Thomas Rusche ist nicht nur führender Herrenausstatter in Deutschland - sondern auch Kunstliebhaber. Schon seit seiner Kindheit sammelt er Bilder und führt damit die Familientradition fort - einige hundert Gemälde ist die Sammlung stark.
SZ: Herr Rusche, Sie waren gerade auf der Kunstmesse in Maastricht. Haben Sie etwas erstanden?
Anzeige
Rusche: Eine flämische Landschaft von Gillis Peeters (1636) und ein holländisches Kircheninterieur von Daniel de Blieck (1654)
SZ: Warum sammeln Sie?
Rusche: Ich bin mit Kunst groß geworden. Sammeln ist Teil meines Lebensgefühls. Ich habe meine Eltern schon mit vier Jahren zur Kunstmesse nach Delft begleitet. In Maastricht bin ich seit 1975 ununterbrochen dabei. Keiner hat mein Kunstempfinden so früh und stark geprägt wie mein Vater.
Englische Schabkunstblätter und Kupferstiche habe ich mir bereits vom Taschengeld gekauft, da war ich neun, zehn Jahre alt, mit 14 dann in Berlin in der Keithstraße ein Aquarell vom Düsseldorfer Künstler Andreas Achenbach. Es war eine Hafenszene.
SZ: Wie groß ist Ihre Sammlung?
Rusche: Ohne Möbel, Kleinkunst und Grafiken sind es einige hundert Gemälde.
SZ: Kennen Sie den Wert?
Rusche: Nein. Für den passionierten Sammler ist der finanzielle Wert unerheblich. Jeder beurteilt ihn ohnehin anders.
SZ: Ist sie der Öffentlichkeit zugänglich?
Rusche: Die Sammlung ist zu einem großen Teil wissenschaftlich bearbeitet und zu den verschiedenen Katalogen gibt es Ausstellungen in Museen im In- und Ausland.
SZ: Welche Künstler sammeln Sie?
Rusche: Wir sammeln Kunst seit vier Generationen: Anfänglich waren es Tauschgeschäfte. Mein Urgroßvater war Textilhändler und hat den Grundstein unserer Handelskette gelegt. Wer kein Geld hatte, beglich seine Schuld mit Bildern, Zinnkannen oder Möbeln.
Alte Gemälde sammeln wir seit drei Generationen, seit zwei Generationen die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts, Künstler wie David Teniers, Jan van Goyen, Abraham van Beyeren und andere aus dem Dunstkreis von Rembrandt, Rubens und van Dyck, insgesamt etwa 10.000 Maler.
Die alten Niederländer sammle ich nach wie vor. Seit einigen Jahren kaufe ich aber auch zeitgenössische deutsche Kunst, Werke von Ruprecht von Kaufmann, Gabi Hamm oder Herbert Volkmann.
SZ: Warum haben Sie mit zeitgenössischer Kunst angefangen?
Rusche: Ähnlich der Philosophie hat die Kunst mehr als hundert Jahre alles Überlieferte in Frage gestellt. Es ging so weit, dass schon der Tod der Malerei verkündet wurde. Sie schien im Zeitalter der Fotografie und Videotechnik überflüssig geworden zu sein.
Die Malerei zog sich auf die Expression des Künstlers zurück, der seine Gefühle auf die Leinwand wirft ohne Bezug zu den Idealen und realen Problemen des Lebens. Die Jahrzehnte der Auflösung von Figur und Raum und der Dekonstruktion von Tradition und Sinngehalten mündeten in einem Gefühl der Leere, die jetzt in eine neue Suche nach dem umschlägt, was im Leben Wert und Bestand hat.
Das zeigt sich auch in der Malerei, die den Alltag der Menschen und die Landschaften des Lebens in ihrer bedrohten Schönheit wieder als Objekt für sich entdeckt.
SZ: Nach welchen Kriterien sammeln Sie?
Rusche: Bei den alten Gemälden spielt neben der künstlerischen Qualität der Erhaltungszustand eine herausragende Rolle. Es muss ein für den Künstler typisches Gemälde sein oder - genau das Gegenteil - ihn aus einer neuen, unbekannten Perspektive zeigen. Der große Name interessiert mich dabei nicht. Lieber ein guter Schüler als ein zweitklassiger Rembrandt.
SZ: Lassen Sie sich beraten?
Rusche: Der Sammler muss eine Vorauswahl treffen und sich die letzte Entscheidung vorbehalten. Dazwischen gibt es Phasen der Beratung durch Kunsthistoriker, Galeristen oder die Experten der Auktionshäuser.
SZ: Wo kaufen Sie?
Rusche: Bei Galeristen und Sammlern, auf Auktionen und in Ateliers.
SZ: Wie hat sich der Kunstmarkt in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt?
Rusche: In der Nachkriegszeit gab es in der jetzt abtretenden Generation viele Sammler im deutschen Mittelstand. Der kultivierte Rechtsanwalt und gut verdienende Arzt schmückte seine Wände mit Gemälden Alter Meister oder der klassischen Moderne.
Das bürgerliche Kunstinteresse ist in den vergangenen Jahren jedoch wegen fehlender Kaufkraft weggebrochen. Auch tat sich die 68er-Generation mit der klassischen Malerei schwer und bei den Zeitgenossen sind oftmals die Preise weggelaufen .
Heute gibt es eine neue Schicht von Sammlern. Das sind zum einen reiche Investoren, die nicht selten Kunst als Spekulationsanlage sehen oder mit ihrer freien Liquidität versuchen, etwas Sinnvolles zu tun. Zum anderen gibt es Menschen, die sich mit brennendem Herzen für Kunst interessieren, auch wenn sie nur kleines Geld dafür ausgeben können.
SZ: Ist die überschüssige Liquidität eine Gefahr für den Kunstmarkt? Rusche: Nein und ja. Das viele Geld verleiht dem Kunstmarkt zunächst einmal Schwung, birgt aber wie in jedem ökonomischen Zyklus die Gefahr einer Überhitzung.
SZ: Und wie ist gerade die Temperatur?
Rusche: Für amerikanische und europäische Verhältnisse sehr heiß. Aber ähnlich wie auf den Rohstoffmärkten gibt es neue Käuferschichten aus Asien und Osteuropa, die erst am Anfang ihrer Sammlerleidenschaft stehen. So wird der Kunstmarkt von einer ganz neuen Dimension der Nachfrage beflügelt.
SZ: Wie führen Sie Ihre Kinder an die Kunst heran?
Rusche: Der große Unterschied zu meiner eigenen Erziehung ist: Als Einzelkind folgte ich meinem Vater, Schritt für Schritt. Mit meinen vier Kindern erlebe ich hingegen, wie sie sich gegenseitig ablenken und mir auch schon mal den Vogel zeigen, wenn ich mit ihnen ins Museum will. Das Internet mit seiner permanenten Bilderflut macht es für junge Menschen schwieriger, sich mit dem ruhenden Bild zu befassen.
Eine Erziehung ohne die virtuelle Welt wäre dennoch falsch, weil nicht zukunftsweisend. Mit der Zeit werden Menschen aber der Hektik beweglicher Bilder überdrüssig und entwickeln eine Sehnsucht nach dem ruhenden Bild in der analogen Welt. Der indirekten ästhetischen Prägung durch die Gemälde an der Wand können sich meine Kinder ohnehin kaum entziehen, denn unser Haus, unsere Geschäfte und unser Firmensitz in Oelde sind voller Kunst. Das prägt natürlich auch unsere Mitarbeiter und fasziniert die Kunden.
(SZ vom 05.04.2007)
Moderne Verwaltung