Klaus Hurrelmann "Es gibt ein finanzielles Analphabetentum"

Sozialwissenschafter Klaus Hurrelmann über die Altersarmut von morgen, warum das Fach Wirtschaft an jeder Schule Pflicht sein sollte - und Altersvorsorge unsexy ist.

Interview: Melanie Ahlemeier

Klaus Hurrelmann, 66, ist einer der renommiertesten Sozialwissenschaftler Deutschlands. Seit gut einem Jahr ist er als Professor für Public Health and Education an der Hertie School of Governance in Berlin tätig, zuvor war er fast drei Jahrzehnte lang an der Universität Bielefeld aktiv. Zusammen mit Heribert Karch, Geschäftsführer der Metall-Rente GbR, des gemeinsamen Versorgungswerks von Gesamtmetall und IG Metall, hat Hurrelmann die "Metall-Rente-Studie 2010 - Jugend, Vorsorge, Finanzen - Herausforderung oder Überforderung?" herausgegeben. Die Studie analysiert die finanziellen Erwartungen der jungen Generation, bundesweit wurden 2500 Personen befragt. Das Buch zur Studie ist soeben im Campus-Verlag erschienen.

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Klaus Hurrelmann: "Es sind viel zu kleine Beträge, die von einem viel zu kleinen Anteil der jungen Menschen in die zusätzliche Altersversicherung eingezahlt werden."

(Foto: online.sdepolitik)

sueddeutsche.de: Herr Professor Hurrelmann, die Jugend legt zu wenig Geld zurück. Warum ist Altersvorsorge so wenig sexy?

Klaus Hurrelmann: Das war schon immer so. In diesem Lebensabschnitt müssen viele Entwicklungsaufgaben geklärt werden. Man muss sich von seinen Eltern ablösen, ausziehen, seinen eigenen Weg in das Berufsleben finden, eine eigene Familie gründen und zentrale Werte finden - das ist eine lange Latte von Aufgaben. Wo soll da die Energie herkommen, 40 Jahre vorauszudenken und sich Gedanken zu machen, was passiert, wenn man in Rente geht? Wenn man aus dem Erwerbsleben wieder heraus ist, in das man möglicherweise noch gar nicht richtig eingetreten ist?

sueddeutsche.de: Wie sieht die finanzielle Absicherung der Jugend aus? Wo gibt es Lücken, wo liegen Wissensdefizite?

Hurrelmann: Das ist die erste Alterskohorte, die voll von der Veränderung der Rentenfinanzierung getroffen wird. Wenn diese jungen Menschen das Pensionsalter erreichen, werden sie eine Rente von 45 bis 46 Prozent der letzten Bruttobezüge erhalten. Das reicht nicht. Es ist eine junge Generation, die von den teilweise neu eröffneten Finanzierungsmöglichkeiten unbedingt Gebrauch machen muss.

sueddeutsche.de: Was heißt das konkret?

Hurrelmann: Sie muss zum Beispiel betriebliche Altersversorgung zusätzlich mit ins Programm nehmen und auch eine private Altersversorgung.

sueddeutsche.de: Wie viel Geld wird derzeit von der jungen Generation überhaupt beiseitegelegt - und wie viel wäre nötig?

Hurrelmann: Die Tendenz ist klar: Es sind viel zu kleine Beträge, die von einem viel zu kleinen Anteil der jungen Menschen in die zusätzliche Altersversicherung eingezahlt werden. Rund 15 Prozent der jungen Leute sichern sich einigermaßen ab, die anderen alle nicht.

sueddeutsche.de: Welche Rolle spielt Bildung?

Hurrelmann: Die 15 Prozent sind sehr gebildet, stecken in guten Berufen und haben auch schon einen recht guten Verdienst. Die Problemfälle gehören nicht dazu - jene mit wahrscheinlich unterbrochenen Arbeitsverträgen, nicht so hohen Einkünften, eher schlechter beruflicher Ausbildung sowie einer gewissen Unsicherheit der Berufsführung. Wenn sich nichts ändert, werden diese jungen Leute auf sehr große Schwierigkeiten zusteuern. Man kann klar sagen, und zwar ohne zu dramatisieren, dass die Mehrheit der jungen Leute von Altersarmut betroffen sein wird. Wenn sie selbst nichts daran ändern, dann ist es auch eine staatlich-politische Aufgabe, hier einzugreifen.

sueddeutsche.de: Altersarmut betrifft heute hauptsächlich Frauen. Gilt das auch für die Zukunft?

