Zu Tausenden verlassen Versicherte ihre Kassen. Das wird zu weniger Krankenkassen führen - aber nicht zu besseren.
Die gute Nachricht vorweg: Die Bürger lassen sich die immer höheren Kosten der Gesundheitsversorgung nicht bieten. Hunderttausende Kassenmitglieder, die neben dem hohen Beitragssatz von 14,9 Prozent jetzt auch noch einen Zusatzbeitrag von acht Euro und mehr zahlen sollen, haben ihre Kasse verlassen und sich einen günstigeren Anbieter gesucht.
Wer jetzt aus Zorn über Zusatzbeiträge die Krankenkasse wechselt, wird sich wohlmöglich schon bald wieder ärgern: Auch die anderen Kassen werden ihre Tarife anpassen. (© Foto: ddp)
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Der kleine Keim von Wettbewerb, den die vergangene Reform an dieser Stelle übriggelassen hat, entwickelt sich offenbar. Allerdings wird den rührigen Mitgliedern ihr Engagement nicht viel nützen. Der Kassenwechsel beschleunigt lediglich den Fusionsprozess unter den Versicherungen. Am Ende wird es weniger Kassen geben, aber sie werden weder günstiger noch besser sein.
Ob eine Kasse finanziell gut oder schlecht dasteht, hängt nur zu geringen Teilen davon ab, ob sie gut mit dem Geld der Versicherten wirtschaftet.
Viel entscheidender ist die Frage, welche Krankheiten ihre Mitglieder haben, denn der Gesundheitsfonds gewährt nur für 80 genau definierte Krankheitsgruppen zusätzliches Geld.
Die Kassen, die jetzt Zusatzbeiträge erheben müssen, haben zumeist Mitglieder, deren Leiden nicht extra honoriert werden. Die Versicherungen haben dann höhere Kosten, als sie erstattet bekommen.
Durch die Zusatzbeiträge geraten nun jene schlechter gestellten Kassen zusätzlich unter Druck. Das ist unfair und widerspricht dem Gedanken des offenen Wettbewerbs, den der Fonds befördern sollte.
Spätestens im nächsten Jahr müssen fast alle Kassen Zusatzbeiträge erheben, darüber sind sich Gesundheitsexperten einig. Doch der Zorn trifft vor allem jene Versicherungen, die als Erste damit beginnen. Die Mitglieder reagieren auf den Zusatzbeitrag wesentlich empfindlicher als auf frühere Beitragserhöhungen, die fast unbemerkt vom Arbeitgeber eingezogen wurden.
Eine Kasse, die unter diesen Umständen einen Zusatzbeitrag erhebt, schadet sich in hohem Maße. Denn es sind stets die gesunden und mobilen Kunden, die eine Versicherung verlassen. Die Kasse, die ohnehin viele kranke Mitglieder hatte, verschlechtert ihre Position weiter. Einige bringt dieser Prozess an den Rand der Insolvenz.
Die Zusatzbeiträge werden den Fusionsprozess unter den Krankenkassen anheizen. Der Politik mag das willkommen sein, sie erhofft sich davon schlankere Strukturen und geringere Verwaltungskosten. Das Finanzproblem des Gesundheitswesens aber lösen sie nicht. Im Gesundheitsfonds klafft ein Loch von vier Milliarden Euro.
Ohne eine einmalige Steuerspritze in diesem Jahr wäre das Defizit fast doppelt so groß. Die vorherige Bundesregierung hat sich zu lange über Fragen der Beitragserhebung gestritten, statt sich um die steigenden Ausgaben zu kümmern. Gesundheitsminister Philipp Rösler tut gut daran, dass er jetzt die Ausgaben für Arzneimittel in den Blick nimmt und versucht, sie per Gesetz einzudämmen. Es wird nicht der einzige Sektor bleiben, in dem gespart werden muss.
(SZ vom 31.03.2010/jcb/hgn)
Christopher Lee zum 90.
nur die Medizin wird teurer... Jeder lässt sich veralbern so gut er eben kann und füllt mit seinem Glauben an einfachste und dümmlichste Parolen vielen Anderen kritiklos die Taschen. Das ist doch lustig. Lustig ist auch, dass dieser Nonsens von der Journalie als Grundlage für fast jeden Artikel zum Gesundheitswesen unbesehen übernommen wird. Wenn aber schon die Grundlagen völlig aus der Luft gegriffen sind, dann wirds mit dem Weiterdenken natürlich extrem schwierig..
