Ein Lobbyist soll die Krankenversicherungen reformieren - das ist kein Skandal. Doch Minister Rösler läuft Gefahr, dass seine Vorschläge von vornherein als diskreditiert gelten.
Einmal angenommen, die Heizung ist kaputt. Sie heizt nicht mehr, mitten im Winter. Die Frau hat kalte Füße, die Kinder jammern. Wen würde man wohl rufen, um sich aus dieser üblen Lage zu befreien? Den handwerklich begabten Kumpel, der von Heizungen aber eigentlich keine Ahnung hat? Den befreundeten Physikprofessor, der über Kraft-Wärme-Kopplung promoviert hat? Oder einen Heizungsmonteur, der einem aber möglicherweise ein neues Gerät aufschwatzen will? Die Entscheidung dürfte den meisten Leuten leicht fallen. Sie vertrauen dem Experten.
Schon wieder Ärger mit der Gesundheit: Minister Philipp Rösler verpflichtet den Vize-Direktor der Privaten Krankenversicherung Christian Weber - und muss dafür Kritik einstecken. (© Foto: dpa)
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Auf die Politik übertragen ist die Sache ungleich schwerer, wie die aufgeregte Reaktion auf die Berufung des Vize-Direktors der Privaten Krankenversicherung (PKV), Christian Weber, ins Bundesgesundheitsministerium zeigt. Der anerkannte Experte Weber soll die Grundsatzabteilung und damit die zentrale Schaltstelle des Ressorts leiten.
In diesem Amt wird er die von Schwarz-Gelb geplanten Reformen der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) vorbereiten und organisieren - einer Organisation, die in scharfer Konkurrenz zu seinen alten Arbeitgebern steht. Der Vorwurf, Weber werde in seinem neuen Amt das Geschäft seines alten Arbeitgebers betreiben, liegt also nahe. Und doch besteht die berechtigte Hoffnung, dass dies in diesem Fall nicht zutreffen wird.
Dafür sprechen drei Gründe. Der erste hängt mit Erfahrungswerten aus früheren Zeiten zusammen, der zweite mit seinem obersten Chef, Minister Philipp Rösler, und der dritte mit dem Umstand, dass jeder weiß, wo Weber herkommt.
Walter Riester war stellvertretender Chef der IG Metall, bevor ihn der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Sozialminister machte. Riester setzte seine Rentenreform gegen den Widerstand der Gewerkschaften durch. Werner Müller arbeitete beim Energieriesen RWE, bevor er Wirtschaftsminister wurde und den Ausstieg aus der Atomenergie aushandelte. Webers Vorgänger in der Grundsatzabteilung des Gesundheitsministeriums, Franz Knieps, kam von der AOK und zeichnete für Reformen verantwortlich, die den Ortskrankenkassen wenig schmeckten. Mitunter kann man also den Eindruck haben, dass Menschen, die in einer solchen Weise die Funktion wechseln, besonders streng darauf achten, nicht in den Ruch der Abhängigkeit vom früheren Arbeitgeber zu kommen.
Selbst wenn Weber die Dinge anders sehen und im Sinne der PKV arbeiten sollte, könnte er das nicht gegen Röslers Willen machen. Wahrscheinlich ist aber, dass er das Gleiche will wie sein Chef, denn immerhin ist es liberale Programmatik, die gesetzliche Krankenversicherung in eine private umwandeln. Das kann man falsch finden. Die FDP jedenfalls hat daraus nie einen Hehl gemacht und wurde trotzdem, vielleicht sogar deshalb gewählt. Rösler sucht sich also die passenden Leute für die Umsetzung des Programms. Verwerflich ist das nicht. Für Weber muss es mithin keinen Widerspruch bedeuten, dem neuen Dienstherrn loyal zu sein und den Interessen des alten zu dienen.
Rösler läuft dabei allerdings Gefahr, dass so die Vorschläge und Vorhaben des Ministeriums von vornherein als diskreditiert gelten. Von Vorteil ist immerhin, dass die Personalie in aller Öffentlichkeit verhandelt wird. Die Wahl Webers ist so transparent wie nur möglich. Man kann daran ein Geschmäckle finden, sicher. Im Vergleich zur ansonsten üblichen Beeinflussung durch Lobbygruppen, die unter Ausschluss der Öffentlichkeit ganze Textpassagen in die Gesetze schmuggeln, ist sie eher harmlos.
Entscheidend für die Gesundheitspolitik aus dem Hause Rösler wird nicht die berufliche Vergangenheit Webers sein, es kommt auf sein Geschick und Wissen an. Letzteres wird allenthalben gelobt, auch außerhalb der PKV. Ob er aber das Gesundheitswesen reparieren kann - das weiß wohl noch nicht einmal er selber.
(SZ vom 13.01.2010/mel)
Eurovision Song Contest
Wenn man von "reparieren" des Gesundheitssystems schreibt, wär es mal wieder an der Zeit für einen Grundsatz-Artikel, der klipp und klar benennt, was denn daran eigentlich kaputt ist.
Es ist ja bald wieder Wahl und dann könnten die Wähler dem Herrn Rösler ja mal zeigen, dass sie so einen Politikwechsel nicht wollen.
Mir wäre es ja lieber, wenn solche Entscheidungen vom Souverän direkt getroffen würden, aber dafür gibt es im Volk sicher eine Mehrheit nur leider nicht im lobby-gesteuerten Parlament.
C. Weber nur ein fachkundiger Gesundheits-Monteur ?
Nein !