Hurrelmann: Nein, das kann man nicht sagen. Wenn wir jetzt mit der Perspektive der Metall-Rente-Studie 2010 rund 35 bis 40 Jahre vorausschauen, dann trifft es die Männer genauso wie die Frauen. Der Anteil der berufstätigen Frauen wird weiter gestiegen sein - und möglicherweise haben sich die Einkommen von Männern und Frauen endlich mal aneinander angeglichen.

sueddeutsche.de: Die junge Generation setzt stark auf: Konsum jetzt. Sind ihr die Defizite der eigenen Altersvorsorge bewusst?

Hurrelmann: Die jungen Leute, die wir befragt haben, wissen über die Schwierigkeit. Die Mehrheit ist sich bewusst, dass sie etwas für ihre Altersversorgung machen muss. Das hat es in dieser Klarheit bisher nicht gegeben, das ist schon ganz bemerkenswert.

sueddeutsche.de: Woran hapert's dann?

Hurrelmann: Sie sind überfordert von den sehr komplizierten Regeln und Vorschriften - und vor allem durch die Tatsache, dass sie die Initiative ergreifen müssen. Die Zusatzrente, die neben der staatlichen Rente notwendig wird, muss in ihren Konstruktionen vereinfacht werden. Sie müsste von einem Betrieb oder von anderen Anbietern automatisch angeboten werden. Heute ist es umgekehrt. Man muss sich aktiv bemühen - und das überfordert ganz offensichtlich die Mehrzahl der jungen Leute.

sueddeutsche.de: Obwohl zu wenige an ihre Zeit als Rentner denken: Wer sorgt besser vor - junge Frauen oder junge Männer?

Hurrelmann: Da haben wir keinen großen Unterschied festgestellt. Die jungen Frauen machen sich allerdings mehr Sorgen. Sie sind ängstlicher. Man kann sagen: Sie sind sich der krisenhaften problematischen Ausgangssituation noch um einige Grade stärker bewusst, als es die jungen Männer sind. Daraus folgt aber auch bei ihnen nicht, dass sie in einem höheren Ausmaß faktisch schon Schritte einleiten, um sich für später abzusichern.

sueddeutsche.de: Viele Eltern - so scheint es - hatten es leichter: Sie absolvierten in einem Betrieb eine Lehre und blieben dort im Idealfall bis zur Rente. Wie sehr erschweren die äußeren Bedingungen das Auseinandersetzen mit der eigenen Finanzlage und der Altersvorsorge?

Hurrelmann: Es ist für die Hälfte der jungen Leute schwerer als das bei der eigenen Eltern-Generation war - so hoch ist heute der Anteil von befristeten Arbeitsverträgen. Das haben die Eltern der heute 17- bis 27-Jährigen in diesem Ausmaß nicht erlebt, das ist ein gewaltiger Unterschied.

sueddeutsche.de: Wie ist es um die wirtschaftliche und finanzielle Kompetenz der jungen Generation generell bestellt? Seit dem Crash der Investmentbank Lehman im September 2008 ist die Wirtschaftswelt eine andere - wird das registriert?

Hurrelmann: Ja. Aber unsere Studie hat auch ganz klar offengelegt: Die Basiskompetenz, komplizierte Transaktionen und dann auch finanzielle Absicherungen im Laufe des Lebens genau einzuschätzen, lässt sehr zu wünschen übrig. Es gibt für die ganze Bevölkerung ein finanzielles Analphabetentum - das gilt leider auch völlig uneingeschränkt für die jüngere Generation.

sueddeutsche.de: Haben die Schulen versagt?

Hurrelmann: Bisher kommt das Wissen über wirtschaftliche Zusammenhänge von Eltern und Freunden. Oder es ist selbst recherchiert im Internet. Das zeigt: Wir haben einen enormen Nachholbedarf! Das ist eine große Herausforderung an das pädagogische System und konkret an die Schulen.

sueddeutsche.de: Ist die Zeit reif für das Pflichtfach Wirtschaft?

