Künstliches Licht München blendet

Wissenschaftler sehen in der übermäßigen Beleuchtung der Städte eine neue Form der Umweltverschmutzung.

Von Martin Thurau

Die Beschleunigung drückt die Magengrube in den Sitz, dann setzt die Boeing zur Schleife über München an. Und in der Schräglage taucht die nächtliche Stadt als ein großes Gleißen in der Fensterlinie auf. Wie ein Geflecht aus gelben und roten Bändern spannt sich das Straßennetz über den Grund, dazwischen Bürotürme, Fabriken und Gewerbebauten als leuchtende Tupfer, dazu das gelbe Gepixel der Gartenstädte - ein Panorama für echte Großstadtromantiker.

Doch was die Nacht zum Tage macht, ist nicht bei allen gleichermaßen wohlgelitten als Ausdruck urbaner Lebensqualität, als Segnung von Technik und Kultur. Manche Wissenschaftler und Ökologen sprechen von einer neuen Form der Umweltverschmutzung, die Folgen für die Insektenwelt und womöglich auch für die menschliche Gesundheit habe. In Ländern wie der Schweiz oder Großbritannien beschäftigt sie bereits Regierungskommissionen. In Bayern arbeitet derzeit das Landesamt für Umwelt (LfU) an einer Bestandsaufnahme.

Künstliches Licht im öffentlichen Raum: Das reicht von Straßenlaternen, die den Verkehr sicherer machen sollen, über die Beleuchtung von Gewerbe- und Industrieanlagen bis hin zur Lichtwerbung und so genannten Skybeamern, die wie riesige Suchscheinwerfer den Himmel abfahren.

München leuchtet, nicht nur zur Weihnachtszeit, wenn die Fußgängerzone ohnehin als eine Art Gesamtlichtkugel gleißt. Die Lichtverschmutzung nehme in Deutschland jährlich um sechs Prozent zu; diese Zahl nennt das LfU in einem noch unveröffentlichten Berichtsentwurf. Das führt dazu, dass der Nachthimmel kein Nachthimmel mehr sei. Über die Siedlungen stülpen sich regelrechte Glocken von Licht, weil es streut und reflektiert wird. Die Sterne am Himmel sind dabei immer schwerer auszumachen.

Das wiederum erklärt den Umstand, dass selbst sonst eher nüchterne Astronomen als Erste Alarm schlugen. Ein "vitales Problem" sei das künstliche Nachtlicht, heißt es auch bei der Münchner Volkssternwarte. Und man muss verzeihen, Astronomen nehmen den Planeten gewöhnlich in den globalen Blick, darum haben italienische Wissenschaftler das Problem in einem Weltatlas der Lichtverschmutzung zusammengefasst.

99 Prozent der Bevölkerung Europas leben danach in Regionen, in denen die Helligkeit des Nachthimmels die "Grenze zur Lichtverschmutzung überschritten" hat. Umweltreferent Joachim Lorenz spricht von einem typischen "Großstadtproblem", das auch in München zugenommen habe, und das "nicht zu knapp".

Doch woher all das Kunstlicht kommt und wem es überhaupt schadet, ist keine ganz einfache Fragestellung, denn die Datenlage ist vergleichsweise schlecht. Straßenlaternen zum Beispiel, so lauten grobe Schätzungen, tragen womöglich zu mehr als zur Hälfte zur Lichtverschmutzung bei.

In München, so bilanziert Ralf Noziczka vom Baureferat, gibt es knapp 100.000 Leuchten für Straßen und Wege sowie rund 20.000 in Unterführungen und Straßentunnels. Schon aus Kostengründen sei die Stadt daran interessiert, den Leuchtenpark nicht heller zu machen als für die Sicherheit notwendig und keine Energie zu verschwenden. Doch je nach Zweck gebe es eben gesetzliche Vorgaben für die nötige Stärke und Beschaffenheit des Lichts, wie es in anderen Fällen auch solche für verbotene Lichtemissionen gibt, sagt Noziczka.

Derzeit laufe ein Programm, alte Leuchten gegen sparsame und wartungsarme auszutauschen und mit speziellen Reflektoren und Vorschaltgeräten die Energiebilanz weiter zu verbessern. An die 40 Gigawattstunden verbraucht die Münchner Straßenbeleuchtung im Jahr. Ist das Umrüstungsprogramm abgeschlossen, sagt Noziczka, seien es sechs Gigawattstunden weniger.

Doch wie steht es mit den Auswirkungen? Viele Lampen seien Insektenfallen, beklagen zum Beispiel Ökologen; das LfU schreibt von einem regelrechten "Staubsaugereffekt". Massenhaft werden Insekten angelockt. Sie sterben beim Aufprall, die Hitze macht ihnen den Garaus oder sie werden eine leichte Beute für Fressfeinde, erklärt LfU-Biologe Herbert Preiß. Andere Insekten verlieren beim pausenlosen Umschwirren so viel Energie, dass sie sterben. Einzelne Zoologen rechnen hoch, dass es so in der Summe sogar zu einer schleichenden Verarmung der Insektenfauna kommen könne.

Wie stark solche Effekte ausfallen, hängt allerdings von Art und Konstruktion der Leuchte ab. Ökologen favorisieren so genannte Natriumdampf-Niederdrucklampen, die kein Licht im ultravioletten und blauen Bereich aussenden, von dem Insekten besonders stark angelockt werden. Doch die geben laut Noziczka nur ein fahles, schlechtes Licht.

Ebenfalls einigermaßen insektenfreundlich seien Natriumdampf-Hochdrucklampen mit ihrem gelb-orangefarbenen Spektrum. Die Stadt setzt sie zunehmend ein, wegen der vergleichsweise hohen Leistung jedoch vornehmlich im Hauptstraßennetz. Andernorts montiert das Baureferat hauptsächlich Leuchtstofflampen. Die letzten 4500 Quecksilberdampflampen, die Ökologen als wahre Insektenkiller sehen, sollen demnächst noch ausgetauscht werden.