Die Bundesbürger sind mit Lehman-Zertifikaten weit stärker auf die Nase gefallen als Anleger im Ausland. Das hat seine Gründe.
Es steht im Kleingedruckten, irgendwo ganz unten auf dem Prospekt: "Das Zertifikat darf nicht in den U.S.A. oder an eine U.S.-Person im Sinne der Regulation S des U.S. Securities Act 1933 verkauft werden."
Der Markt umfasst in Deutschland aktuell knapp 400.000 Produkte, monatlich kommen teilweise bis zu 40.000 neue auf den Markt (© Foto: dpa)
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Nein, das Papier ist vor allem für deutsche Anleger gedacht, so wie viele andere Zertifikate auch. Kein Wunder, dass auch von der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers besonders viele Deutsche betroffen sind - hierzulande wurden besonders viele Papiere der Bank verkauft.
Wer ein Zertifkat kauft, erwirbt damit keinesfalls einen Anteil an einem Wert, also an einer Aktie oder einem Fonds. Stattdessen ist solch ein Papier wie eine Wette. Gewettet wird auf die Entwicklung von Aktien, Rohstoffen, Indizes oder Wechselkursen. Deutschland war in den letzten Jahren das Land der Zertifikate. "Der Markt umfasst hier aktuell knapp 400.000 Produkte, monatlich kommen teilweise bis zu 40.000 neue auf den Markt", sagt Harald Rotter von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Im Dezember 2004 hatten die Deutschen 47,5 Milliarden Euro in die Papiere investiert, auf dem Höhepunkt im September 2007 waren es fast 140 Milliarden Euro. Ein rasantes Wachstum.
Die Branche brüstete sich, das Produkt sei eine Anlageklasse "Made in Germany" und besonders auf den deutschen Markt zugeschnitten. Doch die Lehman-Pleite offenbart die Schattenseiten dieser Zuneigung: Die Deutschen haben ihre Lieblingsanlage verloren und damit viel Geld. Jetzt fühlen sie sich schlecht beraten, demonstrieren vor ihren Banken. In andere Ländern hat es wesentlich weniger Anleger erwischt. Warum sind ausgerechnet die Deutschen betroffen?
Die rechtliche Situation
Anlegerschützer Rotter sagt: "Die Papiere sind hier erlaubt, und der Markt ist wenig reguliert. Das ist sicher mit ein Grund dafür, dass sich Lehman auf das Geschäft mit deutschen Kunden konzentriert hat." In anderen Ländern hätten sich die Banken nicht so leicht getan, bestätigt auch Anwalt Martin Sach von der Kanzlei Winheller Rechtsanwälte in Frankfurt: "Zertifikate dürfen in den meisten europäischen Ländern nur an institutionelle Anleger verkauft werden, ein Verkauf an Privatpersonen ist dagegen weithin verboten."
In vielen anderen Ländern wurden die Papiere ganz anders eingestuft, nämlich wegen ihrer komplexen Struktur und ihres hohen Risikos nicht für Kleinanleger geeignet. "Bei uns gelten sie als Kapitalanlage", sagt Anwalt Peter Mattil. Das sei eine Täuschung, denn das Geld sei nicht angelegt. Es handle sich vielmehr um eine Wette, "und dementsprechend gelten sie in anderen Ländern als Spekulationsobjekte".
Und so sind die Papiere in Deutschland auch nur wenig reguliert. Es gelten die allgemeinen Bestimmungen des Wertpapierhandels, der Prospekt- und der allgemeinen Beratungspflicht. Sonderregeln, die es etwa für Fonds gibt, gelten nicht. Ganz anders in den USA: "Dort sind das Termingeschäfte, deshalb sind die Anforderungen an die Risikoaufklärung immens hoch", erklärt Anwalt Mattil. Das Ergebnis sei, so der Göttinger Rechtsanwalt Klaus Bröker: "Zertifikate, wie wir sie kennen, gibt es dort nicht." Ähnliches gilt in Frankreich, wo die rechtlichen Hürden für einen Verkauf an Anleger hoch sind.
Auch die Aufsicht ist in Deutschland kaum vorhanden: "Die Bankenaufsicht Bafin prüft die Prospekte nur nach formalen Kriterien, nicht auf Qualität der Produkte oder Bonität der Emittenten", sagt SdK-Mann Rotter, "das ist für die Anbieter eine schöne Branche, wo sie sich austoben können. Da werden Produktkomponenten und derivative Elemente einfach wild zusammengemischt."
