Mit Lehman-Papieren hat Rentnerin Sporberg viel Geld verloren. Jetzt soll der Bund ihr den Schaden ersetzen - dafür klagt sie in Karlsruhe.
Hannelore Sporberg ist sauer. Auf ihre Bank vor allem. Seit über 40 Jahren ist sie nun Kundin; wie schon ihre Schwiegereltern und ihr verstorbener Mann. Sporbergs blaue Augen blitzen zornig hinter der Goldrand-Brille. Ihr halbes Vermögen ist weg, verloren durch Papiere, die sie nicht verstanden hat. Ihr geht es wie 40.000 anderen Deutschen, die ihr Geld mit Zertifikaten der Pleite-Bank Lehman verloren haben. So viele enttäuschte Seelen. Sie klagen. Gegen ihre Bank, gegen ihren Berater.
Hannelore Sporberg ist sauer: Durch Zertifikate von Lehman Brothers hat die Rentnerin viel Geld verloren. (© Foto: Robert Haas)
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Aber Hannelore Sporberg ist anders. Die 68-Jährige verklagt nicht die Bank, von der sie so enttäuscht ist. Nein, sie klagt gegen die Bundesrepublik Deutschland. "Ich klage gegen den Staat, weil ich in den noch Vertrauen habe. Von ihm erhoffe ich mir Gerechtigkeit", sagt die Rentnerin und schüttelt den Kopf, die blonden kurzen Haare wippen.
Verfassungsbeschwerde eingereicht
Sporberg hat Verfassungsbeschwerde eingereicht. Sie klagt gegen das Finanzmarktstabilisierungsgesetz, eilig verabschiedet im Oktober 2008, einen Monat nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, als sich die Welt unter diesem Schock wand und das Vertrauen in das Finanzsystem bedrohlich wackelte. Die Bundesrepublik musste handeln, also schaffte sie einen Fonds, der die Zahlungsfähigkeit von Banken sicherstellen sollte. Unter anderem haben die Institute die Möglichkeit, ihre faulen Papiere an diesen Fonds loszuwerden. Aber das dürfen eben nur Banken, denn sie sind systemrelevant. Mit anderen Worten: Wenn eine pleitegeht, kann das viele andere mit in den Abgrund reißen.
Hannelore Sporberg ist nicht systemrelevant, deshalb bekommt sie kein Geld von dem Fonds. "Es kann doch nicht sein, dass den Tätern, also den Banken, die uns schlecht beraten haben, geholfen wird und uns nicht." Deshalb klagt sie gegen das Gesetz und gegen den Staat, auf den sie eigentlich nicht wütend ist. Dabei hilft ihr Peter Mattil, Rechtsanwalt, oder vielmehr hilft eigentlich sie ihm. Denn er ist die treibende Kraft hinter der Beschwerde. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich mal in so ein große Sache reingerate", sagt Sporberg und lacht.
Mattil hat sie ausgesucht, erklärt er, weil sie so eine typische Lehman-Anlegerin sei. "Alt und dumm eben", sagt Sporberg und lacht wieder. "Alt und dumm", so nannten Banker die Zielgruppe, denen sie so leicht Zertifikate andrehen konnten. Diese hochkomplexen Wetten, die ein paar Prozentpunkte mehr Rendite versprachen und dafür auch jede Menge mehr Risiken bargen. Das mit den Risiken sagten die Banker nicht so gerne, wenn sie Rentner anriefen, um ihr Festgeld in ein Zertifikate umzuschichten.
Verhängnisvoller Anruf
Mit einem Telefonanruf hat es vor einigen Jahren auch bei Sporberg begonnen. Da ist sie Mitte 60. Sie hat keine Chance, das verlorene Geld noch mal zu verdienen. Ihr Arbeitsleben ist vorbei und ihr Mann tot. Sein Leben lang ist er gereist, als Fernmeldetechniker für Siemens, durch Afrika, den Nahen Osten. Als er 2001 endlich zu Hause und in Rente ist, stirbt er an Krebs. Die Asbestfasern der sechziger Jahre sind schuld. Also ist Hannelore Sporberg plötzlich alleine - auch mit den Geldgeschäften.
