Deutschland steckt mitten in der Wachstumskrise. Auch für den Rest des Jahres und 2009 sind die Experten pessimistisch.
Die Kursrutsche an den Börsen der vergangenen Tage stellen das Platzen der Internetblase im Jahr 2000 locker in den Schatten. Denn jetzt stürzen nicht nur die Anteilsscheine obskurer Hinterhof-Firmen ab, deren größter Wert ihr schicker Name war, sondern die Titel von Schwergewichten wie der Commerzbank.
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Nach dem Internetrausch kam ein langer peinigender Kater - die Konjunktur bremste ab, die Wirtschaft geriet in eine tiefe Krise. Die Sorge wächst, dass die Turbulenzen an den Finanzmärkten nun erneut in eine Schwächephase der Wirtschaft münden. Die meisten Experten gehen tatsächlich davon aus, dass die Turbulenzen Deutschland belasten. Doch wird der Standort verglichen mit anderen Ländern recht glimpflich davonkommen. In der zweiten Hälfte des nächsten Jahres soll es wieder langsam aufwärts gehen. Klar aber ist: Der Aufschwung ist vorbei.
Für den Rest des laufenden Jahres sind die Vorhersagen düster. Am Donnerstag verringerte der Bundesverband deutscher Banken seine Wachstumsprognose für 2008 von 2,25 auf 1,9 Prozent. Die Organisation schätzt, dass die Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte stagniert oder schrumpft.
Guter Start
Der Zuwachs beruht also allein auf dem guten Start ins Jahr. Nimmt das Bruttoinlandsprodukt, der Wert aller hergestellten Güter und Dienstleistungen, zwei Quartale in Folge ab, ist die Definition für eine Rezession erfüllt. Dass es dazu kommt, halten die meisten Experten für wahrscheinlich. Vor dem Bankenverband hatten bereits vier Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Prognosen auf unter zwei Prozent gesenkt.
Für das kommende Jahr sehen die Fachleute einen Zuwachs zwischen 0,2 und 1,0 Prozent voraus. Selbst beim optimistischen Wert gilt: Aufschwung fühlt sich anders an. Und der Boom am Arbeitsmarkt ist mit Sicherheit vorbei.
Dabei sind die direkten Folgen der Finanzkrise überschaubar. In Deutschland gebe es keine Anzeichen für eine Kreditklemme, versichert der Bankenverband. Trotz der hohen Verluste mit Wertpapiergeschäften vergeben die Institute also noch bereitwillig Darlehen.
Das ist wichtig, denn kämen Firmen und Haushalte nicht an Kapital heran, würde das die Konjunktur heftig bremsen. Die düsteren Nachrichten der vergangenen Wochen erscheinen im Vergleich dazu eher nebensächlich: Die Milliardenabschreibungen und Kursverluste bei wichtigen deutschen Instituten, die 300 Millionen Euro, die die Förderbank KfW verschleudert hat, die Pleiten und Notverkäufe in den USA - all das mag ärgerlich sein, aber solange die Hausbank weiter Kredite gewährt, stoppen Tausende kleine und große Unternehmen im Lande ihre Investitionen nicht.
Allerdings glaubt Carsten-Patrick Meier, Konjunkturexperte des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), dass die Kreditversorgung bald schwieriger wird. "Bislang wurden die Konditionen kaum verschärft, doch nun geraten die Banken von zwei Seiten unter Druck", sagt er. Zum einen hätten die Verluste wegen der Finanzkrise Kapital gekostet, zum anderen sei absehbar, dass wegen des Abschwungs hierzulande die Zahl der Pleiten steige - und damit die der faulen Kredite. Das werde Darlehen verteuern.
"Banken sind misstrauisch"
Peter Hohlfeld, Referatsleiter beim gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung in Düsseldorf, befürchtet sogar, dass nur Firmen mit sehr guter Bonität demnächst noch Darlehen erhalten: "Die Banken sind misstrauisch." So gewähren sie einander im Moment ungern Kredit, weswegen die Notenbanken Geld zur Verfügung stellen müssen. "Dieses Misstrauen werden auch andere Kreditinteressenten zu spüren bekommen", sagt der Fachmann. Der starke Rückgang bei den Investitionen werde daher anhalten, zumal die Absatzaussichten der deutschen Firmen weltweit bescheiden sind.
Die schlechte Lage auf wichtigen Exportmärkten ist nach Ansicht von IfW-Experte Meier die schlimmste Folge der Finanzkrise für Deutschland, ein größeres Problem als die Kreditbedingungen. "In den USA lauert eine kräftige Rezession", sagt er. "Über mehrere Jahre kann der Konsum der Verbraucher dort sehr schwach ausfallen." Die Amerikaner hätten zu wenig gespart und zu viel auf Pump gelebt - das werde sich langsam normalisieren. Günstig sei lediglich, dass der Ölpreis gefallen ist: Das könnte den Konsum ein wenig stützen. Außerdem kommen in den USA Firmen und Bürger nach Umfragen der Notenbank Fed bereits schlechter an Kredite heran.
In Europa sieht es nicht besser aus: In Großbritannien und Spanien sind ebenfalls Immobilienblasen geplatzt. Die Länder stecken in Rezessionen oder stehen kurz davor - und dort werden sie vermutlich länger dauern als zwei, drei Quartale wie in Deutschland. Dementsprechend sinken Auftragseingänge und Ausfuhren hiesiger Firmen. Über den Umweg Ausland erreicht die Krise eben doch die Bundesrepublik.
(SZ vom 19.09.2008/hgn)
Bruce Springsteen in Frankfurt
Im Gegensatz zum Aufschwung wird der Abschwung bei allen rechtzeitig ankommen. Die einen können's verkraften, die anderen weniger. Wenn das nichts ist, Angie!
Oh, wie dumm. Ich warte noch immer, dass der Aufschwung bei mir ankommt. Hat da jemand gelogen und das Wort gebrochen?