Erdbeben in Japan Sorge um Japans Wirtschaft erfasst Finanzmärkte

Das schwere Beben in Japan schockt die Börsen. Nikkei und Yen verlieren, die Aktien der Rückversicherer sind weltweit unter Druck. Die Anleger fürchten neben den Unruhen in der arabischen Welt und hohen Ölpreisen einen weiteren Krisenschauplatz.

Das Erdbeben in Japan belastet die Finanzmärkte und legt Japans Wirtschaft vorübergehend lahm.

Mehrere Atomkraftwerke und Ölraffinerien wurden abgeschaltet, Millionen Menschen sind von Stromausfall betroffen. Sony, einer der größten Exporteure des Landes, schloss einem Agenturbericht zufolge sechs Fabriken. Nach Angaben von Reedern wurden alle Häfen in Japan geschlossen, der Flug- und Bahnverkehr ist teilweise eingeschränkt weil es Schäden an Flughäfen und Bahnstrecken gibt. Auch der Nahverkehr in Tokio ist teilweise lahmgelegt.

Der Nikkei-Index an der Tokioter Börse rutschte um 1,72 Prozent auf 10.254,43 Punkte ab. Der breiter gefasste Topix-Index verlor 1,42 Prozent und schloss bei 930,84 Punkten.

Der Betrieb an der Börse lief zwar während des Bebens weiter, aber die Anleger wollten ihr Risiko reduzieren - als sicher geltende Staatsanleihen verbuchten einen Kurssprung. Der Yen dagegen geriet stark unter Druck. Die japanische Währung fiel nach dem Beben gegenüber dem Dollar auf ein Tagestief von 83,29 Yen.

Das Beben ereignete sich gerade mal eine Viertelstunde vor Handelsschluss in Tokio, als das Ausmaß der Schäden noch nicht feststand. Die Prognosen für die Entwicklung an den Finanzmärkten des Landes sind düster. In Singapur gehandelte Futures auf den Nikkei-Index - Finanzwetten auf die künftige Entwicklung - fielen inzwischen unter 10.000 Punkte.

Aus dem Finanzministerium hieß es, die Fiskalpolitik dürfe die Rettungsbemühungen nicht behindern. Zudem würden die Folgen für Staatsanleihen und Finanzmärkte genau beobachtet. Die japanische Notenbank will "alles tun, um Stabilität an den Finanzmärkten zu bewahren und Liquidität bereitzustellen".

"Es sieht schrecklich aus"

Auch erste Analysten haben sich zu den Folgen des schweren Bebens geäußert. Tim Condon, ING-Chefvolkswirt für Asien: "Ich denke, die Bank of Japan wird in ihrer Reaktion eher zurückhaltend sein. Dies hat sich bei dem Erdbeben in Kobe gezeigt. Ob die Talfahrt am Aktienmarkt weitergehen wird, ist schwer zu sagen. Die Aktien von Baufirmen könnten stark davon profitieren."

Tsutomu Yamada, Marktanalyst von kabu.com Securities, schätzt die Lage so ein: "Die Schäden lassen sich noch nicht beziffern, aber für die nordjapanische Wirtschaft sieht es schrecklich aus. Die Regierung muss schnell handeln und Hilfspakete ankündigen, die Zentralbank sollte mehr Geld in die Wirtschaft pumpen. Dieses Beben könnte Japans Gesamtwirtschaft genau in dem Moment belasten, als sie erste Anzeichen einer Erholung zeigte."

"Die Aktien werden voraussichtlich am Montag weiter fallen, vor allem die Titel von Firmen, die Werke in dem Gebiet haben. Dennoch wird die Talfahrt voraussichtlich von kurzer Dauer sein, genau wie nach dem Erdbeben in Kobe 1995", sagte Mitsushige Akino, Fondsmanager bei Ichiyoshi Investment Management. "Das Zentrum des Bebens war weit von Tokio entfernt, deshalb wird es voraussichtlich die Gesamtwirtschaft nicht so stark belasten."

Yasuo Yamamoto, Volkswirt beim Mizuho Research Institute, blickt voraus: "Das Beben wird die Regierung sicherlich zu einem Nothaushalt veranlassen. In diesem Fall müsste sie mehr Anleihen verkaufen. Weil die Zinsen bereits so niedrig sind, kann die Bank of Japan die Zinsen nicht weiter senken. Sie wird sich auf die Bereitstellung von Liquidität konzentrieren, womöglich durch die Ausweitung von Marktoperationen. Im Norden des Landes gibt es Auto- und Halbleiterwerke, deshalb werden die Schäden wirtschaftliche Folgen haben. Der Konsum wird voraussichtlich fallen, dies könnte vorübergehend die Wirtschaftsleistung drücken."

Auch die europäischen Aktienmärkte sind mit klaren Verlusten gestartet. Der Leitindex der Eurozone EuroStoxx 50 verlor zum Handelsbeginn 0,90 Prozent auf 2883,45 Punkte, der Londoner FTSE 100 fiel um 0,49 Prozent auf 5816,78 Punkte. Der Pariser Leitindex Cac 40 rutschte um 0,90 Prozent auf 3928,17 Punkte ab. Auch der Deutsche Aktienindex (Dax) hat schwach eröffnet.

In Europa rutschten vor allem die Versicherungswerte ab. Die Aktien des weltgrößten Rückversicherers Munich Re sackten am Morgen im Dax um 4,63 Prozent auf 111,35 Euro ab, und die Papiere des Konkurrenten Hannover Rück büßten im MDax 4,41 Prozent auf 39 Euro ein. Da alle großen Rückversicherer in Japan aktiv seien, rechne er weiter mit deutlich negativen Kursreaktionen, sagte ein Börsianer.

Auch für New York Verluste erwartet

Aktien des Versicherers Allianz büßten 1,91 Prozent ein. An der Schweizer Börse verlor Munich-Re-Konkurrent 5,32 Prozent auf 50,75 Franken. Zurich Financial Services (ZFS) fielen als schwächster Wert im Stoxx Europe 50 zeitweilig 1,91 Prozent. Händler rechnen auch an der weltgrößten Börse in New York mit Verlusten.

Munich Re, der weltgrößte Rückversicherer, und Hannover Rück haben auch in Japan Kunden gegen Naturkatastrophen versichert. Inwieweit sie für die Schäden geradestehen müssen, konnten Sprecher der Unternehmen am Freitagmorgen noch nicht sagen: Für Schadenschätzungen sei es noch zu früh. Bei großen Naturkatastrophen dauert es oft Wochen, bis Rückversicherer ihre eigene Belastung einschätzen können. Die Finanzmärkte sind ohnehin unter Druck.

Die japanischen Börsen litten schon vor dem Beben unter schwachen Vorgaben der Wall Street - Sorgen um die Entwicklung der Weltwirtschaft hatten den Dow-Jones-Index unter 12.000 Punkte gedrückt. "Der hohe Ölpreis, die ungelöste europäische Schuldenkrise und jetzt noch das Erdbeben in Japan - das alles zusammen belastet die Stimmung der Investoren ordentlich", sagte ein Händler in Frankfurt.

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