Der Gründer der Serviceplan-Gruppe Peter Haller über abstrakte Kunst, die Gefahren für Renditejäger im Kunstgeschäft - und den Unterschied zwischen Sammelsurium und Sammlung.
Die Serviceplan-Gruppe ist die größte inhabergeführte Kommunikationsagentur Deutschlands. Ihr Gründer Peter Haller hat in der "Sammlung Serviceplan" eine Vielzahl von Werken abstrakter Kunst seit 1948 zusammengetragen, die mittlerweile auch in einem Bildband dokumentiert ist.
Peter Haller: "Ein abstraktes Werk ist ein Bild der Seele des Künstlers. Kennt man den Künstler und seine Geschichte, gibt es nichts Faszinierenderes." (© Foto: oH)
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Im Gespräch mit sueddeutsche.de erläutert er, warum abstrakte Kunst ab 1948 so spannend ist, was angehende Sammler beachten sollten und wie Kunst zum Investment wird.
sueddeutsche.de: Sie sammeln seit vielen Jahren Kunst. Verändert das den Blick auf das Bild?
Peter Haller: Die Sichtweise eines Sammlers ändert sich ebenso wie der Stil eines Malers. Als ich vor vielen Jahren anfing, mich für Kunst zu interessieren, endete mein Verständnis bei den französischen Impressionisten, insbesondere Monets Seerosen-Bilder habe ich in Bern, wo ich aufgewachsen bin, im Kunstmuseum sehr bewundert. Heute sammle ich abstrakte Kunst nach 1948. Das ist ein langer Weg, während dem sich über Erfahrungen, Einsichten und Erlebnisse mit Kunst, der "Blick", wie Sie sagen, immer weiterbildet.
sueddeutsche.de: Warum ab 1948?
Haller: Weil damals eine äußerst spannende Zeit begann: Die erste revolutionäre Entwicklung in der modernen Kunst hatten wir zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Denken Sie an Dadaisten wie Max Ernst. Die glaubten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs: Es wird ohnehin alles nur noch schlechter. Aus dieser Endzeitstimmung haben sie aus einer Mischung von Verzweiflung und dem Wunsch, das Leben jetzt erst recht zu genießen, ihre Kunst gemacht. Die nächste revolutionäre Entwicklung entstand nach dem Zweiten Weltkrieg. Bei den Künstlern, die zum Teil ein 12-jähriges, faschistisch verordnetes Malverbot hinter sich hatten, hatte sich eine unglaubliche Lust aufgestaut, endlich wieder künstlerisch tätig zu werden. So entstand nach dem Zweiten Weltkrieg die informelle Kunst als Ausdruck der neugewonnenen Freiheit, bei der man seiner Spontanität freien Lauf liess.
sueddeutsche.de: Viele tun sich mit diesen spontanen Ausbrüchen schwer. Wie kamen Sie zur abstrakten Kunst?
Haller: Über meinen Vater. Er hatte sich schon in den sechziger Jahren die Bücher des Documenta-Gründers Werner Haftmann gekauft. Über Picasso beispielsweise. Der war seinerzeit der kompetenteste Kunsthistoriker für zeitgenössische Kunst. Die Bilder fand ich zunächst furchtbar und unverständlich, aber ich habe meinen Vater insgeheim dafür bewundert, dass er sich dafür interessiert hat. Zwanzig, dreißig Jahre später habe ich dann auch angefangen, Bilder zu kaufen - übrigens viele aus genau dieser Zeit.
sueddeutsche.de: Was war Ihr erstes Bild?
Haller: Ich habe in der Galerie Thomas zwei Bilder von Víctor Mira gesehen, die mich regelrecht angesprungen haben. Ich kannte allerdings bereits die Lebensgeschichte von Mira, die mich angerührt hatte. Mira war Spanier, der in München lebte. Er war aus Spanien ausgewandert, weil er das Franco-Regime nicht ertragen konnte. Zudem ein zerrissener Mensch mit enormen psychischen Problemen. Man sieht es an seinen Bildern: Er malte depressive Themen - aber immer in wunderschönen leuchtenden Farben. Diese Gegensätzlichkeit macht den Reiz seiner Bilder aus. Er wohnte am Ammersee und hat sich nach einem Brand in seinem Haus und der Vernichtung vieler seiner Bilder das Leben genommen.
sueddeutsche.de: Sie kannten die Geschichte Miras - so ganz zufällig kam also die Begegnung zwischen Ihnen und den Mira-Bildern nicht zustande ...