Dumm ist sie nicht, aber sie ist das, was Banker als dumm bezeichneten: "Vertrauensselig, leichtsinnig, das war ich wohl", sagt sie. Der Banker, der bei ihr anruft ist "freundlich, so ein Sonnyboy, jung, vielleicht Mitte 30". Wie so viele Rentner glaubt sie, er wolle das Beste für sie. Also kauft sie. Sie bekommt nichts Schriftliches, keine Produktbeschreibung, keinen Prospekt. "Ich hätte hellhörig werden müssen", sagt sie heute. "Jetzt weiß ich, dass mehr Rendite auch mehr Risiko bedeutet." Das Wissen hat sie sich erarbeitet in den vergangenen Monaten. Sie liest Magazine, Zeitungen, alles, was sie bekommen kann. Sie will verstehen, was da passiert ist.
Sporberg ist nicht arm. "Alt, dumm, vermögend" war die Lieblingsklientel der Bankberater. Denn investieren kann nur, wer Geld hat. So wie Sporberg, so wie so viele in ihrer Generation. Sporberg bekommt ihre Rente und einen Teil der Rente ihres Mannes. Das reicht gut zum Leben. Vor 20 Jahren haben sie eine Wohnung in München gekauft, hier lebt sie bis heute, zwischen den ganzen afrikanischen Masken und Statuen, die ihr Mann von seinen Reisen mitgebracht hat. Sporberg ist schlank, sorgfältig geschminkt, trägt dezenten Goldschmuck. Heute reist sie durch die Welt, alleine oder mit einer Freundin, zuletzt durch Mexiko, den Oman, Kambodscha.
"Alt, dumm vermögend"
Es war immer genug Geld da um etwas zurückzulegen. Doch nun ist die Hälfte des Ersparten verloren. 40.000 Euro weg, einfach so. "Ich weiß, dass ich gut dran bin", sagt die 68-Jährige, "aber das heißt doch nicht, dass ich nicht um mein Geld kämpfen darf." Außerdem ist das Gefühl der Sicherheit weg. So viele Nächte hat sie nicht geschlafen, ist aufgestanden, zu ihrem roten Ordner mit den Unterlagen gelaufen, um etwas nachgucken, das sie immer noch nicht versteht.
"Alt, dumm, vermögend" - das sind nicht unbedingt die Bankkunden, die sich nun wehren. "Am Anfang habe ich mit niemandem gesprochen. Es war mir peinlich", sagt Sporberg. Aber jetzt redet sie, auch in der Öffentlichkeit. "Wer A sagt, muss auch B sagen und diesen ganzen Trubel mitmachen", findet sie. Sie hat eine Anzeige in der Zeitung geschaltet, um Menschen zu finden, die mit ihr zusammen demonstrieren. Aber es haben sich nur acht gemeldet, von denen sechs sagten, das bringe doch eh nichts. Also klagt Sporberg nun alleine.
Aber erst mal wartet sie auf die Entscheidung aus Karlsruhe, ob sich das Verfassungsgericht der Beschwerden überhaupt annimmt. Ob sie überhaupt vor Gericht gegen den Staat ziehen darf, auf den sie eigentlich so gar nicht sauer ist. Die Wahrscheinlichkeit ist verschwindend gering. Nur zwei Prozent der Verfassungsbeschwerden haben Erfolg.
- Nach der Pleite von Lehman Brothers Geschäftsmodell Insolvenz 16.04.2009
- Lehman-Pleite Dummes deutsches Geld 08.04.2009
- Nach der Lehman-Pleite Ein paar Euro fürs Papier 05.04.2009
- Wertlose Zertifikate Banken zahlen an Lehman-Opfer 17.03.2009
- Lehman-Pleite Verschaukelt und verkauft 10.03.2009
(SZ vom 18.04.2009/tob)
Moderne Verwaltung
Lt. unserem Nachbarn, dessen Schwiegersohn früher bei der Hypo einer der Oberzocker war - er bediente nur Kunden ab 1 Mio Euro Anlage - waren diese Anlagen angeblich sicher!
