Kontaktlos bezahlen Revolution an der Kasse

Bezahlen ohne PIN: Von April an sollen Verbraucher in Hannover ohne Unterschrift und PIN Kleinigkeiten einkaufen können. Die Banken stellen eine neue Karte vor, die kontaktlos funktioniert. Einige große Ketten machen mit.

Von Harald Freiberger, Frankfurt

Der Kunde zückt an der Kasse seine Geldbörse und hält sie in die Nähe eines Scanners, mit maximal vier Zentimeter Abstand. Er braucht keine Karte mehr herauszuholen, die in ein Lesegerät eingeführt werden müsste, er braucht nicht mehr zu unterschreiben oder seine PIN einzugeben. Es macht nur leise "Piep", und das Geld wird von seinem Konto abgebucht.

"Kontaktloses Bezahlen" heißt diese neue Technik. Sie wird sich in Deutschland bald schnell verbreiten, vor allem beim Zahlen kleiner Dinge wie Zeitung, Kaffee oder Sandwich.

An diesem Mittwoch ist ein wichtiger Tag für die Revolution an der Supermarkt-Kasse und in anderen Läden. Dann stellt die deutsche Kreditwirtschaft ein Pilotprojekt im Raum Hannover vor, das nach und nach auf das gesamte Bundesgebiet ausgeweitet wird. Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken sowie private Institute - sie alle sind dabei. Sie präsentieren Namen und Logo des Projekts und erläutern die Details.

Manches wurde schon vorher bekannt. Im Pilotraum haben 150.000 Bankkunden die neuen Karten mit einem sogenannten Nahfeld-Chip bereits erhalten. Sie lassen sich mit bis zu 200 Euro vom eigenen Konto aufladen. Ab Mitte April können Kunden damit in einer Reihe von Geschäften kontaktlos bezahlen. Dazu zählen die Tankstellenkette Esso und die Douglas-Holding. Nach Informationen der SZ werden auch Edeka (Lebensmittel) und dm (Drogerie) dabei sein.

Es wird nicht beim Pilotprojekt bleiben. Banken und Einzelhändler weiten das Angebot im Laufe des Jahres aus. Bei den Sparkassen, die rund die Hälfte aller 90 Millionen Debitkarten (früher EC-Karten) in Deutschland ausgegeben haben, ist das schon beschlossene Sache. Sie rüsten die Debitkarten, die bei jedem Kunden alle vier Jahre ausgetauscht werden, künftig mit einem Nahfeld-Chip aus. Damit können Ende 2012 rund 16 Millionen Kunden kontaktlos bezahlen, Ende 2013 sind es 30 Millionen.

Theoretisch machbar wäre kontaktloses Bezahlen schon lange, es scheiterte aber daran, dass die Karten nicht mit den nötigen Chips ausgestattet waren. Die Einzelhändler sahen so auch keinen Anlass, ihre Kassen mit neuen Lesegeräten auszustatten. Wenn nun nach und nach immer mehr Bankkunden solche Karten haben, lohnt sich für den Handel die Investition. Sie müssen dazu an ihr bestehendes Kassensystem ein neues Lesegerät andocken. "Wir werden 2012 noch von vielen Einzelhändlern hören, die mitmachen", heißt es in der Kreditbranche.

Wie sicher ist die neue Technik?

Die Volks- und Raiffeisenbanken haben die Ausweitung auf das Bundesgebiet zwar noch nicht beschlossen, es ist aber sehr wahrscheinlich. Sie haben schon ein eigenes Pilotprojekt zusammen mit dem Kreditkartenanbieter Mastercard in Hamburg laufen. Dort können 1300 Bankkunden bei Star, Aral, Douglas oder der Restaurantkette Vapiano kontaktlos bezahlen. Mastercard bringt eine eigene Kontaktlos-Karte, ebenso die Konkurrenten Visa und American Express. Bei den Kreditkartenunternehmen lassen sich damit Beträge bis 25 Euro bezahlen, bei den Banken liegt die Grenze bei 20 Euro. Drüber muss der Kunde weiter unterschreiben oder PIN eingeben.

Bleibt nur die Frage nach der Sicherheit. Das Bundeskriminalamt (BKA) warnte schon, dass neue Techniken auch neue Möglichkeiten für Betrüger bieten. Denn die Karte mit Chip ist nur die erste Stufe zum kontaktlosen Bezahlen. In nicht zu ferner Zukunft werden auch Handys mit solchen Chips ausgerüstet sein. Alle großen Mobilfunkunternehmen arbeiten an dieser Technik. So wird die nächste Generation der Google-Handys mit Bezahltechnik von Visa ausgerüstet. Ein stets eingeschaltetes Handy biete aber für Kriminelle gute Möglichkeiten, jederzeit Daten abzugreifen, gibt BKA-Chef Jörg Ziercke zu bedenken.

Die Kartenbranche hält kontaktloses Bezahlen dagegen für besonders sicher. "Es verhindert Betrug durch Skimming im Handel", sagt Visa-Deutschland-Chef Ottmar Bloching. Skimming ist eine Methode, bei der mit Attrappen Daten vom Magnetstreifen der Bankkarte abgelesen und auf andere Karten kopiert werden, mit denen die Betrüger dann im Ausland Geld vom Konto des Betroffenen abheben. Da der Magnetstreifen nicht mehr abgelesen werde, so Bloching, und die Chips sich bisher als fälschungssicher erwiesen hätten, sei der Betrug mit gefälschten Karten nicht mehr möglich. Analog dazu könnten die in Mobiltelefone eingebauten Chips nicht kopiert werden. Betrug wäre nur möglich, wenn das Handy verloren oder gestohlen werde. "Das aber fällt dem Kunden schneller auf als der Verlust seiner Geldbörse. Er kann dann rasch die Sperrung verlassen", sagt Bloching.