Bohsems Vergleich C. Webers mit einem Heizungsmonteur ist natürlich komplett daneben. Wenn der Heizungsmonteur mich nicht gut bedient, kann ich beim nächsten Mal einen anderen rufen. Lobbyist C. Weber braucht Befürchtungen dieser Art nicht zu haben. Er kann frei schalten und walten (wie seinerzeit P. Hartz) und die Interessen seiner reichen Klientel rücksichtslos durchsetzen. Dass der Minister aus der 14%-Reichen-Partei FDP einschreitet, ist nicht zu erwarten. Die CDU/CSU wird auch tatenlos zusehen. Die SPD hat mit U. Schmid die Zerstörung des deutschen Gesundheitssytems begonnen; von daher also auch nichts zu erwarten.
Um im Bild zu bleiben: Der Lobbyist C. Weber ist kein Gesundheits-Monteur sondern ein Gesundheits-Monopolist.
Der Skandal ist nicht die Berufung von C. Weber, sondern dass die Gesundheitsreform allein von einem Lobbyisten gesteuert wird und nicht von einer Fach-Kommission, in der auch Interessenvertreter der Patienten und der Ärzte und Sozialverbände vertreten sind.
Das Ergebnis von C. Webers weiterer Demontage des Gesundheitssystems wird für nicht-Reiche verheerend sein !
Bloß nicht krank werden, heißt für die Nicht-Millionäre die Devise; in Zukunft noch mehr als jetzt. Denn die Privatisierung und Liberalisierung geht weiter und wird verschärft werden. Das heißt: es wird weiter immer weniger Gesundheitsleistungen für immer mehr Kassenbeiträge geben. Wir können uns schon einmal darauf einrichten, dass die Praxisgebühr, die Beiträge und die Zuzahlungen erhöht werden, dass für Kassenpatienten ein Höchstalter eingeführt wird, über dem sich medizinische Behandlungen nicht mehr lohnen etc. Und das alles natürlich nur, damit das Gesundheitssystem nicht zusammenbricht (in Wirklichkeit, damit die privatisierten Krankenversicherungen ordentlich Rendite machen und die reichen Eigentümer noch reicher werden).
und der Wähler wird weiter brav sein Kreuz bei den Blockparteien CDU/CSU/SPD/FDP/Grüne machen, weil die gleichgeschalteten Medien ihm intensiv einimpfen, dass alles dies alternativlos ist und alles andere populistisch und unrealistisch ist und ins Unglück führt.
@guido Bohsem (Zitat): "Mitunter kann man also den Eindruck haben, dass Menschen, die in einer solchen Weise die Funktion wechseln, besonders streng darauf achten, nicht in den Ruch der Abhängigkeit vom früheren Arbeitgeber zu kommen" (Zitatende).
Mitunter schon! Aber vergessen wir nicht, daß der Gesundheitsminister von der FDP kommt. Und die tut alles, um ihrer Klientel gefällig zu sein. Man muß ja irgendwoher Stimmen bekommen.
Und da ist es leider so, daß der ganze Gesundheitsbereich der Besserverdienenden von der FDP in Beschlag genommen wird. Die Versicherungsvertreter gehören auch dazu. Die sollen mehr und besser verdienen dürfen und deshlab ssteht auch in der Koalitionsvereinbarung, daß der Übergang zu den Privatversicherungen erleichtert werden soll.
Was natürlich bedeutet, daß die Besserverdienenden den gesetzlichen Krankenkassen mit ihren höheren Beiträgen verloren gehen und die verbleibenen Geringverdiener dementsprechend mehr aufbringen dürfen.... Was natürlich nicht unbedigt im Sinne einer funktionierenden Volkssolidarität ist, sondern dem Egoismus der Besserverdienenden dient.
Warum gibt es nicht - wie zum Beispiel in der Schweiz - eine Grund-/Einheits-Versicherung für alle gleichermaßen und wenn einer meint, besser versichert sein zu sollen, daß er dies dann über eine private Zusatzversicherung abdecken kann? Es wäre die Lösung auch für Deutschland - über 90 % der Bevolkerung wären für eine solche Lösung.
Daß aber so etwas nicht kommt, dafür steht die FDP. Man will ja seiner Klientel weiterhin ein hohes Einkommen sichern.....Und dafür ist ein Mann wie der Vizedirektor der Privaten Krankenversicherer genau der richtige Mann!
Die Dinge anders zu sehen, ist mehr als blauäugig. Der Terminus "naiv" erscheint eher angebracht zu sein.
Hmmm ...... kann man sooo nicht wirklich stehen lassen.
Die Patienten bekommen doch so was wie nutztierteure Diagnoseapparaturkapazitäten (vermutlich sogar mit Goldkante - wg. der Höhe der Diagnosekosten müssen die eine Kante aus brutalst-massivem Edelmetall haben) oder auch - wie erst kürzlich - expertisengestützt dringend angezeigte, erstklassige Impfungen zur Abwendung eines vorzeitig dräuenden nutztierinduzierten Ablebens und dann noch Medikamente, die in Deutschland oft mehr als 10 mal so viel wert sind als im benachbarten Ausland, sowie als Deutschalleinstellungsmerkmal individuelle Gesundheitsleistungen zum 3,5-fachen Grundtarif, zudem als Standardgabe immer einen bunten Strauß an fast aktuellsten Hochblüten aus der Printmedienlandschaft zur Versüßung der Wartezeit bis zum Vorsprechen bei den Halbgöttern in Weiß, die alle den Namen 'Godot' zu tragen scheinen, als auch ...
... ups! - da hätte mich doch fast zu Lobeshymnen hinreißen lassen ...
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