Interview: Thomas Öchsner

Der Mannheimer Professor Martin Weber über die Trägheit des Menschen, den ewigen Interessenkonflikt zwischen Bank und Kunde - und den Schwesterkuss.

Der Mannheimer Ökonom und Bankenexperte Martin Weber, 55, ist ein Mann der klaren Worte. Bankkunden, sagt er, sollte klar sein, dass "es zwischen ihnen und der Bank einen klaren Interessenkonflikt gibt". Schließlich wolle das Unternehmen mit ihnen Geld verdienen. Weber warnt deshalb davor, unvorbereitet zu einer Anlageberatung zu gehen - und zu viel zu erwarten. Wer kein Risiko eingehen wolle, müsse "bescheiden sein".

Börse

(© Foto: AFP)

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SZ: Herr Weber, der Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahneman hat einmal gesagt, im Umgang mit Geld seien die Menschen besonders unvernünftig. Sehen Sie das auch so?

Martin Weber: Ob beim Sex, beim Essen oder Trinken - es gibt einige Lebensbereiche, in denen neigen die Menschen zur Unvernunft. Beim Thema Geld ist das nicht anders. Hier fallen das intuitive beziehungsweise menschliche Verhalten und das optimale Verhalten auseinander.

SZ: Meinen Sie damit zum Beispiel die Lust der Deutschen am Sparbuch? Da gibt es teilweise nicht einmal ein Prozent Zinsen. Und trotzdem lassen die Bankkunden dort viele Milliarden schlummern.

Weber: Ja, die Leute sagen sich intuitiv, das Sparbuch ist doch eine gute Idee. Da gibt's Zinsen, das Geld ist sicher angelegt, und ich kann da reingucken. Ein optimales Anlageverhalten ist das allerdings nicht. Die Kunden könnten ihr Geld ja auch genauso sicher auf einem höher verzinsten Tagesgeldkonto bei einer anderen Bank anlegen.

SZ: Warum tun es dann viele nicht?

Weber: Sie sind zu träge oder wissen nichts davon und werden von ihrer Bank auch nicht über bessere Alternativen informiert. Warum sollte sie auch? Solange das Geld auf dem niedrig verzinsten Sparbuch liegt, kann die Bank bequem gutes Geld verdienen. Das ist wie beim Metzger, der sagt mir ja auch nicht, dass es bei seinem Konkurrenten gegenüber eine andere viel bessere Wurst gibt.

SZ: Was heißt das für einen Bankkunden, wenn er für ein Beratungsgespräch eine Bankfiliale aufsucht? Was sollte er beachten?

Weber: Den Kunden sollte klar sein, dass es zwischen ihnen und der Bank einen klaren Interessenkonflikt gibt. Die Bank will mit den Kunden Geld verdienen und verkauft wie der Metzger gerne auch ein bisschen mehr. Die Kunden wollen eine möglichst gute Beratung und Hilfe bei ihren Geldanlageentscheidungen. Ob sie das in dieser Filiale bekommen, müssen sie selbst herausfinden.

SZ: Wie kann sich ein Kunde denn auf so ein Verkaufs- beziehungsweise Beratungsgespräch am besten vorbereiten?

Weber: Es geht darum, sich ein paar Grundregeln klarzumachen. Omas sagen gerne: "Von nix kommt nix." Übertragen auf Geldanlagen heißt das: Ohne ein Risiko einzugehen, gibt es keinen zusätzlichen Ertrag. Da sollte man bescheiden sein. Ein Kunde muss zum Beispiel wissen, dass derzeit nur drei bis vier Prozent Zinsen risikolos zu bekommen sind. Und dass er damit nach Abzug der Inflationsrate und der Steuer möglicherweise bei null liegt. Oder dass mit Aktienanlagen im langfristigen Jahresdurchschnitt etwa eine Rendite von sieben bis acht Prozent möglich ist.

SZ: Und wenn der Bankberater sieben oder acht Prozent verspricht und sagt, dabei könne nichts schiefgehen?