Hurrelmann: Das Fach Wirtschaft gehört in den Kanon jeder Schule voll mit hinein, auch in der Grundschule. Ansatzpunkte gibt es überall, wie zum Beispiel der Sachkundeunterricht in der Grundschule. Aber das ist zu schwach, wie unsere Bestandsaufnahme gezeigt hat. Das muss dringend intensiver entwickelt werden. Vielleicht könnte man die Ökonomie zu einem modernen Fach machen, wo themen- und problembezogen gearbeitet wird. Schüler müssten lernen, wie eine Firma, eine Bank und ein Wirtschaftssystem funktionieren - auch durch Projektarbeit und Schülerfirmen. Das gibt es alles bereits in kleinen Ansätzen, aber das muss dringend ausgebaut werden - auch, weil es zu einer wirtschafsintensiven Gesellschaft gehört. Der Bruch zwischen der Schule als pädagogische Institution und der Außenwelt ist zu krass.

sueddeutsche.de: In Norddeutschland haben kürzlich Vertreter der Bundeswehr in einer Schule massiv für die Truppe geworben. Gestalten demnächst Allianz, Deutsche Bank und Daimler den Unterricht an den Schulen mit?

Hurrelmann: Es wäre völlig kontraproduktiv, wenn Schulen solche Unternehmen einladen und die ihre Geschäftsmodelle vorstellen würden. Das kann nicht gutgehen. Es kann auch kein Bankmanager in seinem Dienstwagen vorgefahren werden, damit der eine einstündige Rede hält, ein Buffet spendiert und seine Visitenkarte hinterlässt. Das wären Zerrbilder. Wir brauchen das Gebiet Wirtschaft/Finanzen/Politik - und kompetente Lehrkräfte hierfür. Parteiische, werbemäßige, marketingmäßige Strategien führen nicht weiter. Die Schule bestimmt den Unterricht!

sueddeutsche.de: Ein Ergebnis Ihrer Studie ist, dass die Jugend insgesamt optimistisch eingestellt ist - und zwar trotz Wirtschafts- und Finanzkrise. Woher kommt dieser Optimismus? Hat die junge Generation die Wirtschafts- und Finanzkrise und vor allem deren Konsequenzen kapiert?

Hurrelmann: Das habe ich mich auch gefragt. Ja, sie hat das kapiert. Sie kennt die Tragweite. Die jungen Leute wissen, was passiert ist und dass das dramatisch war. Aber wir haben wirklich das Ergebnis, dass diese junge Generation glaubt, sie kommt schon durch. Das ist vielleicht jugendlicher Übermut und ein jugendtypischer Optimismus. Aber normalerweise ist dahinter eine Witterung, und so würde ich das auch hier interpretieren: Es ist die Witterung der Großwetterlage, dass es für die junge Generation nicht negativ ausgeht und dass man eine Chance hat.

sueddeutsche.de: Ist die positive Wahrnehmung stärker als der Angstfaktor Arbeitslosigkeit?

Hurrelmann: Das hält sich beides die Waage. Es gehört auch beides zusammen. Die letzte Shell-Studie hat gezeigt: Rund 50 Prozent haben Angst vor Arbeitslosigkeit. Und die Metall-Rente-Studie zeigt: Die Ängste sind immer gekoppelt mit der Perspektive: "Ich selbst werde das schon schaffen!"

sueddeutsche.de: Im Vorwort der Studie heißt es, es handele sich um "die bisher gründlichste, systematischste und umfassendste Untersuchung zum Thema Jugend, Vorsorge und Finanzen". Tiefstapeln ist nicht Ihr Ding, oder?

Hurrelmann: Nö, es trifft ja zu. Noch nie hat jemand so etwas gezielt und in solch einer neutralen und repräsentativen Untersuchung gemacht.

sueddeutsche.de: Wann haben Sie persönlich angefangen, sich ganz bewusst um das Thema Altersvorsorge zu kümmern?

Hurrelmann: Während meines Studiums habe ich zum ersten Mal daran gedacht, aber ich hatte das Geld dafür nicht. Ich habe dann mit Mitte 20 - mit meinem allerersten Geld - einen Bausparvertrag abgeschlossen (lacht). Da habe ich später noch gestaunt, wie früh das war. Und ich habe mich für Fonds interessiert, die Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre entstanden. Aber ich muss sagen: Unter dem Gesichtspunkt Altersvorsorge habe ich das nicht gemacht. Für mich stand im Vordergrund, einen Puffer für die nächsten zehn, 15 Jahre anzulegen.

sueddeutsche.de: Experten raten häufig vom klassischen Bausparvertrag ab. Wie ist Ihr Geldanlagetipp für junge Leser?

Hurrelmann: Mein eigenes Beispiel mit dem Bausparvertrag zeigt den Weg. Junge Leute sollten solche Anlageformen wählen, die sie selbst verstehen und die ihnen sinnvoll für den unmittelbar vor ihnen stehenden Lebensabschnitt erscheinen. Angebote für die Alterversorge hingegen, so wünsche ich mir das, sollten eher von den Unternehmen kollektiv an sie herangetragen werden.