Sex-Affäre: IWF-Chef festgenommen Französin will gegen Strauss-Kahn klagen

Eigentlich sollte sich IWF-Chef Strauss-Kahn gemeinsam mit den EU-Finanzministern um Portugal und Griechenland kümmern - jetzt muss er seine eigene Haut retten. In Frankreich kocht unterdessen noch eine alte Affäre hoch.

Der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, wehrt sich gegen die Vorwürfe der sexuellen Belästigung eines New Yorker Zimmermädchens. Der 62-Jährige werde "energisch" gegen die Anschuldigungen vorgehen, sagte sein Anwalt Benjamin Brafman am Sonntagabend. Strauss-Kahn verließ das Polizeirevier anschließend in Handschellen.

Sein Mandant weise jegliches Fehlverhalten von sich, sagte Brafman. Ein weiterer Anwalt, William Taylor, sagte Journalisten, die Anwälte hätten zugestimmt, dass Strauss-Kahn erst am Montagmorgen (Ortszeit) dem Haftrichter vorgeführt werde. Dies sei darauf zurückzuführen, dass die Polizei weitere Beweise sichern wolle. Die Polizei will den IWF-Chef auf DNA-Spuren untersuchen. Strauss-Kahn habe einer Untersuchung "bereitwillig" zugestimmt, sagte Taylor.

Strauss-Kahn beauftragte mehrere Anwälte mit seiner Verteidigung. Zunächst war unklar, ob der IWF-Chef diplomatische Immunität genieße, später erklärte ein Polizeisprecher, dies sei nicht der Fall. Strauss-Kahn verließ das Polizeirevier am Abend nach 30 Stunden in Gewahrsam in Handschellen, wie ein AFP-Korrespondent berichtete. Er wurde zu einem Polizeiauto und anschließend zu einem unbekannten Ziel gebracht. Der IWF-Chef sei müde, aber es gehe ihm soweit gut, sagte Taylor.

Dem Franzosen werden versuchte Vergewaltigung, sexuelle Belästigung und Freiheitsberaubung eines Zimmermädchens vorgeworfen. Die 32-jährige Hotelangestellte sagte laut Polizei aus, Strauss-Kahn habe sie bedrängt, als er nackt aus der Dusche gekommen sei. Nach Angaben des Fernsehsenders MSNBC soll er sie zum Oralsex gezwungen haben. Die Strauss-Kahn zur Last gelegten Delikte - versuchte Vergewaltigung, sexuelle Belästigung und Freiheitsberaubung - können in den USA mit bis zu 20 Jahren Gefängnis bestraft werden.

Bei dem mutmaßlichen Opfer handelt es sich nach Polizeiangaben um eine schwarze Frau, die seit drei Jahren in dem Hotel der Sofitel-Kette nahe des Times Square in Manhattan arbeitet, wo es am Samstag zu dem Übergriff gekommen sein soll. Bei einer Gegenüberstellung bei der Polizei habe die Frau Strauss-Kahn eindeutig identifiziert, hieß es.

Der IWF-Chef war am Samstagnachmittag auf dem New Yorker John-F.-Kennedy-Flughafen wenige Minuten vor dem Abflug nach Paris von US-Beamten in einer Air-France-Maschine festgenommen worden. Zuvor soll er das Hotel überstürzt verlassen und unter anderem sein Handy zurückgelassen haben. Polizeisprecher John Grimpel sagte, die Beamten seien Strauss-Kahn auf die Spur gekommen, nachdem dieser kurz vor dem Abflug im Hotel angerufen habe, um nach seinem Handy zu fragen. Er habe den Hotelangestellten dann gesagt, wo er sei, damit sie ihm das Handy bringen könnten.

Strauss-Kahns Ehefrau erklärte in einer Stellungnahme, sie glaube an seine Unschuld. Seine politischen Weggefährten und Parteikollegen in Frankreich reagierten schockiert auf die Nachricht der Festnahme. "Der Vorfall kommt zu einem schlechten Zeitpunkt", sagte auch Sony Kapoor, Chef des Forschungsinstitutes Re-Define. "Der IWF ist die leistungsstärkste Institution, wenn es um die dringenden Schuldenprobleme der Eurozone geht."

