei ist Kinderarmut das zentrale Problem.

SZ: Wir brauchen also nicht mehr Umverteilung?

Grabka: Nein. Umverteilung kuriert vor allem die Symptome, aber nicht die Ursachen. In Deutschland haben wir vor allem ein Problem der Chancengleichheit. So hängt zum Beispiel die Karriere maßgeblich von der sozialen Herkunft ab. Und ohne Bildung verfestigt sich die Armut über mehrere Generationen.

SZ: Geben denn andere Länder ihre Staatsausgaben effizienter aus?

Grabka: Die OECD sagt, Großbritannien zum Beispiel.

SZ: Kriegen Sie hier im linken Berlin nicht Ärger, wenn Sie ständig diese neoliberalen Briten loben?

Grabka: Frankreich verteilt die Transfers auch effizienter.

SZ: Na, das ist politisch korrekter. Manipulieren bestimmte Parteien mehr mit ihren Daten als andere? Die SPD mehr als die CDU, oder umgekehrt?

Grabka: Also manipulieren möchte ich nicht sagen. Aber Studien, die kein politisch genehmes Ergebnis zeigen, verschwinden öfter in der Schublade.

SZ: Zum Beispiel?

Grabka: (lacht) Keine Details! Es passiert mir öfter. Die Parteien unterscheiden sich da nicht.

SZ: Spenden Sie einen Teil Ihres Einkommens an arme Menschen?

Grabka: Ehrlich gesagt nein. Ich spende lieber an Tierschützer. Tiere tun mir leid, die können sich nicht wehren.

SZ: Warum nicht an arme Menschen?

Grabka: Es ist das Suppenküchen-Phänomen. Es stellt sich die Frage, ob sich arme Menschen durch das Angebot von Suppenküchen verstärkt in diesem Zustand einrichten und so weniger versuchen, aus eigener Kraft etwas zu ändern. Ob also nur an Symptomen kuriert wird und nicht an den Ursachen.

SZ: Wie das Einkommen ist auch das Vermögen in Deutschland inzwischen ungleicher verteilt. Was überrascht Sie an den Daten?

Grabka: Die Ungleichheit überrascht mich immer aufs Neue. 2007 hatten die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung, also Leute, die mindestens 220.000 Euro haben, einen Anteil am gesamten Vermögen von mehr als 60 Prozent. Die reichsten ein Prozent, die mindestens 800.000 Euro haben, besaßen sogar fast ein Viertel des ganzen Vermögens in Deutschland! Am anderen Ende hat mehr als die Hälfte der Bevölkerung kaum etwas oder ist sogar verschuldet.

SZ: Gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Grabka: Männer haben ein größeres Vermögen. Überraschend ist, dass vor allem verheiratete Männer deutlich mehr Vermögen haben als verheiratete Frauen.

SZ: Man denkt, die legen ihr Geld zusammen, wenn sie heiraten.

Grabka: Ist aber nicht so. Zwar sagen vier von fünf Paaren, dass sie ihr Einkommen gemeinsam verwalten. Beim Vermögen machen sie aber Unterschiede. So kommen Männer im Schnitt auf 110.000 Euro, Frauen nur auf knapp 70.000.

SZ: Macht Geld glücklich?

Grabka: Tendenziell sind Wohlhabende etwas zufriedener. Ihr Geld gibt ihnen mehr Autonomie, über ihr Leben zu entscheiden. Aber das wird dadurch konterkariert, dass sie eine wesentlich stärkere berufliche Belastung haben. Aus unseren Daten geht nicht eindeutig hervor, ob diese Menschen wirklich glücklicher sind. Was man weiß: Es gibt zwei zentrale Lebensereignisse, die sich sehr nachteilig auf das Glück auswirken: Arbeitslosigkeit und Scheidung beziehungsweise der Tod eines Ehepartners.

SZ: Sicher weiß man also nur, was unglücklich macht?

Grabka: Ja. Man erkennt klar, dass die Lebenszufriedenheit in beiden Fällen massiv abnimmt. Das Interessante ist, dass die Betroffenen selbst nach Jahren, wenn sie einen neuen Job oder Partner finden, nicht mehr unbedingt genauso zufrieden werden wie vorher. Das ist ein wirklich lang anhaltender Effekt.

SZ: Gibt es keine Dinge, die einen sicher glücklich machen? Kinder etwa?

Grabka: Kinder eher nicht. Der positive Effekt ist sehr kurzfristig, weil schlicht und einfach die Belastung so groß ist, die mit einem Neugeborenen verbunden ist. Das ist ein anderes Leben, aber es macht die Menschen nicht messbar zufriedener.

SZ: Na, dann wundern wir uns nicht, wenn die Deutschen Singles bleiben.

Grabka: Ich wundere mich auch nicht.

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(SZ vom 26.06.2009/kaf/mel)