Von Ulrike Sauer

Kreditkrise und Rezession treiben klamme Italiener ins Schattenreich illegaler Geldverleiher. Die pressen ihren Opfern bis zu 300 Prozent Zinsen ab.

Es kam schon immer in ganz normalen Familien vor. Die viel beschäftigte Tante Rosa etwa holte in ihrer langen Hebammenkarriere Tausende kleine Römer auf die Welt. Das Honorarkonto füllte sich beständig, doch ihr Mann verlegte sich irgendwann auf Pferdewetten.

Italien Toskana, dpa

Italien, ein Postkartenidyll (hier die Toskana) - das gilt nur noch zum Teil. In Zeiten der Rezession blühen im Land vor allem Wucher und der illegale Geldverleih. (© Foto: dpa)

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Das ging schief, und man wandte sich an private Geldverleiher, von denen es in Italien wimmelt. Bei ihnen gibt es in 24 Stunden Kredit, ohne einem Bankangestellten die familiären Verhältnisse offenlegen zu müssen. Tante Rosa kam mit einem blauem Auge davon.

Onkel Carlo, Besitzer eines römischen Bekleidungsgeschäfts, verlor alles. Er hatte sich mit seinen Ausgaben übernommen und war in der Geldnot an die Falschen geraten. Die Wucherer zogen ihn aus bis aufs letzte Hemd. Das Geschäft, zwei Eigentumswohnungen, das Auto - alles ist weg.

Steigt die Nachfrage, wächst das Angebot

Seit Generationen schon blüht das illegale Kreditgeschäft auf der Apenninenhalbinsel. Nun aber treiben Kreditkrise und Rezession Scharen von Italienern in die Schuldenfalle und damit den Wucherern in die Arme. Mit der globalen Bankenkrise, so die Sorge südlich der Alpen, brachen goldene Zeiten für verbrecherische Geldverleiher an.

"Wir befinden uns in einem Moment, in dem es wesentlich an Liquidität mangelt. Wer heute über liquide Mittel verfügt, wie die Wucherer, der macht goldene Geschäfte", sagt Lino Busà, Präsident der Schutzvereinigung SOS Unternehmen.

Das Geschwür breitet sich so an Stellen aus, an denen man es nicht vermutete. Auch die Branche der Kredithaie gehorcht den Regeln des Marktes: Wo die Nachfrage wächst, zieht das Angebot rasch nach.

Enorm hohe Dunkelziffer

Gesicherte Angaben aus der finanziellen Schattenwelt gibt es kaum. Traditionell erreichen private Darlehen in Italien ein hohes Volumen. Das staatliche römische Forschungsinstitut Cnel schätzte es in normalen Zeiten auf 12,5 Milliarden Euro.

Im Dschungel bankferner Finanzvermittler machte die italienische Zentralbank 2000 Firmen aus. Erst im April zeigte sie zusammen mit der Finanzpolizei 225 dieser Finanzierungsgesellschaften bei der Staatsanwaltschaft in Rom an. Oft führten rechtskräftig verurteilte Wucherer und Betrüger die aufgefallenen Firmen.

Nach offiziellen Erhebungen haben die Würger 150.000 Italiener in ihren Klauen. Sie pressen ihren Opfern Zinsen bis zu 300 Prozent ab. Die Dunkelziffer gilt als enorm hoch. So wurden 2008 nur 505 Anzeigen gegen die Peiniger erstattet, gibt der Händlerverband Confcommercio zu bedenken.

Scham erfüllt die Geprellten. Die blanke Angst vor brutalen Repressalien verschließt den Opfern den Mund. Die Handwerkerkammer CGIA schätzte den Umsatz der Würgerbranche 2007 auf 15 bis 20 Milliarden Euro.

Pfarrer Peppino Gambardella aus Pomigliano bei Neapel zog kürzlich mit einer Delegation von Fiat-Arbeitern zum Papst nach Rom auf den Petersplatz. Seit Monaten leben die Familien von 5500 Kurzarbeitern im Alfa-Romeo-Werk des Turiner Autokonzerns von monatlich 750 Euro staatlicher Unterstützung. "Wir haben Angst, dass diese neue Armut den Wucher und die Kleinkriminalität erhöht", sagt der Pfarrer.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Tradition das Leihgeschäft in Italien hat - und wie die Regierung auf die Ausbreitung des Wuchers reagiert.

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