Weber: Wenn er das tut, ohne auf das mögliche Risiko hinzuweisen, würde ich aufstehen und sofort gehen.

SZ: Würden Sie das auch tun, wenn der Bankberater ungern über Gebühren redet?

Weber: Ja, sicherlich. Gerade bei langfristigen Anlagen sind die Gebühren extrem wichtig. Ihre Bedeutung wird häufig deutlich unterschätzt.

SZ: Können Sie dafür ein Beispiel geben, etwa für einen Fondssparplan?

Weber: Angenommen, ein Anleger spart 300 Euro pro Monat in Aktienfonds 30 Jahre lange an. Die Verwaltungs- und Managementgebühren betragen realistischerweise 1,5 Prozent jährlich. Die Wertentwicklung der Fonds beläuft sich auf durchschnittlich sieben Prozent pro Jahr. Nach 30 Jahren verfügt der Anleger dann über eine Summe von 264.923 Euro, ohne die Gebühren wären es aber viel mehr, nämlich genau 352.819 Euro. Das sind fast 100.000 Euro Unterschied!

SZ: Ein anderes Phänomen, das Anleger tendenziell unterschätzen, ist der Zinseszinseffekt. Der Wirtschaftsweise und Regierungsberater Bert Rürup nannte ihn "das achte Weltwunder". Warum wird dieser Effekt so verkannt?

Weber: Denken Sie an die Geschichte mit dem Reiskorn und dem Schachfeld. Der Erfinder des Schachspiels soll angeblich für seine Erfindung folgenden Lohn gefordert haben: Für das 1. Feld ein Reiskorn und für jedes weitere Feld doppelt so viel Körner wie für das vorangehende Feld. Das ergibt auf dem 64. und letztem Schachfeld mehr als neun Trillionen Reiskörner. Ähnlich ist es beim Zinseszinseffekt. Das können wir Menschen uns aber schlecht vorstellen. Ich glaube, das liegt daran, dass wir gewohnt sind, linear zu denken. Exponentielles Wachstum ist für uns schwierig zu verstehen.

SZ: Alle Finanzberater empfehlen wegen des Zinseszinseffekts, möglichst früh mit dem Sparen anzufangen. Sehen Sie das genauso?

Weber: Grundsätzlich ist dieser Ratschlag sicherlich nicht falsch. Nur sollte sich jeder schon gut überlegen, ob es nicht besser ist, zunächst einmal Geld auszugeben, um später mehr zu verdienen. Überspitzt gesagt, ein junger Mann könnte ja Geld für Tennisstunden investieren, um seine Chancen zu verbessern, eine reiche Frau kennenzulernen. Oder er könnte, und das meine ich jetzt ganz ernsthaft, ein paar tausend Euro für Fremdsprachenunterricht ausgeben. Das ist wahrscheinlich viel einträglicher, als das Geld zu sparen, weil er so die Chancen auf einen besseren Job und ein dauerhaft höheres Gehalt steigert.

SZ: Anleger sollten sich also lieber über grundsätzliche Fragen Gedanken machen, statt sich den Kopf zu zerbrechen, ob für ihr Depot ein Asien- oder Klimafonds besser ist?

Weber: So ist es. Wir sollten uns eine Vorstellung davon machen, wie unser Konsumpfad ist, also welche Anschaffungen wie ein Auto, eine Immobilie oder eine Einbauküche anstehen und wie diese zu finanzieren sind. Auf der anderen Seite ist die Einkommensentwicklung zu bedenken. Wie viel Geld kann ich zurücklegen, und was brauche ich im Ruhestand? Und dann sollte der Anleger festlegen, wie viel er zum Beispiel in sichere Anleihen, in Aktien oder ein Tagesgeldkonto investieren will.

SZ: Sie halten also nichts von allgemeinen Faustregeln, wie zum Beispiel, dass die Aktienquote am Gesamtdepot 100 minus dem Lebensalter betragen soll.