Haller: Die Galerie Thomas hatte sich damals sehr für Víctor Mira eingesetzt und eine große Werkschau veranstaltet. Das eine der beiden Bilder kostete damals 12.000 Mark, ein sehr großes Bild. Heute hat es den sechs- bis siebenfachen Wert. Der erste spontane Kauf war nicht der schlechteste.
sueddeutsche.de: Hatten Sie damals schon auf Wertsteigerungen gehofft? Oder war es Liebhaberei?
Haller: Als Sammler freut man sich immer über Wertsteigerungen.
sueddeutsche.de: Ist Kunst ein gutes Investment?
Haller: Es gibt zwei Arten, wie man Kunst als Investment sehen kann: Die eine Art ist sehr simpel: Man kauft ein zeitgenössisches Bild, hofft, dass der Wert steigt und verkauft dann wieder. Davon kann ich aber nur dringend abraten - es sei denn, man ist vielfacher Millionär. Unter 2000 jungen Künstlern, die noch kaum einer kennt, gibt es vielleicht einen, der sich hinterher ordentlich entwickelt. Das sollte man nicht riskieren. Sammeln sollte man also zunächst aus Spaß an der Kunst. Ich sehe es mittlerweile auch als ein Investment, aber aus einer ganz anderen Perspektive. Ich habe die Sammlung bewusst nach meiner Firma benannt und sammle, weil ich dem Markenimage unseres Unternehmens eine weitere Dimension mitgeben will.
sueddeutsche.de: Was raten Sie Kunstinteressierten mit wenig Geld?
Haller: Als ich seinerzeit anfing, mich für Kunst stärker zu interessieren, bin ich einem der traditionellen Kunstvereine beigetreten, der Kestner-Gesellschaft in Hannover. Dabei habe ich viel gelernt und bin langsam in die Szene reingekommen. Erst wissen, dann kaufen, ist der beste Rat, den man geben kann.
sueddeutsche.de: Was sind die klassischen Anfängerfehler beginnender Sammler?
Haller: Leider handelt man zu Beginn oft viel zu unstrukturiert: kauft, was einem zufällig gefällt oder was einem eingeredet wird. Und man zahlt regelmäßig teuer dafür. Meist entwickelt sich dann ein Sammelsurium - aber keine Sammlung. Irgendwann kommt die Frage auf: Ist das eigentlich richtig, was ich hier mache? Viel besser ist es, von vorneherein mit einem Konzept zu starten.
sueddeutsche.de: Wie könnte ein Konzept aussehen?
Haller: Es gibt verschiedene Möglichkeiten: Man kann versuchen, möglichst viele Bilder eines Künstlers zu sammeln, also eine enzyklopädische Sammlung aufbauen. Das führt aber dazu, dass man wirklich alles kauft - selbst wenn der Künstler nebenbei mal eine Serviette bemalt hat. Für mich war das nicht interessant. Ich entschied mich für ein Themengebiet - abstrakte Kunst ab 1948.
sueddeutsche.de: Wo ist Kunst günstig und wo teuer?
Haller: Am meisten bezahlen Sie in der Regel bei den Galeristen. Das sind oft gute Leute mit exzellenten Kenntnissen und tollen Künstlern - aber eben: sehr teuer. Billiger ist es meist bei großen und bekannten Auktionen. Da gibt es im Bereich abstraker Kunst zwei besonders gute Adressen: Lempertz in Köln und die Villa Grisebach in Berlin.
sueddeutsche.de: Wenn Sie einen energischen Gegner haben, dürfte es dort ebenfalls nicht billig sein ...
Haller: Stimmt. Wenn Sie gegen einen Sammler steigern, kann es auch sehr teuer werden. Händler aber wollen das Bild mit 100 oder 200 Prozent Aufschlag weiterverkaufen und steigen darum kalkulierter früher aus.
sueddeutsche.de: Sind Sie bei den Auktionen vor Ort?
Haller: Nie, ich biete nur am Telefon.
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