Kreditkarten Brandneue Schuldenfalle

Bei "Revolving"-Kreditkarten zahlt der Kunde zunächst nur einen Teil zurück - und das wird auf lange Zeit teuer. Die Regierung will den Markt nun für weitere Anbieter öffnen.

Von Marco Völklein

Mit der Verbreitung neuartiger Kreditkarten droht Verbrauchern in Deutschland nach Ansicht von Konsumentenschützern eine neue Schuldenfalle. Mit den in den USA und Großbritannien üblichen "Revolving"-Kreditkarten können Kunden ihren Einkauf wie bei einem echten Kredit in Raten zurückbezahlen - dafür kassieren die Kartenanbieter aber zum Teil hohe Zinsen. Experten und Verbraucherschützer befürchten, dass die Besitzer sich schnell überschulden.

Wer in Deutschland eine Kreditkarte besitzt, hat meist eine "Charge"- oder "Debit"-Karte, in Fachkreisen auch "unechte Kreditkarte" genannt. Sie ist mehr ein bequemes Zahlungsmittel als ein tatsächliches Darlehen - der Betrag, der mit der Karte ausgegeben wurde, wird meist innerhalb eines Monats vom Girokonto abgebucht; das Kreditkartenkonto ist damit ausgeglichen.

"Revolving"-Karten funktionieren dagegen anders: Der Kartenbesitzer muss monatlich nur einen gewissen Mindestbetrag zurückzahlen; der Rest sammelt sich als Schuld auf dem Kartenkonto. "Das klingt zunächst verlockend", sagte die Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Sachsen, Andrea Hoffmann, der Nachrichtenagentur AP. Auf die offenen Restbeträge, die bei den meisten Nutzern schnell ansteigen, fallen jedoch teils hohe Zinsen von bis zu 20 Prozent an.

Wer das System verstanden hat, kann tatsächlich profitieren - er kann den Zahlungsaufschub von ein paar Tagen für sich nutzen und rechtzeitig per kostenloser Sondertilgung sein Minus wieder auffüllen, ohne dass Zinsen fällig werden. Wer allerdings nicht aufpasst, muss zahlen: "Die Banken bauen auf die Unkenntnis und Trägheit der Kunden, die nicht jeden Monat aktiv das Kreditkonto ausgleichen, um hohe Zinsen zu vermeiden", heißt es bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. "Viele Verbraucher sind überrascht, wenn ihnen zunächst eine günstige oder gar kostenlose Kreditkarte angeboten wird und ihnen später eine hohe Abrechnung ins Haus flattert", sagt auch Frank-Christian Pauli, Bankenreferent beim Verbraucherzentrale-Bundesverband (VZBV).

Geringe Transparenz

Zunächst boten vor allem kleinere Kreditinstitute und Banken aus dem Ausland solche Revolving-Karten an, mittlerweile haben fast alle großen deutschen Geldinstitute nachgezogen. Und es könnten noch mehr werden: Denn die Bundesregierung setzt gerade eine EU-Richtlinie um. Dem Gesetzentwurf nach sollen künftig nicht nur Banken, sondern auch andere Zahlungsdienstleister solche Karten anbieten dürfen. Diese Anbieter sollen dann nicht der Bankenaufsicht unterstehen und auch keine Banklizenz benötigen. Verbraucherschützer befürchten, die deutschen Kunden würden künftig mit einer Flut von Revolving-Karten überschüttet. "Mit einem Federstrich werden die schlimmsten Kredite freigegeben", sagt Udo Reifner vom verbrauchernahen Institut für Finanzdienstleistungen (IFF) in Hamburg.

Kritisch aus Sicht der Verbraucherschützer sind die Revolving-Karten vor allem deshalb, weil sie wenig Transparenz bieten. Reifner hat vor einigen Wochen Schuldnerberatern in New York für ein paar Tage über die Schulter geschaut. "Da stehen zum Teil Menschen mit bis zu 16 Revolving-Kreditkarten in der Hand und haben völlig den Überblick verloren." Beim deutschen System, alles übers Girokonto zu buchen, behalte dagegen zum einen der Verbraucher einigermaßen den Überblick über seine Finanzen, sagt Finanzfachmann Reifner: "Und außerdem kann die Bank das Limit im Verhältnis zum Einkommen regeln."

Noch ist das Gesetz in der parlamentarischen Beratung. Der VZBV fordert Änderungen daran; beispielsweise jene, dass Kartenkredite auf jeden Fall innerhalb von vier Monaten zurückgezahlt sein müssen. Das geplante Gesetz lässt bislang zwölf Monate zu.