Kommentar Rendite und Risiko

Fürs Ersparte gibt es seit Jahren kaum noch Zinsen - Anleger wenden sich daher auch exotischen Finanz-Produkten zu. Doch die bergen ein wesentlich höheres Risiko.

Von Stephan Radomsky

Seit Jahren gibt es kaum Zinsen fürs Geld, und kein Ende dieser Politik ist in Sicht. Der Befund ist nicht neu, aber gerade deshalb treibt er Privatanleger genauso wie Banken in immer exotischere Anlageformen. Das Problem: Die Banker mögen vielleicht wissen, was sie da kreieren; die Sparer aber haben oft keine Ahnung, was sie kaufen. Sie sehen nur die versprochene Rendite - je höher, desto besser - und das Versprechen, dass eigentlich gar nichts passieren könne.

Nun will die Finanzaufsicht Bafin Privatanleger besser schützen, in einem ersten Schritt, indem sie gezielt den Vertrieb von Bonitätsanleihen verbietet. Es handelt sich dabei im Kern um Wetten darauf, ob Großschuldner ihre Kredite zurückzahlen können. Das geplante Verbot ist ein Präzedenzfall, erstmals will die Behörde so umfassend gegen ein Anlageprodukt vorgehen. Grundsätzlich ist das begrüßenswert. Denn gerade bei Finanzderivaten ist der Wissens- und Geschwindigkeitsvorsprung der Finanzprofis so groß, dass Sparer praktisch keine Chance haben, wirklich durchzublicken. Allein: Zu viel erwarten darf man auch von solch einem Verbot nicht, weil es nur punktuell wirkt. Würde einfach alles aus den Depots verbannt, was Herr und Frau Otto Normal nicht verstehen, die Welt wäre nicht unbedingt besser dran.

Komplizierte Geldanlagen sind nicht unbedingt böse - nur fair für den Kunden müssen sie sein

Denn Komplexität an sich ist nichts Böses. Kaum ein Telefonierender kann erklären, wie sein Smartphone funktioniert, kein Nutzer weiß, warum Google ihm Ergebnisse auswirft, und die meisten Autokäufer überfordert es, die Funktionsweise eines Verbrennungsmotors zu beschreiben. Handys, Autos oder das Internet sind eben kompliziert, aber trotzdem ein wichtiger Teil unseres Alltags. Verbieten will sie deshalb niemand. Wichtig ist am Ende nur eines: dass die Technik funktioniert.

Wenn Geldangelegenheiten dagegen kompliziert werden, sind sie jedoch schnell verschrien. Dem Stammtisch sind schon Aktien zutiefst suspekt. Am liebsten will man zurück zum Althergebrachten: Sparbuch und Lebensversicherung, fertig ist die Geldanlage. Dass die meisten auch hier nicht erklären können, wie und warum ihre Policen früher mehr Zinsen abwarfen als heute - geschenkt.

Deshalb ist es klug, wenn die Finanzaufseher in ihrem Verbotsentwurf für die Bonitätsanleihen eben nicht allein darauf abheben, dass diese Produkte zu komplex für den Verbraucher seien. Viel mehr argumentiert die Bafin, dass die Banken ihre Anleger mit den Papieren gezielt darüber im Dunkeln ließen, was sie da überhaupt kaufen: Sie heißen zwar "Anleihen" und versprechen einen "Zins", es sieht also so aus, als ob der Kunde sein Geld verleihe. Tatsächlich gewähre er mit seiner Bonitätsanleihe im Kern aber eine Versicherung gegen einen Zahlungsausfall. Das sind grundverschiedene Dinge, weil sich Risiken und Rechte der Kunden im Ernstfall erheblich unterscheiden.

Kurz gesagt: Bonitätsanleihen übervorteilen die Kunden systematisch, fürchtet die Bafin. Deshalb sieht sie sich befugt, einzugreifen und die ganze Wertpapierklasse mit einem Volumen von fast sechseinhalb Milliarden Euro zu verbannen.

Damit zeigen die Aufseher einen Weg auf, wie sich Anleger künftig vielleicht besser schützen lassen: Solange sie fair konstruiert sind, gehen auch komplexe Finanzprodukte völlig in Ordnung. Der mündige Verbraucher trägt eben auch Verantwortung für sein Geld, er muss sich über die Chancen, aber auch die Risiken informieren. Die Aufseher sorgen dafür, dass er dazu die Möglichkeit erhält - und falls nicht, schreiten sie ein.

Einen Schönheitsfehler hat das Bafin-Vorhaben daher: Es trifft nicht die Schlimmsten. Bonitätsanleihen werden in aller Regel von Banken ausgegeben, und für die wurden die Vorgaben zur Beratung und zum Geschäftsgebaren in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Wirklich viel Geld verloren Privatanleger deshalb zuletzt vor allem am sogenannten Grauen Kapitalmarkt: Hier lockten dubiose Firmen wie Prokon, S & K oder Wölbern Invest die Leichtgläubigen und die Gierigen in risikoreiche Produkte wie geschlossene Fonds, Genussscheine oder Nachrangdarlehen. Und das Geschäft geht ungebremst weiter: Heute boomen Fonds auf Wälder in Südamerika oder was sich sonst als "grün" vermarkten lässt. Den Finanzaufsehern aber fehlen hier nach wie vor ähnliche Zugriffsmöglichkeiten wie bei den Bonitätsanleihen.

Den besten Schutz vor herben Verlusten bietet deshalb vor allem eines: gesunde Skepsis. Wer eine überdurchschnittliche Rendite erzielen will, muss sich auch klar sein, dass es die nicht ohne überdurchschnittliches Risiko gibt. Wer das nicht einsieht, dem kann auch die Bafin nicht helfen.