Interview Glimmende Gebäude statt grellbunte Farben

Der Architekt Amandus Sattler findet es erstrebenswert, dass Kommunen zusammen mit Experten einen Masterplan für die Beleuchtung des Stadtraumes entwickeln.

Von Interview: Oliver Herwig

Für Respekt angesichts der verwendeten Baumaterialien und einen zurückhaltenden Umgang mit Licht plädiert Amandus Sattler vom Büro Allmann Sattler Wappner in München. Der Architekt betrachtet es als Herausforderung, Stadträume professionell zu illuminieren.

SZ: Welchen Stellenwert hat die Lichtplanung der Fassade bei einem Neubau?

Sattler: Bei unserer Architektur hat sie bislang keinen großen Stellenwert. Bei unserem Hotelprojekt in München- Riem haben wir die vorgestellte Glasfassade aus dem Zwischenraum leicht beleuchtet. Wir setzen auf die Kraft der Materialität, auf die Vielfalt der Baustoffe und deren Fähigkeit, Licht zu reflektieren. Wenn wir mit transluzenten Materialien arbeiten, steht im Vordergrund, wie das natürliche oder künstliche Licht das Material anregen und sichtbar machen kann, wie sich das Licht vielfältig bricht und das Gebäude vielschichtig darstellt. Effektlicht an Fassaden oder Flutlichtbestrahlungen sind nicht unser Interesse.

SZ: Trotzdem gibt es spektakuläre Lichtinszenierungen. Was können Lichtkünstler, was Architekten noch nicht können?

Sattler: Lichtkünstler arbeiten sehr differenziert mit Licht und Farbe, im Alltag wird das dann häufig schlecht kopiert und wirkt aufgesetzt. Grundsätzlich wird viel zu viel Licht gemacht - ein behutsamerer Umgang mit den Beleuchtungsstärken wäre besser. Interessant ist auch, dass die LED-Technik oft als zu lichtschwach abgetan wird, aber es kann viel effektvoller sein, eine Wand mit ein paar Watt anzuregen, sie glimmen zu lassen statt mit 1000 Watt anzustrahlen.

SZ: Daraus spricht eine gehörige Skepsis gegenüber Lichtinszenierungen.

Sattler: Lichtplanung sollte sich nicht nur auf eine Inszenierung von Fassaden beschränken, auch, weil es für das Stadtbild schwierig wird, wenn einzelne Gebäude zu dominant auftreten. Viel reizvoller an der Nacht ist die Umkehrung des Tages - dunkle Fenster in heller Fassade werden helle Fenster in einer dunklen Fassade.

SZ: Es geht Ihnen also um differenzierte Fassaden?

Sattler: Bei Lichtinszenierungen im öffentlichen Raum bin ich generell skeptisch, auch wenn es hervorragende Beispiele gibt, etwa den Neubau Süd der Münchener Rück von Baumschlager und Eberle. Dort sind LED-Leuchten an der Kante der wie Schuppen aufgereihten Gläser unsichtbar befestigt, die Glasscheiben beginnen in der Dunkelheit zu glimmen, nur ganz leicht, wie aus sich heraus. Ein schöner Effekt.

SZ: Weniger ist mehr, wieder einmal?

Sattler: Mit Licht sollte man behutsam umgehen. Es gibt ja krasse Gegensätze, Hongkong ist ein Lichtermeer, in Havanna dagegen gibt es fast gar kein Licht. Beide Zustände sind unglaublich beeindruckend, besonders wenn man nach einer Weile merkt, dass man sich auch fast ohne Licht sicher durch die Straßen bewegen kann. Bei uns gibt es manchmal eine regelrechte Lichtverschmutzung, die mich stört. Allzu grelle Effekte sind einfach unangenehm, da wünscht man sich, dass der Strom ausfällt, wenn man an so manchen farbig illuminierten Häusern vorbeifährt.

SZ: Was sollten Lichtplaner deshalb bedenken?

Sattler: Wir haben eine andere Lichtwahrnehmung als früher, der dramatische Umgang mit Licht und Schatten ist verloren gegangen. Unsere Empfindung hat sich wie die digitale Fotografie entwickelt, in die diffuse helle Unschärfe. Die scharf konturierte und rhythmisierte Fassade ist passé. Ein Weg wäre, das Schemenhafte und Vielschichtige durch die Beleuchtung herauszuholen, das Geheimnisvolle zu inszenieren. Das Knallige ist vordergründig, man sieht sich das sehr schnell satt. Viel interessanter ist es, wenn wir Licht so einsetzen, dass die Gebäude anfangen zu glimmen, wie in der Blauen Stunde, wenn die Dinge aus sich heraus leuchten.

SZ: Wie reagieren historische Gebäuden, die in ein neues Licht gerückt werden, etwa mit Up-Lights, Leuchten, die vom Boden aus die Fassade anstrahlen?

Sattler: Architekten in früheren Zeiten haben die Fassaden so konzipiert, dass der natürliche Lichteinfall von oben die Ornamentierung, Gesimse und Strukturen hervorgehoben hat. Durch die Belichtung von unten wird ein völlig neues, möglicherweise nicht geplantes Bild geschaffen. Wenn ich so etwas sehe, denke ich mir oft: Wie geschult im Umgang mit Licht sind die Entscheider von Beleuchtungseffekten? Wäre es nicht spannend, so etwas wie einen Masterplan für das Licht einer Stadt mit Fachleuten auszuarbeiten, und es nicht dem Zufall und der Beleuchtungsindustrie zu überlassen, wer, wie, was beleuchtet?