Weber: Gar nichts. Jeder muss selbst wissen, mit wie viel Risiko er gut schlafen kann.

SZ: Aber Aktien sollten schon dabei sein?

Weber: Unbedingt. Mit Aktien habe ich die gute Chance, mehr Geld zu verdienen. Das ist der Lohn für das Risiko. Aktien sind doch eine phantastische Sache. Was die Linken uns gepredigt haben - die Beteiligung der Bürger am Produktivvermögen - ist jetzt spielend leicht möglich.

SZ: Das sehen die meisten Bürger aber anders. Nachdem sie sich am neuen Markt und mit der Telekom-Aktie die Finger verbrannt haben, sagen die lieber "Aktien, nein danke".

Weber: Weil sie nur auf die Vergangenheit schauen. Alle unseren wissenschaftlichen Erkenntnisse sagen uns aber, dass die Vergangenheit für die Zukunft der Kurse keine Rolle spielt. Und die ist entscheidend.

SZ: Also ist es völlig egal, wann ich einsteige?

Weber: Im Prinzip ja. Es kommt aber darauf an, wie sie es tun. Mein Rat lautet: so einfach wie möglich investieren.

SZ: Und das heißt?

Weber: Indexfonds kaufen. Damit ist der Anleger über einen Fonds an einem Aktienindex beteiligt wie zum Beispiel dem Euro Stoxx 50, der die Kursentwicklung von 50 großen europäischen Unternehmen aus der Eurozone abbildet. Dem Anleger gehört dann sozusagen ein winziges Stück von BASF, Renault und zum Beispiel von Philips.

SZ: Und was sind die Vorteile?

Weber: Die Gebühren sind viel geringer als bei den klassischen Aktienfonds, weil sie nur passiv einen Index abbilden und keinen Fondsmanager bezahlen müssen, der wie bei den klassischen Aktienfonds die Papiere aussucht und selbst gewichtet. Außerdem bringen die Indexfonds meist auch mehr Rendite, weil es den Fondsmanagern nicht gelingt, besser als der Marktdurchschnitt zu sein. In sogenannten effizienten Märkten wie in Nordamerika oder Europa haben alle die gleichen Informationen, da ist es kaum möglich, durch eigene Aktienauswahl besser als der Markt abzuschneiden.

SZ: Das macht aber weniger Spaß, als selbst mit einzelnen Aktien zu spekulieren. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Samuelson, selbst ein großer Befürworter von Indexfonds, hat über diesen Anlagestil einmal gesagt, das sei etwa so aufregend, wie seine eigene Schwester zu küssen.

Weber: Ja, ja, oder wie der Farbe beim Trocknen zuzusehen. Aber es bringt mehr. Wir haben Tausende Portfolios von Privatanlegern bei Direktbanken analysiert. Das Ergebnis ist ernüchternd. Investoren mit Einzeltiteln haben im Durchschnitt eine um zwei bis drei Prozentpunkte geringere Rendite als der Markt - meist ohne dies selbst zu wissen. Das ist enorm viel. Ich halte deshalb auch überhaupt nichts von "Volksaktien".

SZ: Und wenn doch ein privater Aktienbesitzer besser ist?

Weber: Das kann ja mal ein, zwei Jahre lang passieren. Aber das ist dann reiner Zufall. Wer dauerhaft besser als der Markt ist, muss ein Genie sein wie der amerikanische Großinvestor Warren Buffett. Und das sind die wenigsten.

SZ: Sie halten vermutlich auch wenig von Prognosen?

Weber: Ein Analyst oder Banker kann eine Meinung zum Aktienmarkt haben. Aber Prognosen, wo der Deutsche Aktienindex Ende des Jahres stehen könnte, sind Unsinn. In die Zukunft schauen kann man nur mit der Kristallkugel - wie Frau Schlotterbeck, die staatlich geprüfte Wahrsagerin in Otfried Preußlers "Räuber Hotzenplotz".

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(SZ vom 23.10.2007/hgn)