Kostenpflichtige Zusatzangebote Mancher Gesundheitscheck nützt wenig

Schau mir in die Augen: Ob Vorsorge beim Grünen Star oder Schnarch-Operation, immer öfter zahlen Patienten Behandlungen aus der eigenen Tasche. Doch bei manchen ist der Nutzen zweifelhaft.

Von Andreas Jalsovec

Den Zettel für die Messung des Augeninnendrucks händigt die Sprechstundenhilfe jedem aus. "Wenn Sie vor Ihrem Termin mit dem Doktor noch eine Vorsorgeuntersuchung gegen Grünen Star wollen, müssen Sie das hier unterschreiben", sagt die Dame am Empfang beim Augenarzt. "Zahlen müssen Sie es aber selbst." Die meisten Patienten tun das auch - wer geht schon gerne das Risiko ein, zu erblinden? Zwischen zehn und 20 Euro kostet die Untersuchung. Doch ihr Nutzen ist zweifelhaft.

Patienten zahlen immer öfter für individuelle Gesundheitsleistungen - doch bei manchen ist der Nutzen umstritten.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Die Glaukom-Früherkennung beim Augenarzt, die Ultraschalluntersuchung zur Krebsvorsorge, die Laser-Behandlung von Krampfadern - das alles sind sogenannte Igel. Das Kürzel steht für Individuelle Gesundheitsleistungen. Gemeint sind Behandlungen, die es beim Haus-, Fach- oder Zahnarzt gibt, die aber die gesetzliche Krankenkasse nicht übernimmt. Der Patient zahlt dafür aus eigener Tasche - manchmal nicht zu knapp und vor allem: immer öfter.

"Der Anteil der Patienten, die in den Praxen mit Igel-Angeboten konfrontiert werden, nimmt Jahr für Jahr zu", sagt Klaus Zok vom Wissenschaftlichen Institut der Ortskrankenkassen (Wido). Gut jeder vierte Praxisbesucher bekommt mittlerweile von seinem Arzt mindestens einmal jährlich eine solche Selbstzahler-Leistung angeboten, hat das Wido in einer Studie herausgefunden. Andere Untersuchungen gehen sogar von jedem zweiten Versicherten aus.

Rund um die Sonderleistungen ist eine regelrechte Industrie entstanden

Der Nutzen der Zusatzangebote für die Patienten ist dabei in vielen Fällen gering. Das zeigt der "Igel-Monitor", den der Medizinische Dienst der Krankenkassen Anfang des Jahres im Internet eingerichtet hat. Gut zwei Dutzend der gängigsten Igel-Angebote werden darin anhand der bislang dazu erschienenen Studien unter die Lupe genommen. Ergebnis: "Viele Igel schneiden nicht gut ab, manche sogar richtig schlecht", meint Christiane Grote vom Medizinischen Dienst. Nur drei Mal fällen die Wissenschaftler ein positives Urteil.

Gerade bei den beiden häufigsten Igel-Angeboten dagegen - der Glaukom-Vorsorge und dem Ultraschall-Test zur Früherkennung von Eierstockkrebs bei Frauen - übersteigen mögliche Risiken sogar den Nutzen. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Studie des Deutschen Instituts für medizinische Dokumentation.

Nichtsdestotrotz sind die Medizin-Igel in den Praxen seit den neunziger Jahren unaufhaltsam auf dem Vormarsch - auch, weil die Kassen in den letzten Jahren immer mehr Leistungen gestrichen haben. Rund 1,5 Milliarden Euro bescheren die Igel den Ärzten mittlerweile jährlich an Zusatzeinnahmen, schätzt das Wido. Rund um die Sonderleistungen ist eine regelrechte Industrie entstanden.

Die Hersteller von Geräten, Labortests und Igel-Präparaten bieten dabei sogar Seminare und Schulungen für Ärzte und deren Personal an. Motto: Wie verkaufe ich den Patienten meine Igel am besten? Nicht umsonst rechnen nach einer Umfrage der Privatärztlichen Verrechnungsstellen gut zwei von drei Ärzten damit, dass ihre Igel-Umsätze in den kommenden Jahren weiter steigen werden. Ganz vorne im Igel-Geschäft liegen Augenärzte und Gynäkologen. Dahinter folgen Urologen, Orthopäden und Hautärzte.

"Der Impuls kommt meist vom Arzt"

Die Nachfrage nach den Selbstzahler-Leistungen geht dabei selten vom Patienten aus. "Der Impuls kommt meist vom Arzt", sagt Klaus Zok. Überdies zeigen mehrere Studien: In der Mehrzahl werden die Angebote besser Verdienenden unterbreitet. "Viele Patienten fühlen sich dabei überrumpelt", meint Dörte Elß, Gesundheitsexpertin bei der Verbraucherzentrale Berlin. "Wer zum Arzt geht, rechnet ja nicht unbedingt damit, dass er dort etwas verkauft bekommt." Ohnehin könnten die wenigsten Patienten überhaupt beurteilen, ob die Angebote sinnvoll sind oder nicht. "Das Verkaufsgespräch zwischen Arzt und Patient verläuft fast nie auf Augenhöhe", meint Elß.

Das sei umso gravierender, als die Patienten Igel-Angebote vor allem zu Vorsorgebehandlungen unterbreitet bekommen. "Sie sind dann verunsichert, ob Sie das machen und auch noch selbst dafür zahlen sollen." Die Verbraucherzentralen haben die Patienten deshalb dazu aufgerufen, in einer Online-Umfrage über ihre Erfahrungen mit Igel zu berichten (etwa unter www.vz-bln.de).

Auch bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung räumt man ein, dass sich die Versicherten mitunter von den Ärzten zum Igeln gedrängt fühlen. So habe die jüngste Versichertenbefragung gezeigt, dass sich viele Patienten mehr Zeit gewünscht hätten, um das Angebot abzuwägen. "Das heißt, dass Ärzte sorgfältig mit Igel-Angeboten umgehen sollten", so ein KBV-Sprecher. Wichtig sei ein "offenes Gespräch, in dem Arzt und Patient gemeinsam klären sollten, was sinnvoll ist und was nicht."

Der wichtigste Rat der Verbraucherschützer ist denn auch, sich nicht sofort zur Igel überreden zu lassen. Das ist zwar nicht immer einfach. Etwa wenn man auf dem Zahnarztstuhl liegt und einem der Arzt mit dem Bohrer in der Hand eine besondere Art der Wurzelbehandlung anpreist, für die ein Eigenanteil fällig wird. "Dennoch gilt: Es gibt keine Igel-Leistung, die nicht bis zum nächsten Tag Zeit hätte", meint Dörte Elß.

Im Zweifel sollten Patienten sich daher lieber noch einmal Bedenkzeit ausbitten und sich über das Angebot informieren. Möglicherweise finden sich dann sogar günstigere Alternativen - selbst für jene Igel, die sinnvoll sind. So hilft etwa eine Lichttherapie zwar tatsächlich gegen Winterdepression. "Möglicherweise", meint Christiane Grote, "sind Spaziergänge bei Tageslicht und frischer Luft aber genau so hilfreich."