Ein Kommentar von Nina von Hardenberg

Zu Tausenden verlassen Versicherte ihre Kassen. Das wird zu weniger Krankenkassen führen - aber nicht zu besseren.

Die gute Nachricht vorweg: Die Bürger lassen sich die immer höheren Kosten der Gesundheitsversorgung nicht bieten. Hunderttausende Kassenmitglieder, die neben dem hohen Beitragssatz von 14,9 Prozent jetzt auch noch einen Zusatzbeitrag von acht Euro und mehr zahlen sollen, haben ihre Kasse verlassen und sich einen günstigeren Anbieter gesucht.

Krankenkassen, Foto: ddp

Wer jetzt aus Zorn über Zusatzbeiträge die Krankenkasse wechselt, wird sich wohlmöglich schon bald wieder ärgern: Auch die anderen Kassen werden ihre Tarife anpassen. (© Foto: ddp)

Anzeige

Der kleine Keim von Wettbewerb, den die vergangene Reform an dieser Stelle übriggelassen hat, entwickelt sich offenbar. Allerdings wird den rührigen Mitgliedern ihr Engagement nicht viel nützen. Der Kassenwechsel beschleunigt lediglich den Fusionsprozess unter den Versicherungen. Am Ende wird es weniger Kassen geben, aber sie werden weder günstiger noch besser sein.

Ob eine Kasse finanziell gut oder schlecht dasteht, hängt nur zu geringen Teilen davon ab, ob sie gut mit dem Geld der Versicherten wirtschaftet.

Viel entscheidender ist die Frage, welche Krankheiten ihre Mitglieder haben, denn der Gesundheitsfonds gewährt nur für 80 genau definierte Krankheitsgruppen zusätzliches Geld.

Die Kassen, die jetzt Zusatzbeiträge erheben müssen, haben zumeist Mitglieder, deren Leiden nicht extra honoriert werden. Die Versicherungen haben dann höhere Kosten, als sie erstattet bekommen.

Durch die Zusatzbeiträge geraten nun jene schlechter gestellten Kassen zusätzlich unter Druck. Das ist unfair und widerspricht dem Gedanken des offenen Wettbewerbs, den der Fonds befördern sollte.

Spätestens im nächsten Jahr müssen fast alle Kassen Zusatzbeiträge erheben, darüber sind sich Gesundheitsexperten einig. Doch der Zorn trifft vor allem jene Versicherungen, die als Erste damit beginnen. Die Mitglieder reagieren auf den Zusatzbeitrag wesentlich empfindlicher als auf frühere Beitragserhöhungen, die fast unbemerkt vom Arbeitgeber eingezogen wurden.

Eine Kasse, die unter diesen Umständen einen Zusatzbeitrag erhebt, schadet sich in hohem Maße. Denn es sind stets die gesunden und mobilen Kunden, die eine Versicherung verlassen. Die Kasse, die ohnehin viele kranke Mitglieder hatte, verschlechtert ihre Position weiter. Einige bringt dieser Prozess an den Rand der Insolvenz.

Die Zusatzbeiträge werden den Fusionsprozess unter den Krankenkassen anheizen. Der Politik mag das willkommen sein, sie erhofft sich davon schlankere Strukturen und geringere Verwaltungskosten. Das Finanzproblem des Gesundheitswesens aber lösen sie nicht. Im Gesundheitsfonds klafft ein Loch von vier Milliarden Euro.

Ohne eine einmalige Steuerspritze in diesem Jahr wäre das Defizit fast doppelt so groß. Die vorherige Bundesregierung hat sich zu lange über Fragen der Beitragserhebung gestritten, statt sich um die steigenden Ausgaben zu kümmern. Gesundheitsminister Philipp Rösler tut gut daran, dass er jetzt die Ausgaben für Arzneimittel in den Blick nimmt und versucht, sie per Gesetz einzudämmen. Es wird nicht der einzige Sektor bleiben, in dem gespart werden muss.

Leser empfehlen 

(SZ vom 31.03.2010/jcb/hgn)