Jetzt hat die Bundesregierung diese Hypo unter den Rettungsschirm genommen: Mit der Begründung: Sonst wären alle Pensionsfonds und Renten den Bach runter.....!!!!
Aber Hallo!
Die Anleger wurden betrogen und abgezockt nach Strich und Faden - und das mit dem Argument: Eure Rente ist nicht sicher! Und viele junge Leute wurden aufgrund der Privatisierung der Altersvorsorge in diese Anlagen getrieben!
Sicher ist nur eins: Diese Banker wollen unser "Bestes" - unser Geld!
Traut ihnen und den Politikern nicht!
Es ist ein abgekartetes Spiel! Ich hoffe, das Bundesverfassungsgericht erkennt, dass sich die Politiker ihre verzockten Anlagen durch den Steuerzahler ersetzen lassen und die Lehman-Anleger leer ausgehen sollen! Wie im Artikel unten im Link von heise.de offengelegt!
Zweierlei Maß!
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30162/1.html
Schade eigentlich, ich hatte einen interesannten Artikel erwartet in dem der Hintergrund der Klage und ihre Erfolgschancen beleuchtet werden und nicht nur ein etwas zu überzeichneten Artikel der die bösen bösen Banker mal wieder an den Pranger gestellt werden...
Wenn die Sache wirklich so gelaufen ist wie im Artikel beschrieben kann die Dame ansich die Bank mit sehr großer Erfolgswahrscheinlichkeit auf eine Rückabwicklung des Geschäftes verklagen. Gemäß WPHG (Wertpapaierhandelsgesetz) muss eine Kauforder immer eigenhändig von einem Zeichnungsberechtigten unterschrieben sein und dieser muss entsprechend KWKG ein protokolliertes informationsgespräch über die Risikoklassifizierung des Wertpapieres erhalten haben. Ist dies nicht der Fall ist das Geschäft von Anfang an nichtig... so simpel wäre das! Wäre... ich denke vielmehr, dass die Dame ganz sicher ein Prospekt, die offizielle Verkaufsbroschure und auch die allgemeinen Informationen über Wertpapiergeschäfte gem. WPHG erhalten hat und diese irgendwo in einer Schublade verstauben, ebenso wie sie einen Bogen mit ihrer Risikoklassifizierung unterschrieben hat!
Ich möchte nicht behaupten das alles in den Banken clean läuft, aber ein Kunde der ungelesen und unverstanden irgendwas unterschreibt, sich 3 jahre lang über fette zinsen freut und wenn dann der - in kauf genommene - totalverlust eintritt klagt ist selber schuld...
es ist wahrlich faszinierend resp. erschreckend, dass man zunehmend den Eindruck gewinnen muss, als ob vor allem eben jene, die sich ein stetiges "kritisches Hinterfragen" auf's Panier schrieben, dem risikofreien Rundumbeschützerstaat das Wort reden.
Auch wenn diese Befreiung von den Risiken des eigenen Handelns zwingend mit einer umfassenden Entmündigung einhergeht ...
mit nun, endlich, einer "grossen Sache". Zur Anlegerin erfährt man nun "Sie liest Magazine, Zeitungen, alles, was sie bekommen kann. Sie will verstehen, was da passiert ist" - Sehr schön: das hätte sie VOR Unterschriftsleitung tun sollen - am Besten hätte sie mit den Bankunterlagen angefangen.
Verstehen sich denn langsam manche Bürger als Rundrum-Betreuungsgruppe?
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/30/30162/1.html
Wieso sollen Bundestagsabgeordnete dieses Geld erstattet bekommen und Lehmann-Anleger nicht?
Aber Hallo!!!
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