Leben in kleinen Räumen Platzmangel macht erfinderisch

Auch kleine Wohnungen lassen sich gut und praktisch einrichten, wie Designer zeigen, zum Beispiel Dirk Biotto. Seine Küche besteht aus Modulen und passt sich unterschiedlichen Bedürfnissen an.

(Foto: Patric Dreier /dpa)

Wohnen ist teuer, deshalb muss das Zuhause kleiner ausfallen. Möbelbranche und Designer reagieren darauf - auch mit originellen Ideen.

Von Stephanie Hoenig

Paradigmenwechsel beim Wohnen: Die Zeiten, in denen sich die Deutschen eine immer größere Wohnung leisten wollen und können, nach dem Motto "Je mehr Quadratmeter, umso besser", sind passé. "Der Trend hat sich geändert", sagt Thomas Drexel, einer der meistgelesenen Wohnbuchautoren Deutschlands. Mit den besonders in Ballungszentren massiv gestiegenen Baupreisen und Mieten gebe es zwangsläufig eine Rückbesinnung auf kleinere, günstigere und gut geplante Wohnungen, beschreibt der im bayerischen Friedberg lebende Fachautor die Entwicklung.

Das muss kein Nachteil sein, findet der Berliner Möbelmacher Michael Hilgers: "Vielleicht sollte man versuchen, kleine Wohnungen eher als Chance auf ein vereinfachtes alltägliches Leben zu sehen." Hilgers bezeichnet sich selbst als "Designerfinder", als Mix aus Designer und Erfinder. Ein großer Raum werde oft vollgestellt, einfach weil genügend Platz vorhanden ist, sagt Hilgers. "Kleine Wohnungen hingegen wollen bewusst sinnvoller eingerichtet werden: (Raum-)Not macht bekanntlich erfinderisch."

Dieser Ansatz des Funktionalen ist in der Architekturgeschichte verankert. "Bereits viele Vertreter der Architekturmoderne entwarfen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Entwürfe, wie Menschen auf klar strukturierter Fläche mit viel Licht und großen Fenstern leben konnten", sagt Drexel. Das galt beispielsweise für die von Margarete Schütte-Lihotzky entworfene Kleinwohnung mit der berühmt gewordenen Frankfurter Küche, bei der eine platzeffiziente Anordnung bis ins Detail erdacht war. Die innovativen Ansätze der Architekturmoderne gingen im sozialen Wohnungsbau der Nachkriegszeit verloren. "Vielleicht, weil mit wachsendem Wohlstand die Menschen mehr Individualisierung statt Standardisierung wünschten", sagt Ursula Geismann, Trendexpertin vom Verband der Deutschen Möbelindustrie in Bad Honnef.

Die Konsequenzen des zugespitzten Wohnungsmarktes hat die Möbelbranche erkannt. "Wir werden auf kleinerem Raum wohnen", hieß es im Trendbericht der Internationalen Möbelmesse in Köln im Januar. Möbel würden daher noch einmal multifunktionaler und kleiner. Zum Beispiel das Sofa: "Heute angebotene Modelle nehmen rund 30 Prozent weniger Fläche ein als ihre Vorgänger vor fünf Jahren", sagt Geismann. "Damit Sofas auch in kleinere Zimmer passen, werden die Rücken- und Seitenlehnen wieder so zierlich gestaltet wie in den 1960er-Jahren."

Oder das Comeback der Schrankbetten. "Multifunktional sind auch Schrankbetten wie aus den 1970er-Jahren, und natürlich Couchen, die zu einem Bett ausgezogen werden können", sagt Geismann. Schrankbetten und Schlafsofas seien ideal, weil man schnell Platz schaffen könne, etwKirk Mangelsa wenn Gäste kommen.

Wozu Bücherregale? "TV, Musik oder Literatur - alles steht uns online zur Verfügung."

In Ballungsräumen gibt es kleinere Wohnungen mit kleineren Küchen. "Hierauf haben sich Industrie und Handel perfekt eingestellt, indem sie die Küchen stauraumoptimiert planen und produzieren", sagt Kirk Mangels von der Arbeitsgemeinschaft "Die Moderne Küche" in Mannheim. So werde etwa durch Schubkastenauszüge im Unterschrankbereich auch die komplette Tiefe des Schrankes nutzbar. Mit Apotheker- und Eckschranklösungen lasse sich fast jeder Zentimeter nutzen. Dank des gewählten Designs, der durchdacht gewählten Farben und Beleuchtungen wirkten diese kleinen Küchen dann auch größer und nicht zu stark gefüllt.

Weniger Möblierung ermöglicht auch das Computerzeitalter. "Heute können wir uns viele Dinge aus dem Netz streamen: Ob TV, Musik oder Literatur - alles steht uns online zur Verfügung", schwärmt Hilger. Das schaffe, wer es denn möchte, Platz im Wohnzimmer: Regale für Bücher, CDs und DVDs seien verzichtbar, notwendig nur noch attraktive Raumlösungen für die Endgeräte.

Geismann sieht dies anders: "Frei zusammenstellbare Regalmodule, die teilweise sogar ohne jegliches Werkzeug zusammengebaut werden, sind in kleinen Wohnungen ideal." Solche Regale ließen sich für jedes Bedürfnis und jede Wohnsituation anpassen - "egal, ob man im Altbau mit hohen Decken oder im 2,5 Meter hohen Neubau wohnt, egal, ob man eine Dachschräge hat oder die Module als Sideboard für den Flachbildschirm einsetzen will". Die Nachfrage nach Regalmodulen sei denn auch trotz E-Book ungebrochen hoch.

"Raumsparendes Wohnen klingt immer ein wenig nach Beschränkung, Provisorium und irgendwelchen Klipp-Klapp-Lösungen, an denen man sich andauernd die Finger klemmt ", kritisiert Hilgers. Dabei sei eigentlich häufig nicht die geringe Größe einer Wohnung das Problem, sondern deren Bewohner. "Aus Langeweile kaufen wir mehr Schuhe, als wir tragen können. Wer braucht Hunderte von Büchern? Man liest sie doch ohnehin meist nur einmal", spießt Hilgers altes Statusdenken auf. "Viele Menschen wohnen quasi für andere: Repräsentatives Wohnen mit ausladenden Sitzlandschaften ("falls mal Gäste kommen . . .") für Zwei-Personen-Haushalte sind nicht zeitgemäß".

Hilger will mit seinen Möbelentwürfen Wohnprobleme entdecken und möglichst einfach lösen. Häufig verschmelzen dabei vermeintlich nicht zu vereinbarende Funktionen miteinander: Beim Balkontisch "balkonzept", der in ein Balkongitter eingehängt werden kann, hat der Designer beispielsweise Blumenkasten und Tisch zusammengeführt: "Somit entsteht eine völlig neue Art von Produktkategorie. Ich versuche mit meinen Entwürfen Raum- und Funktionsgrenzen ein wenig aufzuweichen." Und: "Mithilfe meiner Möbel kann man in einem schmalen, schlauchartigen Flur arbeiten oder auf dem beengten Stadtbalkon Kräuter züchten und gleichzeitig E-Mails schreiben." Das Möbel selbst sei dabei relativ unwichtig, aber es helfe dem Nutzer, den zur Verfügung stehenden Raum anders und sinnvoll zu nutzen. "Vielleicht haben meine Möbel ja auch etwas Missionarisches, vielleicht sagen sie: Beschränke dich auf die Dinge, die dir wirklich wichtig sind - und du (oder dein Wohnraum) werden sich viel freier fühlen", beschreibt Hilger seine Philosophie.