Krankenkassen: Sorge um Insolvenz Massenflucht der Versicherten

Wegen der Zusatzbeiträge laufen den Krankenkassen die Kunden davon. Allein die BKK Heilberufe hat ein Drittel ihrer Mitglieder verloren. Wann geht die erste Kasse pleite?

Von Tobias Dorfer

Eines muss man der Politik lassen: Ihr Ziel, mehr Wettbewerb unter den Krankenkassen zu entfachen, hat sie erreicht. Seit die Kassen die Möglichkeit haben, Zusatzbeiträge zu erheben, schauen die Kunden ganz genau hin. Allein seit Beginn des Jahres sollen knapp 485.000 gesetzlich Versicherte ihre Kasse gewechselt haben, berichtet die Bild-Zeitung. Selbst Fachleute sind erstaunt. Der Zusatzbeitrag führe offenbar zu einer höheren Wechselbereitschaft als die unterschiedlichen Beitragssätze, über die sich die Kassen vor der Gesundheitsreform unterschieden, sagt der Münchner Gesundheitsökonom Günter Neubauer.

Leidtragende dieses neuen Wettbewerbs sind jene Kassen, denen jetzt die Versicherten davonlaufen. In der Branche wird bereits gemunkelt, einige Anbieter müssten bald Insolvenz anmelden. Als erste Beispiele nennt die Bild-Zeitung die City BKK mit 167.000 Mitgliedern, die zum 1. April einen Zusatzbeitrag einführen will, und die BKK Heilberufe, die von ihren Versicherten bereits seit Jahresbeginn ein Prozent des Einkommens zusätzlich kassiert - im Höchstfall sind dies 450 Euro pro Jahr.

Gerüchte um Insolvenz

Ein Sprecher der BKK Heilberufe bestätigt eine "dramatische Entwicklung". Seit Jahresbeginn habe die Kasse ein Drittel ihrer Kunden verloren - insgesamt kehrten 50.000 von 170.000 Mitglieder der BKK Heilberufe den Rücken. Ob dies allerdings zu einer Insolvenz führen könnte, sei "nicht abzusehen", sagte der Sprecher zu sueddeutsche.de.

Bei der City BKK möchte man von derartigen Mutmaßungen nichts wissen. Derartige Gerüchte seien "Quatsch", sagte ein Sprecher zu sueddeutsche.de. Im Gegenteil - die City BKK habe seit Januar mehr Neumitglieder gewonnen als sie durch Kündigungen verloren habe.

Und doch - die Kassen, die auf Zusatzbeiträge pochen, stehen im harten Wettbewerb mit den Anbietern, deren finanzielle Situation es bislang erlaubt, auf den Obolus zu verzichten. Droht der Bundesrepublik nun eine "Zwei-Kassen-Gesellschaft"?

TK: Das Geschäft "brummt"

Abwegig ist das nicht. "Krankenkassen, die lange ohne Zusatzbeiträge auskommen, profitieren doppelt", sagt Gesundheitsökonom Neubauer. Einerseits könnten sie den Konkurrenten Mitglieder abjagen. Und zweitens seien dies auch in den meisten Fällen Versicherte, die geringe Kosten verursachten. "Diejenigen, die wechseln, sind eher die gesunden", sagt Neubauer. Sie würden diesen Aufwand häufiger auf sich nehmen.

Für Anbieter wie die BKK Heilberufe, die ohne Zusatzbeiträge nicht auskommen, ist dies der Super-Gau. Auch Fachleute sehen die Zukunft vieler Kassen kritisch. Zu Insolvenzen werde es zwar nicht kommen, glaubt Gesundheitsökonom Neubauer. Allerdings werde es in Zunkuft weitere Zusammenschlüsse geben. "Bevor eine Krankenkasse Insolvenz anmeldet, flüchtet sie lieber in die Arme eines Konkurrenten", sagt der Fachmann vom Münchner Institut für Gesundheitsökonomik. Am Ende des Prozesses, so schätzt Neubauer, würden neben einigen größeren AOK-Kassen nur fünf bundesweit tätige Anbieter übrig bleiben - und dazu 20-30 regionale Kassen.

Eine davon könnte die Techniker Krankenkasse (TK) sein, die versprochen hat, in diesem Jahr noch ohne Zusatzbeitrag auszukommen. Seit Jahresbeginn sind 151.000 Versicherte zur TK gewechselt - Tendenz steigend. Die Berater in den Geschäftsstellen hätten "alle Hände voll zu tun", sagt ein Sprecher. Das Geschäft "brummt".