Von Caspar Dohmen

Immer mehr Deutsche tappen in die Schuldenfalle: 7,2 Millionen Bundesbürger gelten als verschuldet. Doch die regionalen Unterschiede sind groß.

Ein Ende der wirtschaftlichen Misere der privaten Haushalte in Deutschland ist nicht in Sicht. Mittlerweile sei mehr als jeder zehnte Bürger über 18 Jahren überschuldet, sagte Helmut Rödl, Vorstand des Wirtschaftsauskunfts-Dienstleisters Creditreform bei der Vorstellung des "Schuldner Atlas Deutschland 2006" am Donnerstag in Düsseldorf.

Anzeige

Bei überschuldeten Personen übersteigen die laufenden Ausgaben dauerhaft die Einnahmen. Die Schuldnerquote sei trotz des anhaltenden konjunkturellen Aufschwungs gegenüber dem Vorjahr von 10,43 Prozent auf 10,68 Prozent gestiegen. Allerdings habe das Tempo der Überschuldung abgenommen, sagte Rödl.

Eine gefährliche Entwicklung sieht er durch die Ballung zahlungsunfähiger Haushalte in krisengeschüttelten Städte. Hier entstünden "Schuldenghettos" mit all ihre negativen Konsequenzen wie politischer Lethargie der Bewohner.

Schlusslicht Bremerhaven

Die Schuldnerquote bei dem Schlusslicht Bremerhaven ist mit 20,68 Prozent fast fünfmal so hoch wie bei dem Spitzenreiter, dem oberbayerischen Landkreis Eichstätt mit 4,16 Prozent.

Dabei geht die Schere zwischen Gebieten mit wenigen und vielen Schuldnern auseinander. Die Überschuldungsstrukturen drohten sich zu verfestigen. Allerdings haben Kommunen durchaus Spielraum, so habe sich die Situation in einigen krisengeschüttelten Ostberliner Stadtteilen verbessert.

Einen wesentlichen Grund dafür sieht Rödl in der Schuldnerberatung - Berlin habe auf Kürzungen bei der Beratung verzichtet. Studien zeigten, dass Ausgaben für die Schuldnerberatung weitaus höhere Einnahmen zur Folge hätten.

Rödl bemängelt deshalb die langen Wartezeiten für ratsuchende Schuldner. Somit werde häufig viel zu spät auf die Abwärtsspirale reagiert. Insgesamt führt die Verschuldung von Haushalten immer häufiger zu einer Überschuldung und anschließend zur Verarmung von Menschen.

Auch in den nächsten Jahren erwartet Creditreform eine Verschlechterung der Situation. Eine Trendwende sei nur dann möglich, wenn die Arbeitslosenzahl deutlich sinke. So gebe es in den Nachbarländern wie den Niederlanden oder Belgien mit ihrer höheren Beschäftigung deutlich weniger überschuldete Haushalte als in Deutschland.

Insgesamt sind den Zahlen zufolge im Westen Deutschlands rund 5,9 Millionen Menschen überschuldet, im Osten 1,3 Millionen Menschen. Im Westen stehen die Schuldner mit 10.000 bis 50.000 Euro in der Kreide, im Osten dagegen nur mit 2500 bis 10.000 Euro.

Laut einer Untersuchung, die Sozialverbände in diesem Jahr vorgestellt haben, steht vor allem in den neuen Bundesländern der Verlust des Arbeitsplatzes am Anfang der Geldnöte.

Creditreform-Vertreter Rödl sagte, angesichts der mit der Globalisierung verbundenen Arbeitsplatzverlagerung dürften Arbeitslosigkeit und Einkommensarmut die Hauptauslöser von Überschuldungsprozessen bleiben. Weitere wichtige Auslöser sind die Trennung vom Partner, eine gescheiterte Selbständigkeit, aber auch mangelhaftes Finanzwissen.

Zu großzügige Banken

Von Überschuldung waren laut Creditreform bisher vorrangig ärmere Haushalte betroffen. Zusehends könnten Haushalte aus der Mittelschicht nicht mehr ihren Verpflichtungen nachkommen.

Dies liege auch daran, dass Verbraucher häufiger auf Pump konsumierten und teils riskante Kredite eingehen würden. Solche Verhaltensweisen förderten die Banken durch die großzügige Ausgabe von Konsumentenkrediten. Schon heute summierten sich die notleidenden Konsumentenkredite in Deutschland auf 30 Milliarden Euro.

Rödl riet den Banken, hier zurückhaltender zu sein. Er bemängelte zudem die Diskrepanz zwischen der freigiebigen Vergabe von Krediten an Lohnempfänger und der restriktiven Handhabung bei Selbständigen. Auf Pump lebten auch immer mehr jungen Menschen.

Leser empfehlen 

(SZ vom 03.11.2006)