Interview: Gertrud Höhler "Beim Geld geht's nicht mit rechten Dingen zu"

Die Publizistin und Unternehmensberaterin Gertrud Höhler über den Umgang mit der "Geldreligion", den "Moral-Rambo" Peer Steinbrück - und das besondere Verhältnis von Frauen zum Geld.

Interview: Hans-Jürgen Jakobs

Gertrud Höhler hat eine farbenreiche Karriere hinter sich: von der Lyrikerin und Literaturprofessorin hin zur hochdotierten Politik- und Unternehmensberaterin. Die Pfarrerstochter aus Wuppertal ist öffentlich als Autorin, TV-Moderatorin und Rednerin in Erscheinung getreten, in den achtziger Jahren wurde sie mehrfach als Ministeranwärterin in CDU-Regierungen gehandelt. Bekannt wurden Beratungsmandate für die Deutsche Bank und Volkswagen.

Mit vielen Büchern hat Gertrud Höhler gesellschaftliche Debatten begleitet und stimuliert. Vor Kurzem erschien ihr Buch Götzendämmerung - die Geldreligion frisst ihre Kinder. Zum Gespräch in einem Münchner Hotel reist sie pünktlich aus ihrem Wohnort Zürich an. Der versprochene "Salon 1" ist besetzt, im Restaurant wird umgräumt - also findet das Gespräch über die Hochfinanz, politische Maulhelden, Gehälter und die fehlende Ethik in der in Rot gehaltenen Tagesbar statt.

sueddeutsche.de: Frau Höhler, in Ihrer Beschreibung des aktuellen Wirtschaftssystems sprechen Sie von "Geldreligion". Ist das nicht eine schöne, aber haltlose Überspitzung? Wo gibt es beispielsweise die Bibel oder den Koran dieser Geldgläubigen?

Gertrud Höhler: Ich habe beschrieben, wie es zur Sucht kommt, wenn man maßlos mit Geld umgeht. Und dass es eine Geldreligion gibt, weil hier Heilsversprechungen gemacht werden, die unerfüllbar sind. Das hat die Finanzkrise gezeigt. Da wurden alle Regeln außer Kraft gesetzt. Das ist wie mit der Gnade in der Religion, deren Botschaft ist: "Du brauchst nichts zu machen!" Auf die Wirtschaft bezogen, heißt das: "Du bekommst so oder so eine irrsinnige Rendite!"

sueddeutsche.de: Religion meint ein festgefügtes Glaubenssystem. Die Finanzwelt scheint eher ein Verbund materialistischer Anarchisten zu sein.

Höhler: Das Interessante ist, dass alle Religionen der Welt verbunden sind in der Abhängigkeit vom Geld. Schauen Sie sich doch nur den aktuellen Geldwäscheskandal im Vatikan an. Im katholischen Weltreich spielt Geld eine riesengroße Rolle. Man fragt sich: Warum geben die nicht alles den Armen, so wie es im Neuen Testament empfohlen wird?

sueddeutsche.de: Wie gelangt man in die Geldgemeinde der Finanzindustrie?

Höhler: Investmentbanker sagen mir, man müsse eine Glaubensbereitschaft an den Erfolg haben. Sonst wird das nichts. Es reicht nicht, nur ein guter Zahleningenieur zu sein. Das Gewerbe hat mit Ratio nur am Rande zu tun, es geht nicht mit rechten Dingen zu.

sueddeutsche.de: Gibt es in dieser Geldreligion, von der Sie reden, einen Papst?

Höhler: Es gibt große Gurus. Lange Jahre war das Alan Greenspan, der Chef der amerikanischen Notenbank. Er hat die Strategie der niedrigen Zinsen, die Wohlstand für alle versprach, in den USA zusammen mit der Politik ins Rollen gebracht, am Anfang mit Ronald Reagan. Mit dem US-Präsidenten Reagan begann die Ära der Deregulierung. Die Finanzkrise rund um den Crash der Lehman Bank vor zwei Jahren hat dieses Konzept entzaubert.

sueddeutsche.de: Nimmt die Geldreligion noch immer einen Platz ein, der ihr nicht gebührt?

Höhler: Die Gefahr des Absturzes ist außerordentlich groß, weil das Geld nach wie vor nicht mehr in Bezug zur realen Warenwelt unterwegs ist. Geldprodukte zielen auf Geldprodukte. Damit ist das Geld erst einmal befreit von der dumpfen Containerwelt, in der alles viel zu langsam geht. Das hat viele begabte junge Wirtschaftsleute erst so richtig angezogen.

sueddeutsche.de: Aber erklärt das den Kollaps des Finanzsystems?

Höhler: Alles zielt nur noch darauf ab, Geld mit Geld zu vermehren. Damit ist nicht mehr klar, wie die Qualität der Produkte zu messen ist. Vor der Finanzkrise hat man sich darüber einfach hinweggetröstet und gesagt: "Egal, guckt nicht hin. Jetzt wird erst mal kassiert!" Geldgeschäfte, die gut sind, zum Beispiel der Kauf von Weizen, haben immer Ziele, die mit Geld nicht zu bezahlen sind.

sueddeutsche.de: Die großen Problemfälle in den USA, die Subprime-Kredite, waren sehr wohl an konkrete Produkte gebunden, an Immobilien.

Höhler: Ja, aber der Zusammenhang war extrem verwässert. Wie konnte es passieren, dass sich die Geldgestalt so weit vom realen Produkt ablöst und dass niemand fragt: Entspricht die Immobilie dem Wert? Gibt es die überhaupt? Beim Skandal der "Neuen Heimat" vor 25 Jahren gab es viele Häuser nicht. Oder nehmen Sie China, die nächste Blase: Was wird da alles an hinfälligen Werten erzeugt! Ich sage, die Finanzkrise ist die Krise unseres Ethos.

sueddeutsche.de: Es sieht doch eher nach einem Aufsichtsproblem aus, nach mangelnder Kontrolle der Geldgeschäfte.

Höhler: Das wird allgemein von der Politik angenommen. Sie befindet sich jetzt in der Phase der Überregulierung des Finanzsystems. Die Folge ist, dass die Banken zu wenig Kredite geben, um die Wirtschaft in Gang zu halten.

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