Hinzu kam: Viele der Lehman-Produkte wurden im europäischen Ausland aufgelegt, in den Niederlanden oder Luxemburg. "Die Prospekte werden dann bei der zuständigen Aufsicht des Heimatstaates geprüft. Im Anschluss übermittelt uns die ausländische Behörde die Prospekte nur noch zur Information", erklärt eine Bafin-Sprecherin. Und so vermutet Rechtsanwalt Bröker: "Lehman hat das Produkt vor diesen rechtlichen Hintergründen ganz gezielt auf den deutschen Markt ausgerichtet."
Die fehlende Investmentkultur
In Amerika ist es üblich, mit Aktien fürs Alter vorzusorgen. Die Deutschen dagegen konnten sich bis vor kurzem noch auf die gesetzliche Rente verlassen. Sie halten von Aktien nur wenig, haben Angst davor, ihr Geld zu verlieren. Wer Aktien kauft, weiß, dass er damit ein Risiko eingeht. Die hochkomplexen Zertifikate kann der Anbieter jedoch so gestalten, dass das Risiko irgendwo versteckt ist. Dann noch ein Stempel drauf mit dem Schriftzug "Kapitalgarantie", und viele Deutsche waren überzeugt. Sie lieben Sicherheit. "Viele haben die Produkte nicht verstanden, aber auch nicht nachgefragt, als sie ihnen verkauft wurden", sagt Rotter. So war Deutschland für die Banker ein lohnender Markt. Schon vor Jahren sprach man bei den geschlossenen Filmfonds in Amerika vom "stupid german money", vom dummen deutschen Geld. Denn die Deutschen investierten, ohne viele Fragen zu stellen.
Der aktive Vertrieb
Lehman hatte in Deutschland anscheinend einen besonders gut funktionierenden Vertrieb. Und: Gekauft wird sehr oft das, was angeboten wird. "Das Produkt wurde hierzulande aktiv verkauft als sichere Anlage mit hoher Verzinsung", sagt Rotter. Auffällig sei, dass viele Rentner betroffen sind. "Ich sehe das als System."
Bei den Lehman-Zertifikaten wussten die Banker oft wohl selbst nicht genau, was sie da verkaufen. "Die bekamen Druck von oben. Es gab ein Kontingent Lehman-Papiere, die die Banker vor Ort an den Mann bringen mussten", sagt Anwalt Mattil. Auffällig ist tatsächlich, dass an bestimmten Terminen deutschlandweit besonders viele Lehman-Zertifikate verkauft wurden. So zum Beispiel am 10. Februar 2007.
Das blinde Vertrauen
Das nächste Problem: Die Deutschen vertrauen ihren Bankern wie wohl kaum ein anderes Volk. Das bezeichnende Wort "Bankbeamter" kommt nicht von ungefähr. "Wenn der Banker sagt, ein Produkt ist toll, dann kauft der Deutsche das auch", sagt Anwalt Mattil. Viele blenden aus, dass der Banker ein eigenes Interesse hat: Er will Geld verdienen, und das geht mit Zertifikaten sehr gut. Branchenkenner sprechen von Provisionen von bis zu acht Prozent.
Das große Vermögen
Die Bundesbürger haben viel Geld zum Anlegen übrig, gerade die anvisierten Rentner. Die Deutschen sind reicher als andere Nationen; und sie legen ihr Geld gerne zurück. "Jeder hat ein Sparbuch oder Festgeld", sagt Mattil, "also hat man diese Menschen angerufen und ihnen etwas Tolles, Sicheres versprochen." So dürfte ein Teil dieses großen Sparvermögens vernichtet worden sein.
(SZ vom 08.04.2009/hgn)
Christopher Lee zum 90.
Ist's nicht sehr durchsichtig, was da ablaufen konnte ?
Mit vorsätzlich- hinterlistigen Methoden haben amerikanische Banker viele Nichtamerikaner abgezockt.
Eine Art von Wirtschaftskollonialismus, wie er nicht zum ersten Male aus der neuen Welt herüberschwappt.
Seltsam, dass gleich nach dem Fall der berliner Mauer, als die Monopolstellung des Alliirten USA dahin war, die PAN AM sofort pleite ging !
