Der Börsenpsychologe Rüdiger von Nitzsch über die Milliardenzockerei von Jérôme Kerviel und den täglichen Wahnsinn an den Finanzmärkten.
Seit ein paar Tagen staunen Menschen auf der ganzen Welt über das Phänomen Jérôme Kerviel. Wie kann es sein, dass ein 31-Jähriger eine Summe verspekuliert, die allen Jahresmieten sämtlicher Bewohner von Köln entspricht? Der Aachener Professor Rüdiger von Nitzsch hat herausgefunden, dass Männer zur Überschätzung ihrer eigenen Prognosen neigen - und mehr spekulieren als Frauen. Was jeden Tag an den Börsen passiert, hat für ihn "zum ganz überwiegenden Teil nichts mit Rationalität zu tun".
Rüdiger von Nitzsch wurde 1960 geboren. Von 1980 bis 1986 studierte er Informatik und Betriebswirtschaftslehre an der RWTH Aachen. Von Nitzsch promovierte und habilitierte sich an der Universität Köln. Seit 1996 ist er als Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der RWTH Aachen tätig. (© Foto: oH)
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SZ: Professor von Nitzsch, was geht in Jérôme Kerviel vor, der es wagt, nach Angaben der Bank die unglaubliche Summe von mehr als 50 Milliarden Euro aufs Spiel zu setzen und dabei die ebenso unglaubliche Summe von fünf Milliarden Euro zu verzocken?
Nitzsch: Ich vermute mal, dass es nicht seine Absicht war, der Bank zu schaden. Es war der Reiz, am großen Rad zu drehen und sein Wissen über die Lücken im Risikocontrolling auszunutzen, welches er sich durch seine vorherige Tätigkeit offenbar angeeignet hat.
SZ: Hat er noch ein Gefühl dafür gehabt, was die Summen bedeuten, mit denen er da jongliert?
Nitzsch: Allgemein ist häufig zu beobachten, dass Menschen bei abstrakten Daten, wie es zum Beispiel Zahlen oder Euro-Beträge sind, kein exaktes Gefühl besitzen, was eigentlich dahintersteckt. Dies mag insbesondere in der Situation des Händlers der Fall sein, der das Geschehen letztlich im Wesentlichen über den Bildschirm und die Tastatur steuert und erlebt.
SZ: Was macht den Thrill des Spekulierens aus?
Nitzsch: Zum einen das Risiko als besonderer Reiz, den einige Menschen brauchen. Hier gibt es allerdings sehr starke individuelle Unterschiede. Zum anderen die Chance, ohne viel Arbeit oder Aufwand beträchtliche Gewinne zu generieren.
SZ: Ist Spekulieren eine Sucht?
Nitzsch: Nicht grundsätzlich, und in den meisten Fällen wohl auch nicht. Aber sicherlich gibt es Marktteilnehmer, die extrem unglücklich wären, wenn sie nicht mehr spekulieren dürften.
SZ: Es sind häufig junge Männer, die das große Rad drehen. Nick Leeson, Jesse Livermore, Jérôme Kerviel. Warum?
Nitzsch: In einer unserer empirischen Untersuchungen haben wir sehr gut sehen können, dass tatsächlich Männer deutlich mehr als Frauen zur Spekulation neigen. Und: Sie neigen zur Überschätzung der eigenen Prognosefähigkeiten. Zudem stimmt es auch, dass diese Überschätzung bei jüngeren Männer besonders hoch ausfällt. Der Einfluss des Alters lässt sich leicht mit der fehlenden Erfahrung erklären. Denn es ist genau die Erfahrung, die einen lehrt, dass die eingebildete Kontrolle eben doch nicht vorhanden ist.
SZ: Sie haben geschrieben: "Der Mensch neigt zur Kontrollillusion. Er bildet sich ein, den Markt kraft eigener Prognosen im Griff zu haben." Ist das hier so ein Fall?
Nitzsch: Das sieht sehr danach aus. In der Tat ist der ganz überwiegende Teil der Handelsaktivititäten, die man täglich an den internationalen Kapital- und Finanzmärkten beobachten kann, nicht auf rationale Beweggründe zurückzuführen, sondern darauf, dass sich die handelnden Marktteilnehmer überschätzen und meinen, schlauer zu sein als der Markt. Dies ist genau die empirisch klar nachgewiesene Kontrollillusion der Marktteilnehmer. Tatsache ist vielmehr, dass auch ein noch so ausgeklügeltes Prognosesystem kurzfristig die Marktbewegungen einfach nicht stabil vorhersagen kann.
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