Von H.-W. Bein und J. Schmidt

Russland greift nicht nur Militärstützpunkte an, sondern will auch den Öltransport durch die Region unterbinden.

Russlands Bombenziele in Georgien haben symbolische und strategische Bedeutung. Außer Stalins Geburtsstadt Gori und dem Militärstützpunkt in Senaki griff die russische Luftwaffe auch den wohl wichtigsten Teil von Georgiens Infrastruktur an: die Öl-Pipelines. Nach georgischen Angaben zielten die russischen Bomben zunächst auf die BTC-Pipeline, die von Aserbaidschans Hauptstadt Baku am Kaspischen Meer bis ins türkische Ceyhan führt. Allerdings dementiert der Kreml die Angriffe. Dann zerstörte Russland nach georgischen Angaben den Schwarzmeerhafen Poti am Westende der Baku-Supsa-Pipeline und demonstrierte so, dass sich der Krieg nicht nur gegen Georgien richtet, sondern auch gegen die Energie-Interessen des Westens.

Anzeige

Pipelines mit hoher Bedeutung

Für Georgien sind die Pipelines von mehrfacher Bedeutung. Wenn die 2006 eingeweihte BTC-Pipeline im kommenden Jahr ihre tägliche Fördermenge von einer Million Barrel Öl pro Tag erreicht, soll sie Georgien jährlich mehr als 60 Millionen Dollar Transitgebühren einbringen. Dadurch erhält Tiflis Devisen, die für seinen Außenhandel wichtig sind. Zugleich hilft der Öl-Transit Georgien, sich an den Westen zu binden, denn kaum ein Energieprojekt ist für die EU und die USA so bedeutend, wie der Ausbau von Pipelines durch den Kaukasus.

Die BTC-Pipeline transportiert 800000 Barrel Öl pro Tag. Das sind nur etwa ein Prozent des weltweit verbrauchten Öls. Doch zusammen mit der rund siebenmal kleineren Baku-Supsa-Röhre ist sie die einzige Pipeline aus der energiereichen kaspischen Region in den Westen, die nicht durch Russland führt. Aus Sicherheitsgründen wurde die Röhre über weite Strecken unter der Erde verlegt, doch können Pumpstationen durch Bomben zerstört werden. Die russischen Angriffe verfehlten zwar angeblich die Pipeline. Doch da deren Betrieb nach einem PKK-Anschlag auf den türkischen Abschnitt am vergangenen Dienstag bereits für mehrere Wochen eingestellt worden war, hatten die Bombenabwürfe ohnehin eher symbolischen Charakter.

Indessen hatten die Angriffe auf die georgische Hafenstadt Poti größere Auswirkungen. Von dort wird ein Teil der Öllieferung aus der Baku-Supsa-Pipeline verschifft. Nachdem der Hafen am Wochenende zerstört worden war, stellte Georgien seine gesamten Öl-Lieferungen ein. Zudem drosselte Tiflis nach Angaben des armenischen Gasversorgers Armrosgazprom die russischen Gaslieferungen nach Armenien durch Georgien um bis zu einem Drittel. Die gestiegene Unsicherheit über Energielieferungen aus dem Kaukasus löste an den Weltbörsen eine Trendwende aus: Nach dem Preisverfall in der vergangenen Woche stieg der Öl-Preis am Dienstag wieder leicht.

Die langfristig bedeutendsten Folgen könnten die russischen Angriffe jedoch auf Energieprojekte im Kaukasus haben, die noch in Planung sind. Diese umfassen vor allem Gas-Leitungen, da der Bedarf an Gas im Gegensatz zu Öl in Europa stark steigt, und im Kaspischen Meer große Gasreserven vermutet werden.

Bislang fließt das Gas aus dem Kaspischen Meer über die sogenannte BTE-Pipeline, die parallel zur Öl-Pipeline BTC bis nach Erzurum in der Türkei führt und im Krieg nicht beschädigt worden ist. Die EU plant jedoch mit der Verlängerung der Gaspipeline von Erzurum bis nach Mitteleuropa ihr ehrgeizigstes Energie-Projekt, die Nabucco-Röhre. Der Kreml hat mehrmals versucht, dieses Vorhaben zu verhindern, um Europas Abhängigkeit von russischem Gas zu erhalten. Den Investoren aus dem internationalen Nabucco-Konsortium, zu dem auch der deutsche RWE-Konzern gehört, zeigten die russischen Bombenangriffe, wie weit der Kreml bereit sein kann, gegen konkurrierende Energielieferungen aus dem Kaukasus vorzugehen. Wenn Nabucco an der steigenden Verunsicherung der Investoren scheitert, wäre das wirtschaftlich wohl eine der schlimmsten Folgen der Bombenangriffe auf Georgien.

Leser empfehlen 

(SZ vom 12.08.2008/mel)