Der letzte von Wall Street ausgegangene internationale Bankencrash hat uns vor achtzig Jahren den Faschismus beschert.
Diesmal wird es zwar nicht so weit kommen, dennoch sind tausende Rentner, Sparer und Anleger um ihr, oft jahrzehntelang hart erarbeitetes, Hab und Gut geprellt worden.
Gangster,Gauner und Beutelschneider allenthalben,
und keine der zahlreichen deutschen oder europäischen Finanzaufsichtsbehörden haben da eingegriffen !
Die internationale Finanzgeschichte der letzten drei Jahrzehnte zeigt deutlich, dass die Systhemkriesen in imer kürzeren Abstanden aufeinander folgen.
Da wird wohl selbst das vertrauensseelige, dumme deutsche Geld langsam misstrauisch werden.
Mich hat es ja nicht getroffen, da ich als Hessenangestellter ohnehin nur von der Hand in den Mund lebe..
Aber, die Lehmannpapiere wurden schon auf geschickte Weise verhöckert und sie bekammen dazu noch das A-Rating. Wer also nicht hauptberuflich in der Finanzsache steckt, musste ja zwangsläufig an die Seriosität glauben. Es waren auch nicht dubiose Strukturvertriebe sondern, an meinem Wohnort Frankfurt, die Hausbank vor Ort, die dies verkaufte.
Ich finde der Normalverbraucher konnte es einfach nicht erkennen.
Fakt ist die schlechte Bankberatung, dazu die fehlende Aufsicht von Regierungsbehörden sowie die Untätigkeit der Regierung angesichts unüberschaubarer Finanzprodukte (die Forderung der Linken "schliesst das Spielcasino" ist ja nicht so unberechtigt, wer spielen will kann ja zum Roulette gehen, das Finanzsystem ist zu wichtig um es den Spielern so in dieser Weise zu überlassen, zumal ja die Verluste in erheblichem Ausmass sozialisiert werden, was der übliche Casinospieler keineswegs tun konnte).
Vor allem sollte aber der gesunde Menschenverstand gelten. Wer natürlich blind dem Bankbeamten vertraut anstatt den Prospekt zu lesen (und erst zu kaufen wenn er ihn verstanden hat), dem ist leider nicht zu helfen. Die Lehmann-Geschädigten wären wahrscheinlich auch für Schrottimmobilien empfänglich gewesen.
Ja, so isser, der deutsche Michel! Im Mediamarkt wegen 10 Euro stundenlang mit dem Verkäufer diskutieren, aber wenn er mal 10 000 Euro zum "Bankbeamten" trägt, wird nicht mal das Kleingedruckte gelesen...
Füchsisch diese Lehmann Brüder, wie sie sich das zu Nutze gemacht haben!
Gruß Balldieb
"Ich glaube nichtmal, daß es der Geiz ist, der die Leute davon abhält, sondern wieder das mangelnde Wissen - das Bild der "kostenlosen" Beratung durch die Hausbank ist einfach zu selbstverständlich. "
Ich vermute, das kommt daher, der jeder normale Verkäufer und Berater in Kommunikation besser geschult ist als der Durchschnittsbürger. D.h., der Berater kennt sein Ziel (seine Provision oder Vorgabe vom Unternehmen), ist in der Lage, die Erreichung dieses Ziels auf Etappen herabzubrechen (Verkauf von Produkt X an den Kunden) genauso wie beim Kunden im Gespräch die Augen zu öffnen, dass er ein bestimmtes Problem hat und dieses genau durch Produkt X lösen kann.
Für den Kunden sieht das schlüssig aus. Denn schließlich erkennt ER im Gespräch, dass er etwas braucht, was er nicht hat. Und der Berater kann ihm auch darlegen, dass das Produkt X eben genau diese Anforderungen erfüllt.
Und dann gibt es noch Mittel wie künstlichen Zeitdruck (Sie können sich gerne bei der Konkurrenz informieren. Die Konditionen können sich aber immer ändern und besser werden sie bei der momentanen Lage sicher nicht.) usw.
Nun gibt es Menschen, die sind kritisch und/oder kennen sich auf dem Gebiet etwas aus und haben ein klares Ziel, so dass nicht der Berater das Gespräch führt, sondern der Kunde. Und es gibt dann die anderen, die sich treiben lassen und die auch in der Mehrzahl sind.
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