Es ist sicher richtig, dass es nicht "fair" ist, eine ohnehin darbende Kasse zu verlassen. Legitim aber allemal! Denn solange der einzige Wettbewerb der Kassen darin besteht, möglichst "billige", sprich junge und gesunde, Mitglieder aufzunehmen und alle anderen, sprich alte und/oder kranke, Mitglieder möglichst loszuwerden, wird dieses System nicht funktionieren. Und der Bürger nutzt die mikroskopischen Wahlmöglichkeiten, die ihm noch bleiben, um wenigstens so günstig wie möglich davonzukommen.
Es ist ohnehin nicht einzusehen, welche Daseinsberechtigung der Dschungel an Kassen überhaupt hat. Was da an Reibungsverlusten in Verwaltung, Infrastruktur etc. verloren geht, dürfte erheblich sein. Und für die Pharma-Mafia ist eine total dezentralisierte und zersplitterte Kassenlandschaft auch super. Welche Kasse hätte da genug Einfluss, z.B. die Preise für Medikamente zu senken? Eben, keine.
Insofern wäre es ein begrüßenswertes Gesundschrumpfen, wenn jetzt die Kassen "pleite gehen", die eben nicht anständig wirtschaften können (egal ob aus Unfähigkeit oder wegen vieler teurer Mitglieder). Denn nur durch Größe kann ein Mindestmaß an Solidarität überhaupt funktionieren!
"Was immer Minister Rösler im Gesundheitssystem macht, schlimmer als bei Ulla kann es gar nicht werden."
Ich werde Sie dran erinnern! Denn wir können wetten, es WIRD noch schlimmer. Kopfpauschale z.B. Warum einen neuen Bürokratiemoloch aufmachen, nur um die gewünschte (!) Verteilung "wer mehr leisten kann, soll auch mehr zahlen" zu erreichen? Warum etwas "nachher" über Steuern ausgleichen, was bereits wunderbar einfach dadurch gelöst ist, dass Mehrverdiener mehr zahlen? Nenn sich Solidarprinzip. Gut ist dem Herrn Rösler wie allen Hardcore-"Liberalen" natürlich unbekannt, was dies bedeutet...
Angenommen, ich würde von meinen Nachbarn jeden Monat ein Deputat für meinen Lebensunterhalt bekommen, von jedem etwas. Nehmen wir weiter an, ich hätte meine verfügbares Einkommen regelmäßig so um den 20. / 25. des Monats verfrühstückt.
Dann "müsste" ich nach der Logik Frau von Hardenbergs von den Nachbarn zusätzlich Deputate "erheben".
Vielleicht wäre es aber auch eine Idee, mal nachzuprüfen, ob ich nicht ein bisschen sparen könnte; ob ich nicht irgendwelchen Schlawinern das Geld in den Rachen werfen könnte, ob ich nicht meine Dachrinnen in Edelstahl und meine Wegeplatten in Granit ausführen müsste.
Oder um's deutlich zu sagen: Im Gesundheitswesen gibt's welche, die ausgebeutet werden; das sind die Pfleger, die Assistenzärzte, die Pflegehelfer.
Und es gibt welche, die vom System profitiern, ja sich schamlos bedienen. Das sind die oberen Chargen in den Krankenhäusern, die Pharma-Industrie, die Apparate-Hersteller und weite Teile der Fachärzte.
Nein, die Kassen "müssen" garnichts zusätzlich "erheben". Sie müssen wirtschaften. Die Politik muss sie zwingen, und die Politik muss sie lassen.
In Zukunft gibt es nur noch 5 - 10 Kassen. Alle bundesweit tätig und alle so groß, dass einzelne Versicherte mit besonders teuren Krankheiten nicht mehr ins Gewicht fallen. Diese 5 - 10 Kassen dürfen echten Wettbewerb machen - d.h. Leistungen und Beiträge in einem gewissen Rahmen selbst bestimmen.
Keiner braucht über 100 Kassen mit jeweils eigenen Vorständen, eigenen EDV-Systemen, eigener Werbung und was weiß ich - die aber weder bei Leistungen noch bei den Preisen konkurrieren dürfen.
Was immer Minister Rösler im Gesundheitssystem macht, schlimmer als bei Ulla kann es gar nicht werden.