Strauss-Kahn ist seit November 2007 Direktor des 186 Mitgliedstaaten zählenden Internationalen Währungsfonds, die über die Stabilität des internationalen Finanzsystems wacht. An diesem Montag sollte er sich mit den europäischen Finanzministern und der Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) in Brüssel treffen, um über ein 78 Milliarden Euro schweres Hilfspaket für Portugal und die Zukunft Griechenlands zu diskutieren. Der IWF erklärte, trotz der Vorwürfe gegen Strauss-Kahn bleibe er "vollkommen handlungsfähig". Der stellvertretende IWF-Chef, John Lipsky, vorerst die Geschäfte übernehmen werde. Nach Brüssel zum Treffen der EU-Finanzminister werde Nemat Shafik reisen, der für die Arbeit des IWF in verschiedenen europäischen Ländern zuständig sei.

"DSK ist nur ein Bauer oder Läufer" im Euro-Schachspiel, sagte indes David Buik vom Brokerhaus BGC Partners in London. Schließlich sei Strauss-Kahn als "amtierender Direktor" Vorsitzender von 24 IWF-Direktoren, die ihre Entscheidungen auf Grundlage von Expertenberichten träfen.

Marco Valli, Chefvolkswirt für die Eurozone bei der UniCredit erklärte, er rechne auch nach der Festnahme Strauss-Kahns mit einem zweiten Rettungspaket für Griechenland. Nur weil der IWF-Chef persönliche Schwierigkeiten habe, werde Griechenland nicht allein gelassen. Möglicherweise habe der Vergewaltigungsvorwurf gegen Strauss-Kahn Einfluss auf den Zeitrahmen, letztendlich aber keine weiteren Auswirkungen.

Der Sprecher der griechischen Regierung spielte die Festnahme Strauss-Kahns ebenfalls herunter. Die griechische Regierung verhandele mit Institutionen, nicht mit Einzelpersonen, und fahre unbeeinträchtig mit der Umsetzung des Programms fort, mithilfe dessen Griechenland aus der Krise komme, erklärte Giorgos Petalotis.

Nach Angaben der Bundesregierung ist der IWF trotz der Verhaftung seines Präsidenten voll funktionsfähig. Das betonte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin. Zugleich sagte er, dass ein möglicher Wechsel an der IWF-Spitze nichts daran ändern würde, dass die Bundesregierung die Kandidatur des italienischen Notenbankers Mario Draghi als neuer EZB-Präsident unterstützt. Seibert warnte vor Vorverurteilungen Strauss-Kahns. Man warte nun auf eine Klärung durch die New Yorker Justiz. Deshalb sei eine Debatte über mögliche Nachfolger verfrüht. "Europa hat kein Abonnement auf diesen Chefessel", betonte Seibert. Angesichts der Krise in der Eurozone und der wichtigen Rolle des IWF dabei "spricht allerdings aus Sicht der Bundesregierung doch einiges dafür, dass es einen guten europäischen Kandidaten gibt".

In Frankreich kocht im Zusammenhang mit den aktuellen Vorwürfen eine alte Affäre um IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn hoch: Eine Journalistin will den 62-Jährigen wegen eines sexuellen Übergriffs vor neun Jahren verklagen. Das teilte der Anwalt der 31-Jährigen der Nachrichtenagentur AFP am Montag mit.

Die junge Frau ist nach französischen Medienberichten Patenkind von Strauss-Kahns zweiter Ehefrau und eine gute Freundin von Strauss-Kahns Tochter Camille. Die Mutter der 31-Jährigen ist eine Abgeordnete der sozialistischen Partei PS, der auch Strauss-Kahn angehört. Sie bedauerte kürzlich, dass sie ihre Tochter damals von einer Klage gegen Strauss-Kahn abgehalten habe. "Meiner Tochter ging es sehr schlecht. Aber es wäre aus familiären Gründen zu heikel gewesen", sagte sie der Zeitung Paris Normandie.

Die junge Frau hatte 2007 in einem Fernsehinterview von dem Vorfall berichtet. Der Name Strauss-Kahn war jedoch mit einem Pfeifton unkenntlich gemacht worden. Nach der Schilderung der Journalistin hatte sie den Politiker getroffen, um mit ihm über ihr erstes Buch zu sprechen. Er habe sie zu vergewaltigen versucht, es sei zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen.

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